Geschichtsunterricht im Archiv

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S. Boss (Juni 2014)

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

Nur wenige Orte und Institutionen geben Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, Geschichte nah und greifbar zu erleben. Das Archiv als Haus der Geschichte und historischen Bildung lädt zum Erforschen und Erkunden der Vergangenheit ein und fordert zur kritischen Auseinandersetzung auf. [1]

„Seitdem geschrieben wird, gibt es auch Archive“. [2] Der Begriff „Archiv“ stammt ursprünglich aus dem Griechischen und ist abgeleitet von „arché“, was soviel wie Verwaltungsgebäude bedeutet.[3] Der lateinische Begriff „archivum“ bedeutet Aktenschrank. [4]

Archive sind öffentliche historische Informationseinrichtungen. Sie befassen sich mit der Erfassung, Ordnung, Verwahrung und Betreuung von Archivgut, wie zum Beispiel von Schriftstücken, Dokumenten, Urkunden und Akten. Die Fülle des Archivguts entsteht bei Behörden, Einrichtungen oder Einzelpersonen. [5] Die ursprüngliche Aufgabe eines Archivs war die Verwahrung von Behörden- und Verwaltungsschriftgut, das für bestimmte Zwecke längere Zeit erhalten bleiben sollte. [6] Heutzutage verwahrt und verwaltet ein Archiv das gesamte Schrift-, Bild- und Tongut, das aus wissenschaftlichen, rechtlichen, technischen oder allgemeinen kulturellen Gründen als dauernd aufbewahrungswürdig erscheint. [7] Von wichtiger Bedeutung ist auch die Aufgabe, der Öffentlichkeit Zugang zu bestimmten Dokumenten zu ermöglichen.

Im Unterschied zu Bibliotheken und Museen haben Archive eine Funktionsbindung: Sie sind eng an Verwaltung, Ämter und politische Institutionen gebunden. Archive und Museen unterscheiden sich vor allem dadurch, dass das Lernmaterial in Archiven nicht ausgestellt zugänglich ist.[8]

Archive sind in und für Organisationen tätig, das bedeutet, dass sie einen Archivträger haben, mit dessen Zielen und Aufgaben sie eng verknüpft sind. Es lassen sich verschiedene Archivarten unterscheiden: Staatsarchive, Kommunalarchive, Kirchliche Archive, Adelsarchive, Wirtschaftsarchive, Medienarchive sowie Hochschul- und Universitätsarchive.[9] Immer beliebter werden auch Onlinearchive, auf die man zum Teil auch ohne Anmeldung zugreifen kann.


Archiv als außerschulischer Lernort

Entdeckendes und forschendes Lernen, Schulung mehrerer Sinne, Ermöglichung von Selbsttätigkeit, Realbegegnungen, regionales Lernen sowie Förderung von Neugier, Interesse und Motivation sind einige Antworten auf die Frage: „Warum sollte man eigentlich die Schule verlassen, um Unterricht zu machen?“ [10] Ein Lernen außerhalb des bekannten Klassenzimmers ist etwas völlig Neues für die Schülerinnen und Schüler. Es bringt neue Erfahrungen mit sich, Verknüpfungen und Anschauungen werden ermöglicht.

Bei einem erkundenden Geschichtsunterricht begegnen die Schülerinnen und Schüler nicht nur Quellen, die im Schulbuch abgedruckt sind, sondern originalen Quellen. Sie können dabei sinnliche Erfahrungen machen und Lernmethoden kennenlernen, die vielfältiger sind. Die Schülerinnen und Schüler lernen Einrichtungen kennen, die unmittelbar mit Geschichte in Verbindung stehen und Geschichte „machen“. Das ermöglicht geschichtskulturelle Realerfahrungen: Geschichte wird präsentiert, diskutiert und erforscht.

Als außerschulische Lernorte für den Geschichtsunterricht eigenen sich beispielsweise Bibliotheken, Museen, Gedenkstätten oder Archive.[11]

Der Lernort Archiv eignet sich besonders, da Stadt- und Staatsarchive meist in erreichbarer Nähe sind und kein weiter und aufwendiger Weg nötig ist. Die Archivarbeit fordert die Schülerinnen und Schüler in mehreren Hinsichten: Sie finden originale Texte vor, die weder gekürzt noch sprachlich vereinfacht sind. Auch müssen sie einige Schriften erst entschlüsseln, bevor sie damit arbeiten können. Dieses detektivische und forschende Arbeiten bietet eine gelungene Abwechslung zum oft tristen Schulalltag. Die direkte Arbeit am Material stärkt den Bezug und das Bewusstsein von Gegenwart und Vergangenheit. Durch den regionalen Bezug der Archive kann die eigene lokale Lebenswelt erforscht, Assoziationen hergestellt und ein „Aha-Effekt“ erzeugt werden. So ist Geschichte nicht nur das, was im Schulbuch steht oder tausende Kilometer entfernt geschah – Geschichte wird nah, erfassbar und erlebbar.

Archive haben Schulen als Zielgruppe bereits erkannt. Viele Archive bieten spezielle Programme an, um die Kooperation mit Schulen zu fördern. Ob Führungen, Stationenarbeit, Ausstellungen, Projektarbeiten oder Unterricht – das Archiv bietet viele Möglichkeiten, um den Geschichtsunterricht einmal anders zu erleben.

Beim Unterricht im Archiv soll ein konkretes Thema bearbeitet und mithilfe sämtlicher Archivmaterialien veranschaulicht werden. Die Form des Schulunterrichts bleibt dabei aber erhalten, jedoch ist dieser „Ausflug“ eine willkommene Abwechslung für die Schülerinnen und Schülern. [12] Eine themen- und altersgerechte Zusammenstellung des Materials durch Archivmitarbeiter ist dabei aber unabdingbar, allein schon um Zeit und Fülle besser kalkulieren zu können. Das selbstständige Lernen mit Rohmaterial macht es den Schülerinnen und Schülern möglich, Zusammenhänge erkennen und verstehen zu können.

Im Archiv lassen sich Originale aller Art finden: Briefe, Akten, Rechnungen, Register, Fotos, Skizzen, Pläne, Protokolle, etc. Die Begegnung und Beschäftigung mit unterschiedlichen und vielfältigen Quellenarten, können den Schülerinnen und Schülern wichtige historische Erkenntnis vermitteln. Sie kommen eventuell zu Einsichten, die sie bei „gereinigten“ Abdrucken nicht bekommen hätten. Im direkten Kontakt mit Quellen können ihnen auch Probleme der historischen Arbeit deutlich werden, wie zum Beispiel die Vieldeutigkeit. [13]

Archivpädagogik

Archivpädagogik wird als Form historisch-politischer Bildungsarbeit gesehen und stellt eine erfolgreiche Form der Heranführung an archivische Materialien dar. [14] Sie ist außerdem ein Versuch, Archive als attraktive außerschulische Lernorte zu etablieren, indem sie mit zahlreichen Angeboten versucht, die Zusammenarbeit zwischen Schule und Archiv zu fördern. [15] Ziel ist es, Schülerinnen und Schülern Einblick in die Geschichte der eigenen Lebenswelt zu vermitteln sowie autonomes forschendes Lernen zu fördern. [16] So kann ein Freiraum für Eigeninitiative und Selbstständigkeit beim Erkunden und Lernen entstehen.[17]

Archivpädagogik versucht Zeiterfahrung zu vermitteln und trägt durch den Umgang mit originalen Dokumenten zur Entwicklung des Geschichtsbewusstseins bei. [18] Geschichte wird durch den Umgang mit Originalen unmittelbar und authentisch erfahrbar. Die Schülerinnen und Schüler begeben sich auf „Spurensuche“ und versuchen als „Detektive“ ein Puzzle voller Informationen zusammenzufügen und gar zu rekonstruieren.

Nach LANGE und LUX können diese allgemeinen Lernziele von Archivarbeit formuliert werden:

Der Zugang zum historischen Wissen ist individuell. Archivquellen, die den Schülerinnen und Schülern weder gekürzt oder vereinfacht zur Verfügung stehen, lassen Raum für Deutungen und eigene Interpretationen und verlangen Phantasie beim Zusammenbasteln eines Mosaiks. Das mögliche Stoßen auf Widersprüche und Abweichungen regen zum Nachdenken und gegenseitigen Austausch an.[20]

Im Archiv wird vor allem Methodenkompetenz im Umgang mit Quellen geschult.[21] Das bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler fähig sind, selbstständig Fragen an die Vergangenheit zu stellen und quellenorientiert zu beantworten. [22] Da die Schülerinnen und Schüler sich allein mit den Informationen beschäftigen und ihnen direkt gegenüberstehen, tritt der Lehrer als Vermittler eher zurück. An Relevanz gewinnt somit die Fähigkeit, Informationen gezielt zu suchen und zu filtern und nach ihrer Wichtigkeit bewerten zu können. Diese sogenannte „Informationskompetenz“ und die Fähigkeit des gezielten Suchens hat in Zeiten von Informationsmedien und Internet immer mehr an Bedeutung gewonnen.[23] Das archivarische Material bedarf unterschiedlichstern Arbeitsformen: produktiv, kommunikativ und forschend. Die Schülerinnen und Schüler formulieren eigene Fragen, durch die Vielfalt an Quellen kann ein Perspektivwechsel erfolgen, der gegenseitige Austausch mit Mitschülern, Lehrern oder Archivaren fördern Sozialkompetenzen.[24] Beim Arbeiten mit Quellen und Materialien, die oft unterschiedliche Auslegungen ermöglichen, müssen sich die Schülerinnen und Schüler ein eigenes Bild machen. Dies regt zur Urteilsbildung an. Die Regionalität, die in Archiven erfahrbar gemacht wird, dient der Aufklärung der Schülerinnen und Schülern, den Zusammenhang zwischen ihrer eigenen und der allgemeinen Geschichte zu erleben. So kann die Arbeit im Archiv ein Stück weit zur Identitätsbildung beitragen.[25] Archivpädagogik zielt also nicht nur auf die Vermittlung von kognitiven Wissens ab, sondern auch auf das Erlernen von Kompetenzen.

Archivpädagogen rechtfertigen ihre Wichtigkeit unter anderem mit diesen Aspekten: Der Bildungsplan formuliert seine schulischen Ziele zunehmend fachübergreifend und ist nicht mehr nur auf Bildungs- und Wissensvermittlung ausgerichtet. Problem-, Handlungs- und Diskursorientierung sowie Methoden- und Sozialkompetenzen gewinnen immer mehr an Bedeutung und Förderung.

Die Durchführung sowie Bedeutung von schulischen Leistungsüberprüfungen wie Klausuren, Tests und Klassenarbeiten nimmt zunehmend immer mehr ab. Präsentationen, Kolloquien oder Facharbeiten, ob in der Gruppe oder allein, werden dagegen immer beliebter. Die „außerschulische Wirklichkeit“ fördert das Aufsuchen von Archiven als außerschulische Lernorte.[26]

Die Archivpädagogik sowie die Öffnung der Archive haben ihren Ursprung bereits schon in der Französischen Revolution. Das Archivgesetz vom 25. Juni 1794 besagte, dass nicht nur Unterlagen von rechtlichem, sondern auch von wissenschaftlichem Wert, zu sammeln und für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich zu machen seien.[27] Archive verfolgen mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit somit einen öffentlichen Bildungsauftrag. Mit sämtlichen Kulturnächten, Tag der offenen Türen sowie dem seit 2001 stattfindenden „Tag der Archive“ versuchen Archive sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren und etablieren.[28] Ziel ist eine „stärkere Betrachtung der archivischen Anliegen und eine verbesserte gesellschaftliche Akzeptanz“. Die Archive setzen sich für die „Sicherung und Bewahrung des archivalischen Erbes als Kulturgut für die Erforschung der Vergangenheit und für das Verständnis der Gegenwart“ ein. [29]

Immer häufiger gibt es Veranstaltungen und Lehrerfortbildungen, um das Archiv als Lernort zu gewinnen. Derzeit finden Schulexkursionen noch häufiger in Museen als in Archiven statt. Auch wird versucht, Lehrer mit nicht ausgelastetem Stundenpensum als Archivpädagogen bzw. -mitarbeiter zu gewinnen. Die Schülerreaktionen zur Archivarbeit sind überwiegend positiv. Die Schülerinnen und Schüler finden Gefallen an der Selbstständigkeit, die sie bei der Arbeit aufzeigen müssen. Das Fremde und Authentische sowie Schwierigkeiten und Unstimmigkeiten, die auftauchen können, haben einen reizvollen Charakter.[30]

Archivpädagogen sind Vermittler zwischen Archiv und Schule. Sie unterstützen und betreuen Schülerinnen und Schüler bei der Erkundung im Archiv, unterstützen aber auch Lehrkräfte bei der Vorbereitung und Durchführung von außerschulischem Unterricht. Sie sind für die Bereitstellung und Aufbereitung von Materialien zuständig sowie für die Vermittlung historischer Bedeutung.[31]



Unterricht im Archiv

Beim Unterricht im Archiv soll ein konkretes Thema in einem Zeitraum von mehreren Stunden (ca. 3-4 Stunden) bearbeitet und mit Hilfe von Archivmaterialien veranschaulicht werden.[32]


Vorbereitung

Ein Archivbesuch braucht viel Planung und Vorbereitung. Um den Besuch auf die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Schülerinnen und Schüler auszurichten, ist es notwendig, dass der Lehrer sich mit einem ausgewählten Archiv in Verbindung setzt. In einem Vorgespräch mit dem Archivar soll ein gemeinsames Konzept erstellt werden. Dabei ist es sehr wichtig, dass der Lehrer dem Archivar oder Archivpädagogen die Ziele nennt, die er bei der Archivarbeit verfolgt bzw. sich zu wünschen erhofft. Nur so können effektive Ergebnisse erzielt werden. [33]

Neben den Rahmenbedingungen muss vor allem das historische Thema besprochen werden. In Archiven finden meist thematische Führungen statt, welche sich am Bildungsplan orientieren. Es ist darauf zu achten, dass die Materialauswahl für die spätere Arbeit themen- und altersgerecht ist. [34] Die Festlegung und Eingrenzung des Themas stellt sich als besonders anspruchsvoll dar, da die Angemessenheit von Lernalter und Lernzielen sowie Sachrelevanz beachtet werden muss. Grundsätzlich sollte das Thema eine Ergänzung bzw. Vertiefung des Geschichtsunterrichts darstellen. Für den Unterricht im Archiv eigenen sich besonders Themen der Regional- und Ortsgeschichte. Dies ist auch besonders attraktiv für schwächere Schülerinnen und Schüler. Eine Grundregel für die Themenauswahl lautet nämlich: „Je ungenauere Vorstellungen Schüler über die Vergangenheit haben, desto näher sollte an ihrer Lebenswelt gearbeitet werden.“[35] Allgemeine und umfassende sowie epochenbezogene Fragen und Themen stellen sich oftmals als schwer und untauglich für den Unterricht im Archiv heraus, auch aus dem Grunde, dass Archive meist regional bezogen sind.[36]

Unterricht im Archiv benötigt Vorbereitung von allen Seiten. Nicht nur Lehrkraft und Archivar müssen planen, auch in der Schule muss eine Vorbereitungsphase auf den Archivbesuch erfolgen. Die Schülerinnen und Schülern sollten über ein Grundwissen bezüglich Sinn, Aufgaben und Angebote eines Archivs verfügen. Nur so werden sie später nicht in das kalte Wasser gestoßen und fühlen sich gar überfordert. Außerdem muss das Thema der Führung im Unterricht angeschnitten bzw. behandelt werden. Ein Grundwissen über die Thematik sollte vorhanden sein, damit das Thema im Archiv vertieft werden kann. Auch hilft ein solches Vorwissen den Schülerinnen und Schülern, eigene Fragen zu stellen. Ebenso ist es von Vorteil, Regeln bezüglich des Schülerverhaltens sowie des sorgsamen Umgangs mit Archivalien zu aufzustellen. Um spätere Schwierigkeiten zu verhindern, sollte darauf geachtet werden, dass die Materialien, die der Archivar aussucht und bereitstellt, für die Schülerinnen und Schüler lesbar sind. In der Schule könnten zur Eingewöhnung unterschiedlich alte Schriftarten thematisiert werden oder es kann eventuell eine kleine Einführung in die Paläografie erfolgen, damit die Schülerinnen und Schüler handschriftliche Quellen identifizieren können. Das muss vorab mit dem Archivar abgeklärt werden, damit es zu keinen Unstimmigkeiten während des Besuchs kommt.

LANGE und LUX verweisen auf einen „Merkzettel“ zur Vorbereitung auf einen Archivbesuch:

Durchführung

Vor der thematischen Führung und der selbstständigen „Erkundungsphase“ eignet sich eine Führung durch das gesamte Archiv. Dabei werden die verschiedenen Räume und Stationen des Archivs besucht. So bekommen die Schülerinnen und Schüler Einblicke wie man im Archiv arbeiten kann und was zu beachten ist. Bei vielen Führungen werden auch ausgewählte Archivalien gezeigt. Anschließend soll Zeit für offene Fragen bleiben.

Nach DIEDERICHS verfolgt der Archivrundgang 3 übergeordnete Vermittlungsziele:

Nach der Rundführung, die optimalerweise 30 bis 60 Minuten dauert, findet das historische Forschen an der vorher ausgewählten und begrenzten Auswahl an Archivalien statt.[39] Durch die Vorauswahl ist zwar keine „echte“ Forschung mehr möglich, das eigenständige und forschende Arbeiten geht aber trotzdem über die schulüblichen Tätigkeiten hinaus.[40]

Möglich ist auch eine Stationenarbeit zu mehreren Unterthemen. Die Schülerinnen und Schüler können sich an einem Fragenkatalog orientieren. Interessante Ergebnisse von Quellenarbeit sind oft aber nur möglich, wenn die Fragen nicht allzu eng gestellt sind. Dies gibt den Schülerinnen und Schülern die Chance, die Dokumente selbst zu analysieren.[41]

Eine Umstrukturierung müssen die Schülerinnen und Schüler wohl bei der Textarbeit vornehmen: Markieren und Unterstreichen ist bei Originalquellen nicht erlaubt. [42]

Mögliche Beispiele/Anregungen

Wurde im Unterricht selbst schon auf Handschriften eingegangen, wäre es möglich, im Archiv den Charakter von Handschriften zu thematisieren. Hierbei könnten ein Original und eine Fälschung eines Tagebucheintrages aus dem 30-jährigen Krieges miteinander verglichen werden. Die Schülerinnen und Schüler finden heraus, dass bei der Fälschung die Schrift kontinuierlich kunstvoll abgebildet ist, beim Original die Schrift sich mit Änderung der Lebensumstände (z.B. Krankheit) ändert. Eine solche Textentschlüsselung motiviert die Schülerinnen und Schüler zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Text und dem Thema. Sie werden sich dessen bewusst, welcher lange Weg zwischen Originalquelle und dem abgedruckten Text im Schulbuch liegt. So erlangen sie ein Teil des Geschichtsbewusstseins durch das „aktive Einüben in geschichtliche Formen der Handschriften“.[43]

Um Multiperspektivität zu fördern, eignen sich besonders Gegenüberstellungen. Personenbezogene Akten wie Schutzhaftakten, in denen persönliche Schicksale dokumentiert sind, fördern bei Schülerinnen und Schülern Interesse, zwingen aber auch zu einer persönlichen Stellungnahme. Es wird empfohlen, die Ergebnisse direkt an Ort und Stelle im Archiv zu besprechen und präsentieren. So können verschiedene Fallbeispiele verglichen und eventuelle Strategien bei der Vernehmung erkannt werden.[44]

Nachbereitung

Der Besuch im Archiv erfordert nicht nur viel Planung bei der Vorbereitung und Durchführung, er sollte auch ausführlich nachgearbeitet werden.

Bereits im Archiv sollte ein Teil der Arbeitsergebnisse gesichert werden, damit der Lerneffekt effektiv bleibt. Dies kann in Form eines Stuhlkreises und innerhalb kurzer Zeit geschehen. „Wie weit sind wir heute gekommen?“, „Haben wir alle unsere Fragen beantworten können?“, „Muss noch etwas ergänzt bzw. eigenständig nachgearbeitet werden?“, „Haben wir unser Soll heute erfüllt?“. Solche Fragen bieten eine gute Vorbereitung auf die Nachbereitungsstunde in der Schule, die optimalerweise erfolgen sollte, damit sich die Lehrkraft ein Bild davon machen kann, wie weit die Schülerinnen und Schüler bei ihrer Arbeit tatsächlich gekommen sind. Vor Ort sollte auch ein kleines Gespräch zwischen Archivar, Lehrer und Schüler stattfinden. Die Schülerinnen und Schüler geben dem Archiv ein Feedback über die Führung, über das eigene Recherchieren sowie über den Gesamteindruck. Dies kann in Form eines Gespräches erfolgen. Einige Archive verfügen auch über einen Feedback-Bogen. Auch der Archivar kann seine Erfahrungen und Eindrücke über die Schülergruppe äußern.[45]

Die eigentliche Ergebnissicherung findet in der Schule, im Unterricht, statt. Die Form der Ergebnisdarstellung kann dabei beliebig gewählt werden: Hausarbeit, Plakat, Wandzeitung, Referat, etc. Danach sollte ein weiteres Feedback für die Lehrkraft erfolgen: Welche Erfahrungen haben die Schülerinnen und Schüler machen können? Würden sie gerne wieder ein Archiv besuchen? Was war interessant, was nicht? Wie war die Arbeit an originalen Quellen? Was haben sie Neues dazu gelernt? Des Wweiteren könnte eine Pro- und Contra-Liste über die Erfahrungen der Archivarbeit erarbeitet werden. Neue Erkenntnisse bezüglich des Feedbacks können wiederum an das Archiv weitergeleitet werden, um mögliche Verbesserungen vorzunehmen.

Geschichtsunterricht im Archiv ist eine Abwechslung für Schülerinnen und Schüler als auch für die Lehrkraft. Ein Besuch im Archiv setzt hohe Anforderungen und Vorbereitungszeit an die Lehrkraft sowie natürlich auch an die Schülerinnen und Schüler . Als Hilfe und Vermittler stehen zwar die Archivare und Archivpädagogen zur Verfügung, die Vor- und Nachbereitung in der Schule sowie das Streben nach Erreichung der Lernziele hängt aber letztendlich von den Fähigkeiten und Kompetenzen der Lehrkraft ab.


Zusammenfassung

Im Archiv lernen Schülerinnen und Schüler sich selbstständig mit dem Rohstoff Geschichte auseinanderzusetzen. Die Arbeit am Unikat gibt den Schülerinnen und Schüler ein Forschergefühl. Sie betreiben forschendes bzw. detektivisches Lernen und erhalten somit einen Einblick in die Arbeitsweisen eines Historikers. Sie lernen autonom zu lernen und arbeiten sowie Dinge und Umstände zu hinterfragen und gründlich zu prüfen. Außerdem ist es möglich die Dialektik des historischen Prozesses zu erfassen.[46] Archivarbeit eignet sich bestens als Alternative zum Unterricht, um den Bildungshorizont mittels neuer Lösungsstrategien und Denkweisen der Schülerinnen und Schüler zu erweitern.[47] Das Lernen im Archiv ist handlungs- und schülerorientiert sowie ganzheitlich. Archive als Häuser der Geschichte öffnen sich für Schulen. Schulen wiederum haben die Vorteile der Regionalgeschichte für den Geschichtsunterricht erkannt. Historische Bildungsarbeit zu betreiben bedeutet also auch die Arbeit mit Schülern.[48] Von der Arbeit im Archiv erhoffen sich Lehrkräfte vor allem Abwechslung und Ergänzung des Unterrichts. Dies geschieht vor allem durch das Betreiben von historischer Bildungs- und Quellenarbeit. Die Förderung unterschiedlichster Kompetenzen stellt ebenfalls einen Grund dar, mit Schülerinnen und Schülern ein Archiv aufzusuchen.[49] Archive dagegen denken bei Schülerführungen an erster Stelle an das Wohl ihrer Institution. Für Archive ist es wichtig die Arbeit am Original zu fördern. Nicht nur für den Geschichtsunterricht, auch für den fächerverbindenden Unterricht lohnt sich der Weg in das Archiv. [50]

Die Schüler und Schülerinnen erhalten ebenfalls Einblicke in das Berufsbild des Archivars bzw. Archivpädagogen. Die Tatsache, dass es neben Geschichtslehrern auch andere Berufe gibt, die Geschichtskenntnisse erfordern, eröffnet für den Geschichtsunterricht die Chance, für Schülerinnen und Schüler interessanter zu werden.[51]

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ein Besuch im Archiv Abwechslung in den oftmals tristen Schulalltag bringt, denn außerschulische Lernort sind en vogue. Außerschulischer Unterricht bringt Anschaulichkeit und höhere Motivation mit sich. Neben Wissen werden auch soziale und kulturelle Kompetenzen vermittelt. Zugleich bedeutet das Aufsuchen von Archiven eine frühe Einübung in den selbstständigen Zugang zu vielen Informationen.

Trotz allem muss auch gesagt werden, dass Unterricht im Archiv hohe Anforderungen abverlangt. Er muss sorgfältig geplant, durchgeführt und nachbereitet werden. Obwohl außerschulische Lernorte meist sehr attraktiv scheinen, werden sie im Verhältnis noch relativ selten genutzt und besucht. Obwohl der pädagogische Wert dieser Lernform außer Frage steht, können Probleme oder gar Grenzen auftreten. Der Gang in das Archiv – oder zu einem sonstigen außerschulischen Lernort – ist nur sinnvoll, wenn der jeweilige Ort für die Lernenden auch zugänglich und durchschaubar ist. [52] Der Besuch eines außerschulischen Lernortes macht nur Sinn, wenn die Atmosphäre in der Klasse bzw. Lerngruppe stimmt. Die Klassenstärke ist hierbei von zentraler Bedeutung, da die Schülerinnen und Schüler auch untereinander kooperieren sollten. Auch das Lehrer-Schüler-Verhältnis ist von großem Wert. Nur wenn die Lehrkraft Vertrauen und Verantwortung in die Schülerinnen und Schüler setzt, kann ein solcher „Ausflug“ gelingen. Dies fängt schon beim Weg zum Archiv an und geht über angemessenes Benehmen bis hin zum sorgfältigen Umgang mit den Archivalien. Auch mit zu großen Klassen oder Lerngruppen kann das außerschulische Lernen an Grenzen stoßen. Der Transport bzw. die langen Wegstrecken zu einem außerschulischen Lernort und den damit verbundenen Kosten könnten Schwierigkeiten bereiten. Die meisten Archive entgehen diesen Problemen, da sie meist in der näheren Umgebung liegen und die Arbeit mit Archivalien und die Führungen meist kostenfrei sind. Dennoch muss die Lehrkraft den Weg zum Archiv – und wieder zurück – sorgfältig planen und dabei der Aufsichtspflicht und Verantwortung gegenüber der Gruppe gerecht werden. Unterrichtsgänge kommen oft nicht zustande, weil die benötigten Begleitpersonen fehlen. Burk und Claussen weisen darauf hin, dass im Klassenzimmer sich Objekte „bequemer, funktionaler, risikoloser und witterungsunabhängig“ darstellen lassen. [53] Auch von den Schülerinnen und Schülern wird beim außerschulischen Lernen durch größere Ablenkung, im Vergleich zum Klassenraum, eine erhöhte Konzentration und mehr Aufmerksamkeit gefordert. Auf Lehrerseite kann allgemein gesagt werden, dass der Aufwand in einem realistischen Verhältnis zu den erwartenden Ergebnissen stehen sollte.

Das Aufsuchen von außerschulischen Lernorten bietet zahlreiche Möglichkeiten, kann aber auch an Probleme und Grenzen stoßen, die aber aufgrund eines entsprechenden Lehrerengagement weitgehend (im Vorfeld) beseitigt werden können.

Als Schlusswort kann man sich Hans Winter anschließen: „Summa summarum: Wenn Sie als Lehrer bereit sind, etwas dazuzulernen und etwas Kraft zu investieren, dann sollten Sie auch Archivstudientage in Erwägung ziehen!“[54]


Belege

Literatur

Karlheinz Burk/Claus Claussen: Lernorte außerhalb des Klassenzimmers II: Methoden – Praxisberichte – Hintergründe. Arbeitskreis Grundschule e.V., Frankfurt am Main, 1981

Thomas Lange (Hrsg.): Geschichte – selbst erforschen. Schülerarbeit im Archiv. Beltz Verlag, Beltz, 1993

Thomas Lange/Thomas Lux: Historisches Lernen im Archiv. WOCHENSCHAU Verlag, Schwalbach/Ts., 2004

Ferdinand Scherf/Friedrich Schütz: Geschichtsunterricht und Archiv. Erfahrungen und Möglichkeiten. Koblenz, 1980

Weblinks

http://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/42314/Transferarbeit_Sturm.pdf Beate Sturm: Schüler ins Archiv! Praxis und Konzeption von Archivführungen für Schulklassen. Hannover, 2008 (Diplomarbeit) [10.03.2014]

http://opus4.kobv.de/opus4.../Archiv_als_auAerschulischer_Lernort_Final.pdf Nadine Fechner: Archiv als außerschulischer Lernort – Archivpädagogische Angebote für Schüler und Schülerinnen. Berlin, 2009 (Diplomarbeit) [10.03.2014]

http://opus4.kobv.de/opus4-fhpotsdam/files/45/Tuma_Diplomarbeit.pdf Kristin Tuma: Archivpädagogik als ein Mittel der historischen Bildungs- und archivischen Öffentlichkeitsarbeit – vorgestellt an ausgewählten Beispielen. Potsdam, 2006 (Diplomarbeit) [10.03.2014]

http://www.archive.nrw.de/lav/service/archivpaedagogik/index.php [10.03.2014]

http://de.wikipedia.org/wiki/Archiv [10.03.2014]

http://www.duden.de/rechtschreibung/Archiv [12.03.2014]

http://geoges.ph-karlsruhe.de/mhwiki/index.php5/Arbeit_im_Archiv [10.03.2014]

http://www.kaufbeuren.de/Stadtleben/Bildung-Erziehung/Stadtarchiv/Was-ist-eigentlich-ein-Archiv.aspx [12.03.2014]

http://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BILDUNG/Dokumente/Veranstaltungen/Veranstaltungen_2011/Tag_der_Geschichte/Vortrag_Reeken_ausserschulische-lernorte.pdf [10.03.2014]

http://www.archiv.sachsen.de/6267.htm [10.03.2014]

http://www.staatsarchiv.bremen.de/sixcms/detail.php?gsid=bremen99.c.1715.de [10.03.2014]

http://www.tagderarchive.de/ [13.03.2014]

http://www3.sn.schule.de/thema-archiv/start/ [10.03.2014]

Einzelnachweise

  1. vgl. http://www.archive.nrw.de/lav/service/archivpaedagogik/index.php
  2. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.7
  3. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.8
  4. vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Archiv
  5. vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Archiv
  6. vgl. http://geoges.ph-karlsruhe.de/mhwiki/index.php5/Arbeit_im_Archiv
  7. vgl. Stadt Kaufbeurenhttp://www.kaufbeuren.de/Stadtleben/Bildung-Erziehung/Stadtarchiv/Was-ist-eigentlich-ein-Archiv.aspx
  8. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.16
  9. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.65-77
  10. vgl. VON REEKEN,2011, S.1 http://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BILDUNG/Dokumente/Veranstaltungen/Veranstaltungen_2011/Tag_der_Geschichte/Vortrag_Reeken_ausserschulische-lernorte.pdf
  11. vgl. VON REEKEN, http://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BILDUNG/Dokumente/Veranstaltungen/Veranstaltungen_2011/Tag_der_Geschichte/Vortrag_Reeken_ausserschulische-lernorte.pdf
  12. vgl. FECHNER, 2009, S.35
  13. vgl. SCHERF&SCHÜTZ, 1978, S.36
  14. vgl. FECHNER, 2009, S.16
  15. vgl. Staatsarchiv Sachsenhttp://www.archiv.sachsen.de/6267.htm
  16. vgl.Staatsrachiv Bremenhttp://www.staatsarchiv.bremen.de/sixcms/detail.php?gsid=bremen99.c.1715.de
  17. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.43
  18. vgl. LANGE,1993, S.15
  19. LANGE&LUX, 2004, S.43
  20. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.43
  21. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.48
  22. vgl. STURM, 2008, S.19
  23. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.49
  24. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.49
  25. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.45
  26. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.49
  27. vgl. LANGE,1993, S.13
  28. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.51
  29. http://www.tagderarchive.de/
  30. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.50
  31. TUMA, 2006, S.21
  32. vgl. FECHNER, 2009, S.35
  33. vgl. STURM, 2008, S.14
  34. vgl. STURM, 2008, S.15
  35. STURM, 2008, S.19
  36. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.158
  37. LANGE&LUX, 2004, S.194-198
  38. LANGE,1993, S.30
  39. vgl. STURM, 2008, S.18
  40. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.149
  41. vgl. STURM, 2008, S.26
  42. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.149
  43. LANGE&LUX, 2004, S.156-157
  44. vgl. LANGE&LUX, 2004, S.153
  45. vgl. STURM, 2008, S.16-17
  46. vgl. LANGE,1993, S.95
  47. vgl. FECHNER, 2009, S.16
  48. vgl. LANGE,1993, S.95
  49. vgl. STURM, 2008, S.19
  50. vgl.http://www3.sn.schule.de/thema-archiv/start/
  51. vgl.http://www3.sn.schule.de/thema-archiv/start/
  52. vgl. VON REEKEN,2011, S.6
  53. vgl. BURK & CLAUSSEN, 1981, S.163
  54. LANGE,1993, S.127
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