Das Lied

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H. Hegemann, S. Burkhardt

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Forderung nach vermehrter Quellen- und Medienarbeit ist in den vergangenen Jahren immer lauter geworden. Lehrer/innen sollen sich in Medien- und Methodenkompetenz schulen und fortbilden, um Ihren Schüler/innen dieselbe vermitteln zu können. Im Laufe der Geschichte hat sich bezüglich Medienarbeit und Medienumgang ein Modernisierungsprozess in Gang gesetzt. Dieser ist jedoch nicht erst im Zeitalter von Multimedia entstanden, sondern reicht weit über die Französischen Revolution zurück. Doch gerade im heutigen Zeitalter der Globalisierung sind der Einsatz von Medien und der geschulte Umgang mit Ihnen unerlässlich. Im Vorwort zur Schrift „ Konsum und Wirkung elektronischer Medien bei Kinder und Jugendlichen“ heißt es, dass die rasante technische Entwicklung dazu geführt habe, dass sich insbesondere die jüngere Generation permanent mit Medien beschäftigt“. [1] Sowohl das Handy, als auch der Computer und das Internet sowie weitere klassische Medien wie der Fernseher und das Radio sind im Alltag der Kinder und Jugendlichen allgegenwärtig und beeinflussen die heranwachsende Generation enorm. Demensprechend kann eine Auseinandersetzung mit Medien im Unterricht einen positiven Einfluss auf das Unterrichtsgeschehen haben. Als Alternative zum klassischen Geschichtsunterricht werden immer mehr Medien, wie Filme oder die Internetrecherche eingesetzt, dabei werden nicht nur Informationen vermittelt, sondern die Schülerinnen und Schüler können sich Geschichte selbst erarbeiten. Doch viele weitere Medien und Quellen werden im Geschichtsunterricht nur selten eingesetzt, so auch das Lied.

Aus diesem Grund ist es wichtig, dass in der Schule der richtige Umgang erprobt wird. Der Geschichtsunterricht bietet hierzu endlose Möglichkeiten. Er ist prädestiniert für die Arbeit mit Quellen und den Einsatz verschiedener Medien. Als Quellen bezeichnet man verschiedenste Dokumente und Gegenstände, anhand deren man Kenntnisse über die Vergangenheit gewinnen kann. [2] Dazu zählt auch das Lied, welches als historische Quelle zur Alltags- und Mentalitätsgeschichte zählt. [3]. Im weiteren Verlauf wird zunächst einmal der Begriff und die Bedeutung des Liedes geklärt, wobei im nächsten Schritt einige Untergattungen kurz vorgestellt werden. Anschließend wird die Verwendung des Liedes im Unterricht näher erläutert. Hierzu werden zuerst die Vorteile, dann die möglichen Probleme aufgeführt, bevor abschließend die didaktisch-methodische Vorgehensweise beispielhaft im Unterricht skizziert wird.

Allgemeines

Definition und Bedeutung

Eine einheitliche Definition für den Begriff des Liedes ist äußert schwierig ausfindig zu machen. Auch die Forschung hat sich bisher nur unter bestimmten Fragestellungen mit politischen und unpolitischen Liedern beschäftigt. Meist sind es Musikwissenschaftler, die sich mit diesen Quellen der Vergangenheit auseinandersetzen. Betrachtet man die Untergattungen des Liedes, von denen später noch die Rede sein wird, ist eine Definition des Begriffs deutlich einfacher. Im Duden der deutschen Rechtschreibung steht folgendes geschrieben: Das Lied ist ein „auf eine bestimmte Melodie gesungenes ( lyrisches, meist aus mehreren gleich gebauten und gereimten Strophen bestehendes ) Gedicht bzw. Melodie, die einem Gedicht unterlegt ist [4].“ Im schulischen Kontext spricht man bei Liedern von einem akustischen Unterrichtsmittel, zu welchen neben den Liedern auch Tonaufzeichnungen, wie beispielsweise Hörspiele zählen.

Das Lied bzw. das Singen von Liedern war bis zum heutigen multimedialen Zeitalter ein wichtiger Bestandteil des alltäglichen Lebens. In Liedern wurden Stimmungen, Empfindungen und Haltungen der damaligen Zeit deutlich. Es war ein grundlegendes Medium der menschlichen Kommunikation und der gemeinschaftlichen Selbstvergewisserung ( = Bestätigung des Selbstbildes). Zur Zeiten der Weimarer Republik und der folgenden NS-Zeit kam dem Lied, vor allem in Deutschland, eine ideologische Aufwertung zuteil. Das gemeinsame Singen wurde zu einem Gemeinschaftsritual und wirkte sich gemeinschaftsstiftend auf die Gesellschaft aus. Durch das Medium Lied wurden vor allem politische Botschaften massenpsychologisch propagiert, da es im frühen 19.Jahrhundert noch nicht die heutigen technischen Mittel zur Verbreitung gab. Lieder fördern aber vor allem Identifikationsprozesse. Gut deutlich wird dies an der regionalen Identität, welche durch die jeweiligen Landeshymnen gestärkt werden. [5]. So haben Lieder mehrere wichtige Funktionen, von denen nur einige ausgewählte hier aufgeführt sind.

1. Zum einen vermitteln Lieder Ideen und Leitbilder auf gefühlsbetonte Weise .

2. In Gruppen verschiedener Schichten und/oder Ausrichtungen schaffen Lieder ein Gemeinschaftsgefühl, das beim gemeinsamen Singen und Musizieren oder bei der Rezeption von Musik entstehen kann.

3. In diesem Zusammenhang steht ebenfalls, dass dadurch Gruppen in ihrem Selbstbild gefestigt und bestätigt werden und somit wird eine Abgrenzung nach Außen geschaffen.

Ein ebenso wichtiger Aspekt ist, dass Lieder Mittel sind bzw. sein können, um Menschen zu beeinflussen und zu steuern [6]. Da durch Musik meist individuelle Gefühle, Ansichten und Emotionen eingebracht werden, kann dadurch ein subjektiver, perspektivischer und authentischer Einblick in eine bestimmte Zeit oder ein Ereignis erlangt werden. Gesangsstücke wurden immer innerhalb bestimmter Schichten gesungen und weiterverbreitet, dadurch können entsprechend Informationen über diese gewonnen werden. Besondere Bedeutung haben hierbei die Gesellschaftsschichten, über die wenig Erkenntnisse und Quellen vorliegen. Das betrifft vor allem die niederen Stände beziehungsweise Schichten. Durch diese Perspektive von unten können Informationen über das einfache Leben der Bevölkerung gewonnen werden, denn bei deren Liedern werden häufig alltägliche und soziale Gesichtspunkte eingebaut.

Lied – Gattungen

Als „Überbegriff“ für Lieder, die vor allem im Geschichtsunterricht von Bedeutung sind, steht das sogenannte historisch-politische Lied. Darunter zählen alle Lieder, die eine politische Einstellung oder Meinung transportieren. Sie sollen vor allem das Geschichtsbewusstsein ansprechen und stellen eine Volkstradition dar. Anhand von Liedern können Schülerinnen und Schüler die Intensionen eines Staates, einer Bewegung oder einer Partei untersuchen.

Folgende Untergattungen sind hierbei im Einzelnen zu erwähnen:

Klagelieder

Sie drücken Leiden, Beschwerden und Wünsche, vor allem nach Veränderung, der kleinen/einfachen Leuten aus. Sie stellen dar, wie diese von historischen Ereignissen und Lebensumständen betroffen sind/waren. Außerdem bringen sie deren Befindlichkeiten zum Ausdruck, es geht dabei vor allem um die Gefühle der Geschichte, weniger um die konkreten Ereignisse. Durch Klagelieder versuchen sich die Unterdrückten zu befreien und zu entlasten.. Beispiele hierfür sind Bauern-, Gesellen- und Soldatenklagen.

Protestlieder

Hierbei handelt es sich ausdrücklich um Anklage und nicht um Klage. Sie prangern Missstände an und benennen oft Schuldige. Die Betroffenen suchen nach Gründen für ihre unbefriedigende Situation. Desweitern vermitteln sie zeitgenössische Wertungen, Stellungnahmen und urteilen über Umstände und Personen, oftmals wird dabei auch Gesellschaftskritik geübt. Durch die Lieder wird eine Möglichkeit gesehen, die Problematik in die Öffentlichkeit zu stellen. Beispiele hierfür sind vor allem Protestlieder der deutschen Revolution 1848/49 und der 1960er Jahre.

Propagandalieder

Diese haben eine intendierte Wirkung, da sie gezielt eine bestimmte (politische) Meinung vertreten und repräsentieren. Diese Lieder haben ideologische Wirkungsabsichten, um Staaten/Parteien und deren Ziele zu verbreiten. Sie dienen der Beeinflussung und wollen Menschen formieren bzw. einen kämpferischen Gemeinschaftsgeist erzeugen. Die Verbreitung solcher Lieder beruht auf der Tatsache, dass man sich der emotionalen Wirkung von Gesangsstücken bewusst ist. Ziel des Ganzen ist es, den Kampfgeist der Bevölkerung anzustiften und diese als Anhängerschaft zu gewinnen. Beispiele hierfür findet man vor allem im nationalen Liedgut des 19.Jahrhundert. Außerdem in Liedern der Arbeiterbewegung und der NS-Zeit oder aber auch „sozialistische Massenlieder.“

Stimmungslieder

Sie vermitteln kollektive Stimmungen einer bestimmten Zeit. Durch sie werden Emotionen und Gefühle der Menschen bzw. Gesellschaftsgruppen deutlich und nachvollziehbar. Beispiele hierfür sind Revolutionslieder der französischen Revolution wie „Marseillaise“ oder „Carmagnole“.

Einsatz des Liedes im Geschichtsunterricht

Vorteile

Lieder weisen viele Vorteile auf, die für die Verwendung im Unterricht sprechen. Auf Grund ihrer doch recht einfachen Machart haben sie eine besonders gut verständliche Wirkung und sind so leichter, als andere Medien/Quellen zu durchschauen und zu verstehen. Sie haben aufgrund ihres hohen Informationsgehaltes einen enormen Quellenwert. Durch die selbsttätige Begegnung der Schülerinnen und Schüler mit historischen Zeugnissen bekommen diese durch die Auseinandersetzung mit dem Lied eine bessere Vorstellung der Ereignisse und Lebensverhältnisse jener Zeit. . Des Weiteren vermitteln Lieder ein sehr lebendiges Bild von Stimmungen vergangener und gegenwärtiger Situationen in der Gesellschaft , als es mit reinen Textquellen möglich wäre. Lieder vermitteln Emotionen, Intentionen und stellen verschiedene Perspektiven dar, die durch sie leichter nachzuvollziehen sind. Schüler/innen vermitteln sie ein tieferes Verständnis für Manipulierbarkeit. Dieses Verständnis lässt sich vor allem an nationalsozialistischem Liedgut ausmachen und festigen. In diesen können auch die verschiedenen Mittel der Beeinflussung auf die Bevölkerung erfasst und bewertet werden. Oftmals fällt es Schüler/innen schwer sich in vergangene bzw. andere Situationen hineinzuversetzen. Liedern helfen Ihnen durch ihre illustrative Art und Weise dabei Verständnis dafür zu entwickeln [7] Dadurch, dass Lieder auch die affektiv-emotionale Komponente, also die aus der Erfahrung kommende Bereitschaft (Prädisposition) eines Individuums in bestimmter Weise auf eine Person, eine soziale Gruppe, ein Objekt, eine Situation oder eine Vorstellung wertend zu reagieren, was sich im kognitiven (Annahmen und Überzeugungen), affektiven (Gefühle und Emotionen) und behavioralen (Verhaltensweisen) Bereich ausdrücken kann, beinhalten, machen sie den Unterricht zu einem Ort der Selbsterfahrung [8]. Somit liefern Lieder nicht nur historische Informationen, sondern vermitteln auch einen Eindruck über die Mentalität und Sprache in verschiedenen sozialen Schichten.

Nachteile

Lieder weisen nur wenige Nachteile, die gegen eine Benutzung im Unterricht sprechen, auf. So ist vor allem an das Urheberrecht zu denken und ihm besondere Beachtung zu schenken, damit keine Unannehmlichkeiten auftreten. Darüber hinaus bieten Lieder keine Erschließung der Qualität, wie es bei anderer aufwendig inszenierter Vokalmusik wie beispielweise Opern, Kunstlieder, Chorgesang, Schlager & Pop, aber auch Kabarettmusik und Rockkonzerten der Fall ist. Der wohl aber größte Nachteil, stellt gleichzeitig auch einen Vorteil dar, die Vermittlung von Emotionen und Gefühlen. Diese sind immer subjektiv und deshalb sehr kritisch zu betrachten und zu reflektieren [9]. Die Schülerinnen und Schüler müssen erkennen, dass man sich nicht auf den Wahrheitsgehalt einer Quelle verlassen darf. Doch auch das stellt im Grunde genommen keinen Nachteil bei der Arbeit mit Liedern dar, denn gerade diese Erkenntnis ist ebenfalls ein Ziel des Lernprozesses beim historischen Lernen. Demnach sollen die Schüler sich kritisch mit Liedern auseinandersetzen und fördern so ihre Medienkompetenz auch im Umgang mit heutigen Musikquellen.

Beispielhafte Anwendung im Unterricht

Traut sich eine Lehrkraft an das Medium bzw. die Quelle „Lied“ heran, so wird dieser Mut belohnt werden. Im Folgenden soll eine beispielhafte Anwendung im Unterricht kurz skizziert werden. Hierbei wird allerdings kein spezielles Lied als Beispiel gegeben, sondern lediglich eine generelle Vorgehensweise für die Verwendung des Liedes im Unterricht, die als Orientierungshilfe dienen soll. Auch die Stellung des Liedes wird hier nicht festgelegt, da es sich an jeder Stelle des Unterrichtes einsetzen lässt; sei es als illustrativer Einstieg in ein Thema, an zentraler Stelle oder als Fokussierung bzw. Lernzielkotrolle zum Ende einer Stunde oder als Ausstieg aus einer Unterrichtseinheit. Um ein Lied angemessen als Quelle im Unterricht einzusetzen, sollte dieses als zentraler Unterrichtsgegenstand im Mittelpunkt stehen.

Zu Beginn muss das Lied erst einmal kennen gelernt werden. Dies kann auf unterschiedliche Art und Weise geschehen. Entweder wird das Lied in der Originalfassung oder aber in einer guten Nachbearbeitung vorgespielt oder die Lehrkraft, ein/e Schüler/in oder die gesamte Klasse singen das Lied gemeinsam (vor). Hierfür sprechen vor allem folgende Punkte: Durch das gemeinsame Singen gelangt das Lied bereits zu Beginn in ein anderes Bewusstsein und die Schüler/innen können hier schon Emotionen und Wirkungen (an sich selbst) erfahren. Des Weiteren wird das Vorstellungsvermögen verbessert, wie sich Singen auf Menschen auswirken kann und es bietet sich die Möglichkeit, gezielte Ausschnitte herauszugreifen und zu betrachten. Außerdem sind Experimente mit Alternativen möglich, die den Charakter eines Liedes und dessen Wirkung verdeutlichen. Dies ist beispielsweise bei Hymnen oder Marschliedern der Fall. Deren musikalischen Gestaltungselemente, wie Rhythmus oder Melodik, isoliert betrachtet, nachgeahmt oder interpretiert werden können.

Kennen die Schüler/innen das Lied nun bzw. haben sie einen ersten Eindruck davon erhalten, geht es nun darum diesen festzuhalten und die Wirkung zu systematisieren. Dies lässt sich in erster Linie mit Hilfe eines sogenannten Polaritätsprofils bewerkstelligen. Darunter versteht man ein Messverfahren der empirischen Sozialforschung. Mithilfe von charakterisierenden Gegensatzpaaren, wie z.B. schnell – langsam, die meist tabellarisch dargestellt werden, soll der Eindruck bzw. die Wirkung festgehalten und verglichen werden. Mithilfe von Tonhöhen-, Lautstärken- und Tempolinien, die über den Noten bzw. dem Liedtext eingezeichnet werden, lässt sich außerdem der Zusammenhang von sprachlichem Inhalt und musikalischen Mitteln feststellen. Somit kann zugleich das Wort-Ton-Verhältnis untersucht werden. Die zentrale Frage hierbei ist, ob die Musik zum Text passt und umgekehrt. Bei der Verwendung des Liedes im Geschichtsunterricht kann bei der musikalischen Analyse auf Notenkenntnisse verzichtet werden[10].

Die beiden folgenden Schritte betreffen zuerst die Text- danach die Musikalische Analyse. Beide unterliegen den allgemein gültigen Analysevorschriften. Bei der Textanalyse nähert man sich zuerst einmal dem Text an: Wer hat ihn verfasst? An wen richtet er sich? Danach widmet man sich dem Inhalt: Welches Geschehen stellt er dar? Ort und Zeit? Handlungsträger? Bei der Analyse der Textstruktur schaut man nach Gliederung, Spannungsbögen und evtl. Höhepunkten. Aber auch die Perspektive und Chronologie ist von Bedeutung. Anschließend wird die Sprache analysiert. Das heißt man schaut nach auffälligen Begriffen und stilistischen Mitteln. Abschließend wird die zugrunde liegende Intention geklärt und der Text in eine Epoche eingeordnet. Wichtig ist dabei, das Lied in seinen historischen Kontext zu stellen. Bei der Musikalischen Analyse wird die Musik unter formalen, harmonischen, rhythmischen und motivisch-thematischen Aspekten betrachtet. Rainer Beddig hat hierbei insbesondere festgestellt, dass man durch gezieltes Fragestellen an das Lied sogenannte Strukturmomente erhält, die dazu beitragen es besser zu verstehen und einzuordnen. Folgende Auflistung soll dies verdeutlichen:

Strukturmomente

Um was für eine Art von Lied handelt es sich? Was ist der Zweck des Liedes? Damit soll erfasst werden, welche Intention und Funktion hinter dem Lied steckt, wie es bei politischen Liedern häufig der Fall ist.

Wer ist der Verfasser / Sänger des Liedes? Wer die Adressaten? Welcher sozialen Schicht / Gruppe gehören beide an? Handelt es sich um einen verständlichen Text bzw. Sprache? Bei dem kommunikativen Moment geht es hauptsächlich um das Verhältnis zwischen dem Hörer und dem Sänger sowie dessen Sprache. Um eine möglichst große Wirkung zu erreichen, muss der Hörer sich mit dem Sänger identifizieren können.

Was ist der Inhalt? Ist dieser wahrheitsgemäß? Werden Sachverhalte verharmlost oder übertrieben? Vor allem bei der Interpretation muss beachtet werden, wie hoch der Wahrheitsgehalt des Liedtextes ist, dazu müssen die Schülerinnen und Schüler Kenntnisse über das Lied hinaus haben. Da Lieder auch häufig zur Verbreitung von Informationen über Missstände, politische Umstände oder Defizite genutzt wurden, spricht man auch von dem inhaltlichen Moment, welches herausgearbeitet werden soll.

Ist die Melodie bereits bekannt? Ist sie eingängig? Was bewirkt der Rhythmus? Welche Instrumente sind vorhanden? Auf das musikalische Moment kann jedoch nur eingegangen werden, wenn die Originalmelodie noch erhalten ist.

Welche Wirkung hat das Lied auf Sänger und Adressaten? Wie werden Emotionen verursacht? Wie sind diese Emotionen? Aufgrund ihrer Wirkung können Lieder Emotionen wie Trost, Mut aber auch Wut und Kampflust hervorrufen.

Bewirkt das Lied Veränderungen bei Sänger und Adressat? Entsteht ein „Wir-Gefühl“? [11]


Diese Momente stehen in Beziehung zueinander und deren Zusammenspiel beeinflusst die Wirkung des Liedes. Rainer Beddig zeigt dadurch, dass vor allem „das Zusammenwirken von Sprache und Musik“ die Wirkung eines Liedes ausmachen[12]. Damit die Lieder leichter behalten werden können und für den Zuhörer und Sänger eine Vertrautheit und Attraktivität ausstrahlen, werden oft bekannte Melodien wieder verwendet. Durch diese Kontrafaktur, also das Singen eines neuen Textes auf eine bekannte Melodie, kann das Lied leichter behalten und der Fokus auf den Inhalt gelegt werden, da der Rhythmus bereits bekannt ist[13].

Deshalb folgt der Analyse von Text und Musik nun deren Verbindung. Es ist immer notwendig beide Elemente in Relation zueinander zu setzen und diese gemeinsam, nicht nur im Einzelnen, zu betrachten.

Als letzter Schritt wird noch einmal die Wirkung des Liedes genauer untersucht. Welche Intentionen liegen dem Lied zugrunde und welche Auswirkungen hat es sowohl auf den Sänger/Mitsänger, als aber auch auf die Zuhörerschaft. Interessant ist ebenfalls die Diskussion darüber, wie die Wirkung zustande kommt.

Lieder bieten viele Ansatzmöglichkeiten zur produktiven Weiterarbeit. Sie eignen sich vor allem für längere Projekte. So können bspw. eigene Lieder aufgrund historischer Ereignisse verfassen und in Rollenspielen inszenieren[14]. Oft ist es hilfreich, das Gesangsstück durch Bilder oder andere schriftliche Quellen zu erweitern. Nur dann kann ein Gesamtüberblick über eine Zeit oder ein Geschehen gewonnen werden.

Didaktische Begründung

Lieder eignen sich für den Einsatz im Unterricht aus vielfachen Gründen. Auch das demonstrierend-entdeckende Lernen kommt bei der Quellenarbeit nicht zu kurz, denn den Schülerinnen und Schülern wird anhand von Beispielen gezeigt, was aus verschiedenen Quellen, wie in diesem Fall Lieder, über die Vergangenheit erschlossen werden kann[15]. Durch ihre (einfache) Machart und Wirkung stellen sie ein besonders lebendiges Geschichtsbild dar. Durch sie werden Emotionen und Stimmungen transportiert, die aufgrund ihrer Authentizität, gerade von Schüler/innen, sehr gut und leicht verstanden werden können. So werden geschichtliche Abläufe leichter nachvollziehbar und es wird einfacher sich in die Lage der damaligen Gesellschaft hineinzuversetzen.
Des Weiteren bieten sie einen einfacheren und leichteren Zugang zur Geschichte, als andere Medien. Dies liegt vor allem daran, dass Lieder multiperspektivisch sind. Das heißt, sie stellen viele verschiedene Ansichtsseiten der Geschichte dar. Ist man sich der perspektivischen Sicht und der Tatsache bewusst, dass Lieder immer mit einer Wertung und einer subjektiven Betrachtung verbunden sind, so kann ein Gesangsstück in gewissen Fällen einer formalen oder rein verbalen Quelle überlegen sein. Die Multiperspektivität spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Schüler können dadurch erkennen, dass es unterschiedliche Positionen und Perspektiven von einem historischen Ereignis gibt. Es gibt nicht nur die Geschichte, sondern diverse Sichtweisen der Beteiligten. Geschichte wurde und kann nicht objektiv wiedergegeben werden. Durch Lieder verschiedener Gruppen mit unterschiedlichen Ansichten und Wahrnehmungen eines Geschehens, die im Unterricht in einen Vergleich gestellt werden, kann diese Multiperspektivität den Schülern und Schülerinnen vermittelt werden[16].
Dadurch, dass Lieder sehr gefühlsbetonte Medien sind, transportieren sie viele verschiedene Informationen und Botschaften und zeigen einen anderen Blick auf das Geschehene. Dies ist auch der Grund, weshalb sie sich an jeder Stelle im Unterrichtsgeschehen einsetzen lassen. Sei es als, illustrativer und motivierender Einstieg in ein neues Thema, dabei können entweder durch die Schülerinnen und Schüler aber auch durch den Lehrer Fragen aufgeworfen werden oder Hypothesen gebildet werden, mit denen im folgenden Unterrichtsverlauf weiter gearbeitet werden kann. Das Lied kann jedoch auch an zentraler Stelle und Hauptgegenstand der Unterrichtsstunde stehen. Aber auch als gezielte Fokussierung oder Lernzielkontrolle am Ende einer Stunde oder gar einer gesamten Unterrichtseinheit. An welcher Stelle das Lied letztlich zum Einsatz kommt, liegt im Ermessen der betreffenden Lehrkraft.

Zusammenfassung

Abschließend bleibt festzuhalten, dass Lieder prädestiniert sind für die Behandlung im (Geschichts-) Unterricht. Zu diversen Epochen der Geschichte können passende Gesangsstücke gefunden werden. Zwar existieren Tonaufnahmen erst seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, jedoch können auch schriftliche Dokumente von Liedern aus früheren Epochen herangezogen und untersucht werden. Das Wichtigste ist allerdings, dass sich Lehrkräfte an das Medium bzw. die Quelle Lied und dessen/deren Einsatz herantrauen. Ist die Hemmschwelle erst einmal überwunden, so bereichern Lieder den Unterricht in ganz besonderem Maße, hauptsächlich wird dabei die Motivation der Schülerinnen und Schüler positiv beeinträchtigt.. Aufgrund ihrer Multiperspektivität und Authentizität bieten sie vielzählige Ansetzungspunkte und ermöglichen Schüler/innen einen einfacheren Zugang zur Geschichte. Diese Art von Quellen vermittelt eine unmittelbare Begegnung mit der Geschichte, Schülerinnen und Schülern fällt es leichter, das Gewesene in ihrer Vorstellung zu reproduzieren. Sie lernen sich in Stimmungen vergangener Gesellschaften hineinzuversetzen und diese besser zu verstehen und nachzuvollziehen. Aufgrund ihrer vielseitigen Informationslage und Vermittlung verschiedener Botschaften lassen sie sich an jeder Stelle im Unterricht einsetzen.

Belege

Literatur

Baumann, Heidrun; Meese, Herrad (1978): Audiovisuelle Medien im Geschichtsunterricht; 1. Auflage. Stuttgart. Ernst Klett Verlag.

Beddig, Rainer: Das historisch politische Lied im Geschichtsunterricht. Seine Funktion und sein medialer Ort, in: Hans- Jürgen Pandel, Gerhard Schneider, (Hrsg.): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Wochenschau Verlag, Düsseldorf 1985

Gautschi, Peter; Moser, Daniel V.; Reusser, Kurt; Wiher, Pit (Hrsg.) (2007): Geschichtsunterricht heute. Eine empirische Analyse ausgewählter Aspekte. 1.Auflage. Bern. H.e.p verlag ag.

Mayer, Ulrich (2007): Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht. 2. Auflage. Schwalbach. Wochenschauverlag.

Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard (1985): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. 1. Auflage. Düsseldorf. Pädagogischer Verlag Schwann-Bagel GmbH.

Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard (2005): Handbuch Medien im Geschichtunterricht. 3.Auflage. Schwalbach. Wochenschau Verlag.

Sauer, Michael (2008): Historische Lieder. 1.Auflage. Seelze-Velber. Kallmeyer in Verbindung mit Klett. Erhard Friedrich Verlag GmbH.

Wimmer, Fridolin: Das historisch politische Lied im Geschichtsunterricht Frankfurt am Main 1994

Weblinks

http://www.br-online.de/wissen-bildung/collegeradio/medien/geschichte/1848/audio/

http://www.duden.de/rechtschreibung/Lied

http://www.hannes-pahlke.de/schule/ge_entwurf_lehrprobe_scheitern1848.pdf

http://www2.landtag-bw.de/Gremien/Konsum_und_Wirkung_elektronischer_Medien_bei_ Kindern_und_Jugendlichen.pdf

http://www.lehrerfreund.de/in/schule/1s/hitlerjugend-plakat-lied/

http://www.politikundunterricht.de/2_3_01/einleitung.htm

http://www.schule-bw.de/unterricht/faecheruebergreifende_themen/landeskunde/modelle /epochen/neuzeit/revolution48/rastatt/1bedeutung.htm

http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/projekte/plex/plex/lemmata/p-lemma/polari01.htm

http://www.sowi-online.de/methoden/dokumente/lieder_goll.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Einstellung_(Psychologie)

http://de.wikipedia.org/wiki/Lied

Einzelnachweise

  1. http://www2.landtag-bw.de/Gremien/Konsum_und_Wirkung_elektronischer_Medien_bei_Kindern_ und_Jugendlichen.pdf Seite 3
  2. Vgl. Kirn, Paul (1959): Einführung in die Geschichtswissenschaft. 3. Auflage. Berlin. Gruyter. S. 29
  3. Vgl. Gies, Horst (2004): Geschichtsunterricht- Ein Handbuch zur Unterrichtsplanung. Köln. Böhlau Verlag. S. 229
  4. http://www.duden.de/rechtschreibung/Lied
  5. Vgl. Gies, Horst (2004): Geschichtsunterricht- Ein Handbuch zur Unterrichtsplanung. Köln. Böhlau Verlag. S. 264
  6. Klenke, Dietmar: Musik, Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard (2005): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. 3.Auflage. Schwalbach. Wochenschau Verlag. S.407ff.
  7. Klenke, Dietmar: Musik, in: Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard (2005): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. 3.Auflage. Schwalbach. Wochenschau Verlag. S.412
  8. http://de.wikipedia.org/wiki/Einstellung_(Psychologie)#Affektiv_basierte_Einstellungen
  9. Klenke, Dietmar: Musik, in: Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard (2005): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. 3.Auflage. Schwalbach. Wochenschau Verlag. S.425
  10. Klenke, Dietmar: Musik, in: Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard (2005): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. 3.Auflage. Schwalbach. Wochenschau Verlag. S.414-415
  11. Beddig, Rainer: Das historisch politische Lied im Geschichtsunterricht. Seine Funktion und sein medialer Ort, in: Pandel Hans- Jürgen, Schneider, Gerhard (Hrsg.): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Wochenschau Verlag, Düsseldorf 1985, S.375-377
  12. Beddig, Rainer: Das historisch politische Lied im Geschichtsunterricht. Seine Funktion und sein medialer Ort, in: Pandel Hans- Jürgen, Schneider, Gerhard (Hrsg.): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Wochenschau Verlag, Düsseldorf 1985, S.376
  13. Vgl. http://www.politikundunterricht.de/2_3_01/einleitung.htm
  14. Klenke, Dietmar: Musik, in: Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard (2005): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. 3.Auflage. Schwalbach. Wochenschau Verlag. S.415
  15. Vgl. Mayer, Ulrich (2007): Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht. 2. Auflage. Schwalbach. Wochenschauverlag. S. 23
  16. Vgl. Mayer, Ulrich (2007): Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht. 2. Auflage. Schwalbach. Wochenschauverlag. S. 65
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