Historische Lernorte - Thingstätte Heidelberg und Kloster Maulbronn

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(Jul.2014) S.Kopf, M. Hunkler

Inhaltsverzeichnis

Kloster Maulbronn und Thingstätte Heidelberg

Im Folgenden sollen zwei konkrete Beispiele diskutiert werden. Ausgewählt wurden zwei sehr gegensätzliche Lernorte: das Kloster Maulbronn, das stellvertretend für vergleichbare Klosteranlagen gelten kann, und die Thingstätte Heidelberg, die bei näherem Hinsehen sehr viel Potenzial bietet. Die Vorgehensweise entspricht derjenigen, die Meyer [1] in seinem Aufsatz vorschlägt. Daher sollte man den Aufsatz oder doch zumindest den einschlägigen WIKI-Artikel kennen. Die Beispiele werden zunächst vorgestellt und dann anhand folgender Aspekte untersucht:

Vorbereitung

Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit der inhaltlichen, der didaktischen und methodischen, der organisatorischen und der erzieherischen Vorbereitung im Hinblick auf die historischen Lernorte.

Inhaltliche Vorbereitung

Die inhaltliche Vorbereitung beginnt bei der Auswahl eines günstig erreichbaren Ortes bzw. eines Ortes, dessen entsprechend großer Nutzen eine längere Anfahrt rechtfertigt. Es schließt sich das Sammeln von Informationen über den Lernort in allen verfügbaren Medien an. Ein Vorabbesuch des historischen Lernortes sollte selbstverständlich sein, wenn zeitlich möglich. Man sollte sich immer selbst einen Eindruck der Anlage verschaffen, das Gelände zu erkunden, Informationstafeln lesen und Ideen für die Durchführung zusammentragen.

Kloster Maulbronn

Hier nur in kurzen Auszügen möglich: bitte entsprechende Fachliteratur nutzen oder online: http://www.kloster-maulbronn.de/

Entstehung

Nutzung durch die Jahrhunderte

Heutige Nutzung

Weltkulturerbe

Thingstätte Heidelberg

Der Heiligenberg gehörte in den ersten Jahren nach der Machtergreifung zum festen Bestandteil der nationalsozialistischen Blut- und- Boden-Mystik. In zwölfmonatiger Bauzeit schuf der Reichsarbeitsdienst mit Unterstützung Heidelberger Studenten auf dem angeblichen germanischen Kultplatz die sogenannte „Thingstätte auf dem heiligen Berg“, eine Freilichtanlage für NS-Veranstaltungen. Propagandaminister Joseph Goebbels übernahm am 22. Juni 1935 im Rahmen einer Sonnwendfeier die Einweihung der Thingstätte, die er als „wahre Kirche des Reiches“ und „Stätte steingewordenen Nationalsozialismus“ rühmte. Goebbels Auftritt nebst Fahnenwald, Uniformen, Musik und Riesenchor lockte über 20 000 Menschen auf die steinernen Zuschauerränge, eine Zahl, die bei späteren Sonnwendfeiern und Thingspielen nie mehr erreicht wurde. 1936 wurde per Erlass der Begriff „Thingstätte“ durch „Feierstätte Heiligenberg“ ersetzt. Die Nationalsozialisten hatten das Interesse an der „Thingbewegung“ verloren. An ihre Stelle traten Film und Rundfunk mit dem Volksempfänger, einem wirkungsvolleren Propagandainstrument. [2]

Didaktische und methodische Vorbereitung

Im Zuge der didaktischen und methodischen Vorbereitung wägt man das Verhältnis zwischen inhaltlichem Potenzial des Ortes und curricularen Vorgaben [3] ab. Mögliche Themen, die die Lernorte erschließen, vertiefen oder abschließen können, werden im Folgenden kurz vorgestellt.

Kloster Maulbronn

Ein Wappen an der Quellennische zeigt die Gründungslegende, in der es heißt, dass die Mönche unentschlossen waren, wo sie das Kloster bauen sollten. Sie beluden deshalb ein Maultier mit den Klosterschätzen und ließen es laufen. Das Maultier blieb an der Stelle des heutigen Brunnens (= Bronn) stehen, warf den Klosterschatz ab und scharrte mit dem Huf. Dort schoss sogleich eine Wasserfontäne empor, die die Mönche im Brunnen und später im Brunnenhaus fassten. So habe das Kloster Standort und den Namen Maulbronn erhalten.

Im Kloster Maulbronn ist eine freie Erkundungsform durch die SuS mit lenkenden Arbeitsaufträgen, ganz im Gegensatz zu den Möglichkeiten auf der Thingstätte Heidelberg, unmöglich. Das Betreten der Kirche und der freigegebenen Klostergebäude ist an eine thematisch angepasste Führung gebunden. Diese Erkundung des Lernortes kann auf verschiedene Weisen angegangen werden. Für jeglichen Zeitpunkt des Klosterbesuchs (zum Einstieg, innerhalb und zum Abschluss einer Unterrichtseinheit) können, nach Meinung der Autorinnen, gleichsam Argumente gefunden werden. Zum Einstieg eignet sich das Kloster als Informationsquelle über die damaligen Lebensumstände.

Der Ansatz zum Einstieg in eine Unterrichtseinheit ist ohne jegliches Vorwissen der SuS aus dem Unterricht durchführbar und somit geeignet für ein selbständiges, entdeckendes Lernen. Durch die Führung werden die SuS über den Aufbau des Klosters und der Klausur informiert und erhalten auch Einblick in das ehemals alltägliche Leben. Diese Informationen dienen als Ausgangspunkt für weitere Wissensaneignung, geben Raum um Fragen während der Führung zu stellen und um die zentralen Themen nach und nach, auch später im Unterricht, zu erarbeiten.

Eine weitere Idee wäre den Lerngang als Abschluss zu nutzen, nachdem man schon im Unterricht das Leben im Mittelalter und Kloster durchgenommen hat. Hier bleibt Zeit für entstandene oder weiterführende Fragen. Die visuellen und haptischen Eindrücke untermauern bereits Gelerntes und verankern es durch ihr sensorisches Gewicht weiter im Langzeitgedächtnis. In der Klosteranlage befindet sich ein Informationszentrum, das über die Führung hinaus den Kontakt zu außerschulischen Experten ermöglicht und den Schülern die Gelegenheit bietet, eigenständig Dinge zu erfragen und zu erforschen.

Thingstätte Heidelberg

Die Thingstätte ist ein weitgehend „unberührter“ Ort, der nur zwei Hinweistafeln besitzt - je eine Tafel am unteren und oberen Ende. Es gibt also weder Führungen noch Vorschriften oder einen Eintrittspreis. Dabei handelt es sich präziser um die Thingstätte auf dem Heiligenberg bei Heidelberg, eine Freilichtbühne, die in der Zeit des Nationalsozialismus nach dem Prinzip antiker griechischer Theater erbaut worden ist. Dieses Beispiel bildet einen Gegensatz zu der Klosteranlage, denn die Schüler haben die Möglichkeit sich völlig frei und eigenständig zu bewegen und den historischen Ort ihrem eigenen Erkundungsinteresse entsprechend zu erkunden.

Bei der Thingstätte wäre ein Einsatz ohne Vorwissen zum eigentlichen Thema wohl der angebrachteste, denn die freie Entdeckungsweise weckt den Erkundungsdrang und das Interesse für das Thema. Nachfolgend könnten erarbeitete Fragestellungen und Hypothesen recherchiert bzw. nachgeprüft werden. Somit wäre vor allem ein motivationaler Einstieg in die Unterrichtseinheit gegeben, welcher die SuS unmittelbar miteinbezieht. Durchaus gewinnbringend könnte es auch sein, bereits den Nationalsozialismus mit den SuS angesprochen zu haben. Nach der Exkursion böte es sich an, NS-Propaganda und den Führerkultschließlich explizit zu fokussieren. Auch hier besteht die Möglichkeit, sich über die Stadt Heidelberg an außerschulische Experten zu wenden. Diese beiden Beispiele – das Kloster Maulbronn und die Thingstätte - sind beide regional und gut erreichbar. Sie werden nun einander gegenübergestellt. Jeweilige Vor- und Nachteile werden abgewogen und erläutert.

Organisatorische Vorbereitung

Die geplante Exkursion zu einem außerschulischen Lernort muss von der Schulleitung genehmigt werden. Geschieht dies, werden die Eltern über das Vorhaben, die Zeitplanung und die anfallenden Kosten informiert. Dies geschieht regulär in Form eines Elternbriefs, welcher den SuS mitgegeben wird. Aus schulrechtlichen Gründen sollten die SuS diesen unterschrieben dem Lehrer zurückgeben. Darüber hinaus muss die Finanzierung (Fahrtkosten, Eintritte, evtl. Zuschüsse) mit der Schule und den Eltern abgestimmt werden; gleichfalls sind aus schulrechtlicher Sicht sicherheits- und schülerspezifische Informationen einzuholen (bspw. Allergien bei SuS oder Gefahrenstellen bei der örtlichen Polizei). Absprachen mit Kolleginnen und Kollegen sind zu halten und eine weitere Lehrkraft, die im Idealfall die Klasse schon kennt, als Begleitung auszuwählen. Bei einem Vorabbesuch können auch die Möglichkeiten zur Pausen- und Freizeitgestaltung (Einkaufsbummel, Sitzmöglichkeiten) während des Lerngangs in Augenschein genommen werden und festgestellt werden, ob Verpflegung gekauft werden kann.

Kloster Maulbronn

Eine Gruppenbesichtigung des Klosters Maulbronn kostet für Gruppen (ab 20 Personen) pro Person 6,30 €.Diese muss angemeldet und mit den Verantwortlichen abgesprochen werden. Die Führung kann thematisch dem Unterricht angepasst werden. Es können auf Wunsch Workshops zum mittelalterlichen Leben durchgeführt werden. Hier bestehen vielfältige Angebote: Brot backen, Korbflechten, Filzen, Buchbinden etc. Im Vorhinein könnte das Interesse der SuS so miteinbezogen und demgemäß entschieden werden. Dies wäre ein zusätzlicher Kostenfaktor, den man eventuell bei einem Elternabend besprechen sollte. Der Preis beträgt ab 20 Schülern 4,00 € zzgl. 1,50 € Materialkosten; ansonsten beläuft sich der Pauschalbetrag auf 80,00 €. Die Wahl des Verkehrsmittels sollte nach Einholung von Angeboten beschlossen werden. BaWü-Ticket oder Gruppentickets bieten sich an. Auch die Empfehlung der Mitarbeiter vor Ort könnte sich als hilfreich erweisen.

Im Falle des Klosters Maulbronn erhielten die Autorinnen beispielsweise bei unserem Vorabbesuch sehr nützliche Informationen, unter anderem bezüglich der Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die man wohl auch telefonisch erfragen könnte. Wir konnten aber auch die Führung mit dem Audio-Guide selbst machen, um herauszufinden, welche Informationen den SuS durch dieses Medium zur Verfügung gestellt werden können. Zum Kloster Maulbronn benötigt der Zug ca. eineinhalb Stunden, um vom Hauptbahnhof Karlsruhe bis zum Bahnhof Maulbronn West zu fahren. Inbegriffen ist zusätzlich die daran anschließende Fahrt mit dem Regionalbus bis zur nächstgelegenen Haltestelle („Die Alte Post“).Auch hier gilt es, bei den jeweiligen Verkehrsmitteln die Gruppe anzumelden. Durch die dicken Steingemäuer des Klosters ist es außerdem gerade im Inneren der Klausur sehr kalt, weshalb es sich empfiehlt, warme Kleidung anzuziehen und entsprechende Information an die SuS weiterzugeben.

Thingstätte Heidelberg

Die Thingstätte Heidelberg ist nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Mit der S3 fährt man vom Karlsruher zum Heidelberger Hauptbahnhof und von dort mit der Straßenbahn (Linie 5, 23 oder 21) zum Hans-Thoma-Platz in Heidelberg-Handschuhsheim. Alternativ kann man auch früher, an der Haltestelle Brückenstraße, aussteigen.

Von beiden Haltestellen aus geht es dann zu Fuß weiter und den Heiligenberg hinauf, der mitunter recht steil ist. Ausreichend festes Schuhwerk statt Flip-Flops und ein Rucksack statt Umhängetasche sind sehr ratsam. Man folgt dem Philosophenweg , einem Radweg- und Wanderweg, von der Haltestelle Brückenstraße ausgehend. Er ermöglicht einen vielgerühmten Ausblick auf die Heidelberger Altstadt und das Schloss sowie den Neckar. Von der Haltestelle Hans-Thoma-Straße aus führt der Weg auf einer ausgebauten und geteerten Autostraße auf den Berg. Hier könnten auch ein gemieteter Bus oder organisierte Fahrgemeinschaften die SuS zur Thingstätte befördern. Unser Vorschlag wäre eine Wanderung auf dem Philosophenweg, eine Rast vor Erreichen der Thingstätte (hier bietet sich die Ruine des Stefansklosters besonders an, da sie ebenfalls einen Ausblick auf die Altstadt erlaubt und viele Sitzmöglichkeiten bietet) und dann die Erkundung der Stätte selbst. Der Rückweg könnte dann mit Auto/Bus erfolgen. Zu den Kosten für die Hin-und Rückfahrt kommen keine weiteren Positionen hinzu, denn die Thingstätte ist für jeden frei zugänglich und es gibt auf dem gesamten Fußmarsch und auf dem Berg keine Einkaufsmöglichkeiten. Es muss also zumindest ein Teil der Verpflegung für den Tag mitgebracht werden.

Erzieherische Vorbereitung

Ein dem Ort angemessenes Verhalten wird von SuS erwartet. Man sollte die Klasse über Verhaltensregeln und Konsequenzen bei eventuellem Fehlverhalten aufklären. Die Verhaltensregeln wie auch die Konsequenzen bei deren Nichtbeachtung sollten sowohl SuS als auch deren Eltern schriftlich erhalten und eventuell unterschreiben. Gerade in der Kirche des Klosters sollen sich SuS respektvoll und ruhig verhalten. Auch auf der Thingstätte Heidelberg wird erwartet, dass sich in dem weitläufigen Waldgebiet niemand ohne Abmeldung von der Gruppe entfernt. Frei verfügbare Zeit wird es anschließend geben, wenn die Gruppen- und Ausflugsregeln entsprechend eingehalten wurden.

Je nach Grad der Selbstständigkeit der SuS kann im Klassenzimmer vorab oder direkt vor Ort das Vorgehen bei der Bearbeitung der Aufgaben geklärt werden oder differenzierende Hilfestellungen (Scaffolding) verschiedenen Grades zusammen mit den Arbeitsaufträgen gegeben werden. Die Arbeitsaufträge sollen klar formuliert sein und eventuelle Fragen der SuS geklärt werden.

Die SuS können sich eigenständig nach Sympathie oder Interesse am Thema in Gruppen von idealerweise 3 Personen aufteilen. Alternativ kann dies die Lehrkraft übernehmen, um Kriterien wie Motivation, Kenntnisstand und Verhalten zu berücksichtigen.Regeln zu Benutzung von Handys sind unerlässlich und individuell zu formulieren. Oft problemlos akzeptiert wird folgender Vorschlag, da er gut zu begründen ist: Während der Fahrt zum Exkursionsort können die Handys von den SuS genutzt werden (Fotos können anschließend ausgetauscht werden!) und vor Beginn der Erkundung oder anderen Vorgehensweisen eingesammelt werden.Das Verhältnis von „Arbeitszeit“ und „Freizeit“ und die Pausen zum Essen sollten kommuniziert und begründet werden, um Diskussionen vor Ort zu vermeiden.

Das geschichtsdidaktische Potenzial

Beide Lernorte sind „historische Stätten“ und damit Orte, an denen sich Ergebnisse menschlichen Handelns in realen Zeugnissen manifestieren. Im Falle des Klosters Maulbronn ist dies offensichtlich, im Falle der Thingstätte Heidelberg in weniger offensichtlicherer, speziellerer Form. Dabei handelt es sich gleichermaßen um Orte, die für die lokale oder regionale geschichtliche Entwicklung Bedeutung haben [4].Die Lernenden sollen im Aufspüren, Entdecken, Erkunden und Wahrnehmen Spuren der Geschichte erkennen und erleben können, dass geschichtliche Entwicklungen auch durch räumliche Begebenheiten beeinflusst werden und sich auf die räumlichen Verhältnisse auswirken[5].

Kloster Maulbronn

Im Falle des Klosters Maulbronn findet man eine geeignete Landschaft für die Anlegung umfangreicher Wassersysteme (großes System an Seen,Weiher, Teiche,Wassergräben) vor, die für die Regulierung und den Bedarf des Mühlenantriebs betätigt werden konnten. Dem feuchten Gebiet wurde ein verzweigtes Grabensystem zur Entwässerung entgegengesetzt; die Salzach nutzte man damals schon für ein Abwassersystem.

Darüber hinaus war eine effiziente Landwirtschaft möglich, es wurden Wirtschaftshöfe und Weinberge über mehrere Geländestufen angelegt. Diese anfängliche Infrastruktur konnte sich über Jahre hinweg zu einer ganzen Stadt entwickeln und befand sich in einem andauernden Entwicklungszustand.

Thingstätte Heidelberg

Die Thingstätte ragt hoch über der Stadt auf dem Heiligenberg; die Kulisse allein besitzt bereits einen beeindruckenden Effekt. In der Stätte selbst zeigt sich, dass die Sprache, aufgrund des Schalls, sehr gut nutzbar ist. Auch die Fokussierung auf den Redner unterstreicht diesen Effekt.

Folgend werden besondere geschichtsdidaktische Aspekte aufgeführt.

Realität und Permanenz

Sowohl die Thingstätte als auch das Kloster Maulbronn sind aus Stein gebaut und strahlen „Wirklichkeitscharakter und Dauerhaftigkeit“ [6]aus. Im Falle des Klosters wurden seit der Errichtung im Jahre 1147 Öffnungen von Wänden vorgenommen und an anderen Stellen Öffnungen verschlossen, aber man kann auch hier noch die ursprüngliche Struktur erkennen. Desweiteren zeugen diese baulichen Veränderungen vom veränderten Gebrauch der Räume. An der Thingstätte sind keine baulichen Veränderungen vorgenommen worden.

Beide Exkursionsziele können wie so viele andere historische Orte mit allen Sinnen „begriffen“ werden [7]. Der jeweilige historische Ort hat für Lernende, die in dessen näherer Umgebung wohnen, immer auch eine besondere Bedeutung. Im Falle der Thingstätte Heidelberg erleben SuS einen großen Überraschungseffekt, wenn sie plötzlich mitten im Wald auf die Anlage stoßen.

Beide Lernorte ermöglichen das Lernen mit allen Sinnen, man kann ihn besehen, begehen, anfassen, im wörtlichen Sinne begreifen, betasten, beriechen, vermessen [8].Die Schüler werden auf einer emotionalen Ebene angesprochen, denn es handelt sich um etwas Altes und Ehrwürdiges, welches damals von historisch realen Menschen erdacht, hergestellt und genutzt wurde. Die Beständigkeit der Anlagen, welche Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte überdauern, wirkt auf die Schülerinnen und Schüler und kann im günstigen Fall das Interesse der SuS wecken, die Spuren vergangener Geschehnisse auffindbar zu machen. Darüber hinaus hat diese Beständigkeit auch einen unterrichtspraktischen Effekt, denn der Lernort steht prinzipiell immer zur Verfügung und kann zu jeder Tageszeit und bei jedem Wetter wieder aufgesucht werden[9].

Entscheidet man sich für mehrmalige Besuche (zum Beispiel mittags bei Sonnenschein, an einem trüben Tag oder in der Abenddämmerung) bekommen die SuSjeweils andere Eindrücke. Diese können in eine differenziertere Gesamterfassung des Objekts miteinbezogen werden[10].

Originalität, Anschaulichkeit und Imagination

Im Gegensatz zu mobilen Sachquellen, die zur besseren Anschaulichkeit und zur Anregung der Imagination „re-kontextualisiert“ werden, ist dies bei historischen Lernorten wie dem Kloster Maulbronn und der Thingstätte Heidelberg nicht notwendig. Die bereits mitgebrachte Vorstellungskraft ermöglicht es den SuS, sich den Ort als etwas Lebendiges vorzustellen [11] und durch Anschauung historischen Begriffen sinnliche Kraft zu geben. Orte, die real erlebbar sind, sind in der Lage das entdeckende Lernen[12]anzuregen, denn kein anderes Medium besitzt eine solche Anschaulichkeit hinsichtlich originaler Farbe, Form, Größe und Dreidimensionalität [13].Schon alleine die „räumliche“ Erfahrung durch Begehen, „künstlerische und architektonische Wirkung oder die Symbolhaftigkeit“ [14] veranschaulichen dies und machen die Objekte erlebbar.

Kloster Maulbronn

Im Kloster wird das Vorstellungsvermögen der SuS gefördert, welche anhand der aufgefundenen Gegebenheiten die Lebensumstände und die Lebenskultur der historischen Menschennachempfinden. Gerade die Kälte, die man während der Begehung in den alten Gemäuern erfährt, regt diese an. Durch die komplett erhaltene Klosteranlage mit den einzelnen Funktionsgebäuden ist es den SuS möglich, die Lebens- und Arbeitswelt von Menschen der Vergangenheit [15]nachzuvollziehen. Hier wird durch vorgegebene Informationen die Vorstellungskraft anregt.

Thingstätte Heidelberg

Im Falle der Thingstätte Heidelberg besonders herauszustellen ist die Tatsache, dass hier wirklich eine multiperspektivische Erschließung durch die problemlose Entfernung der Hinweistafeln möglich wird. Die SuS haben also keinerlei Informationen, sondern betreten die Anlage und beginnen sie zu erkunden. Die Hypothesen, die sie automatisch bilden und sicher auch artikulieren werden, können sie weiteren Verlauf der Erkundung und der Arbeit auf eine eventuelle Präsentation hin selbst überprüfen. Die Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass die Thingstätte selbst keine eindeutigen Hinweise liefert, die eine Identifizierung ihrer Funktion ermöglichen. Erst das Lesen der Hinweistafeln ließe eine eindeutige Feststellung der Erbauer, der Funktion und Nutzung zu. Die SuS erhalten aber andererseits die seltene und wertvolle Möglichkeit, die fachwissenschaftliche Arbeitsweise des Historikers nachzuvollziehen, der einen Fund analysiert.

Bei der Thingstätte Heidelberg werden die zwei Informationstafeln abgedeckt. Somit ermöglicht die Stätte unmittelbare und offene Zugangs- und Interpretationsweisen [16].Da hier keine Deutungen vorgegeben werden, kann der echte, begreifbare Gegenstand auf ganzheitliche und gleichzeitig differenzierte, individuell oder sozial verschiedene Weise wahrgenommen und bewertet werden[17].Resultierend wird hier das geschichtsdidaktische Prinzip der Multiperspektivität gefordert.


Authentizität und Historizität

Schriftliche Quellen, Bildquellen und bildliche Reproduktionen ermöglichen den SuS kaum emotionalen Zugang und lassen eine zeitliche Distanz nur schwer erahnen. Die immobilen Quellen hingegen sprechen durch Originalität und Anschaulichkeit für sich selbst, was man historische Authentizität nennen kann[18]. Sachliche Relikte bleiben in der Regel stumm, weshalb jedem Einzelnen ermöglicht wird, eigene Erkenntnisarbeit zu leisten. Die daraus resultierende Mehrdeutigkeit führt wiederum zur Multiperspektivität. So erhalten das Kloster Maulbronn und die Thingstätte Heidelberg für jeden einzelnen Schüler einen eigenen Charakter, bei dem es gilt sich auszutauschen, um eine Mehrdeutigkeit zu erzeugen.

Das Interesse an der eigenen Region kann die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Geschichte fördern, weshalb es günstig ist, regionale Orte wie das Kloster Maulbronn oder die Thingstätte Heidelberg zu wählen. Historische Orte vermitteln das Prinzip der Historizität[19], kurz gefasst sind sie also auch Zeuge geschichtlicher Veränderungen, denn die Orte existieren nicht mehr genauso wie damals.

Im Kloster Maulbronn ist das gerade durch die verschiedenen Baustile, zugemauerte Durchgänge, geöffneten Räumen u.v.m. sehr gut zu erkennen. Auch die Thingstätte durchlebte in den Jahren klimatisch und ökonomische bedingte Veränderungen, welche ersichtlich sind. Beide Objekte werden heute auch nicht mehr in der Form wie damals genutzt und zeigen, dass sie sich in einem kontinuierlichen Wandel befinden.

Funktionen

Bei der Thingstätte Heidelberg ist eine gezielte einmalige Tagesexkursion angedacht, bei der die historische Stätte Gegenstand historischen Lernens ist. Alle Informationen werden unter Anleitung eigenständig erarbeitet.

Das Kloster Maulbronn ist sehr vielfältig und bietet ein breites Spektrum von Perspektiven und Themen an, mithilfe derer man das Kloster erforschen könnte. Deshalb wäre ein mehrfacher Besuch notwendig, um mehrere Aspekte erarbeiten zu können. Ein Manko stellt hierbei allerdings die beschränkte Erkundungsweise dar, da es den SuS nicht erlaubt ist, eine eigenständige Untersuchung durchzuführen. Hier würden sich Projekte über einen längeren Zeitraum wie z.B. Wanderwochen o.Ä. anbieten. Je nachdem könnte dies durch einen Besuch in Museen und Archiven ergänzt werden. Im Kloster Maulbronn findet man auch diese vor Ort vor.

Kompetenzen

Die Kompetenzen bestehen aus den drei Idealtypen „Erkundung“ an sich [20], „Rekonstruktion historischer Ereignisse“ [21] und „Hinterfragen gedeuteter Geschichte“ [22].Die Erkundung besteht in der Untersuchung der Bindung des historischen Ortes an den Raum. Hier können die Fragen , die Schreiber aufwirft [23], gestellt werden.

Kloster Maulbronn

Erkundung

Im Fall des Klosters Maulbronn sind für die Rekonstruktion historischer Ereignisse vor allem Quellen wertvoll, die nicht in den Klostergebäuden selbst zu finden sind. Beispielsweise wäre es möglich anhand von Protokollen der Kapitelsitzungen die Gesprächsführung und den Ablauf nachzuvollziehen. Hernach könnte in verteilten Rollen ein Thema nach diesem Schema diskutiert werden.

Thingstätte Heidelberg

Während des Aufenthaltes auf dem Heiligenberg sollen die SuS im Zuge der Erkundung (siehe unten) die akustischen Verhältnisse testen. Daher bietet es sich an, die SuS eine kurze Rede halten oder ein Gedicht vorzutragen zu lassen. Auf diese Weise können die SuS nachempfinden, wie man sich die Atmosphäre auf der Thingstätte vorzustellen hat.

Für das Hinterfragen gedeuteter Geschichte bieten beide Orte keine Anhaltspunkte.

Methoden

Als Methoden stehen wie oben beschrieben „Wahrnehmung und Erkundung“ [24], „Aufarbeitung durch Analyse und Deutung“ [25] und die „Präsentation der Ergebnisse“ [26]zu Verfügung.

Wahrnehmung und Erkundung kann im Grad der Lenkung variieren. Für die beiden hier vorgestellten historischen Lernorte gibt es nach unserer Kenntnis keine historischen Lernpfade. Vielmehr sollen unsere Überlegungen zur Thingstätte Heidelberg in Zukunft als solche dienen.Im Falle der Thingstätte finden keine Führungen statt.

Kloster Maulbronn

Kloster und Kirche können im Kloster Maulbronn nur im Rahmen einer Führung betreten werden. Expertenkenntnisse des Personals können also in die Wahrnehmung und Erkundung mit einfließen.

Im Kloster Maulbronn dürfen SuS sich nicht unbeaufsichtigt aufhalten. Freies Entdecken und Sammeln von Eindrücken und Informationen ist dagegen auf der Thingstätte Heidelberg keine „Gefahr“, die es laut Mayer zu meiden gilt [27], sondern das Gebot der Stunde und ausdrücklich erwünscht. Selbstverständlich erfolgt die Erkundung durch „gelenktes Entdeckenlassen“ [28] und durch „Beobachtungs- und Handlungsaufträge“ [29]. Hier können auch die unterschiedlichen Interessen der SuS einfließen, da verschiedene Arbeitsaufträge angeboten werden können. Im Falle der Thingstätte Heidelberg befinden sich vor Ort zwei Hinweistafeln, die leicht abgedeckt werden können.

Die SuS haben den Auftrag im Kloster Maulbronn…


Die SuS haben den Auftrag auf der Thingstätte Heidelberg…

Die folgenden Schritte Analyse und Deutung und Präsentation der Ergebnisse sind als eng verzahnt zu betrachten. Während der Erkundung und/oder nach Rückkehr in die Schule bzw. in den nachfolgenden Tagen ist in jedem Fall auch eine Präsentation der Ergebnisse der Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit nötig, um allen SuS alle gesammelten Informationen zugänglich zu machen. Im Falle der Thingstätte ist die Beantwortung der Frage nach der Funktion und die zeitliche Verortung des Baus zu leisten, wenn dies nicht schon vor Ort geschieht.

Zur Präsentation der Ergebnisse bietet es sich gerade bei der Thingstätte an, Führungsblätter zu erstellen. Diese können anderen Klassen zur Information, Überarbeitung und Erweiterung angeboten werden. Eine Evaluation/Reflexion in Form von Selbst- und/oder Fremdevaluation sollte nicht fehlen.

Belege

Literatur

Müller, Carla und Karin Stober (Hrsg.). Kloster Maulbronn, Deutscher Kunstverlag GmbH: Berlin/München, 2013

Mayer, Ulrich. Historische Orte als Lernorte. In: Pandel, Hans-Jürgen, Ulrich Mayer und Gerhard Schneider (Hrsg.). Handbuch Methoden des Geschichtsunterrichts, Schwalbach/Taunus: Wochenschau Verlag 2011, 389 – 407.

Schreiber, Waltraud. Geschichte vor Ort. Versuch einer Typologie für historische Exkursionen, in: Schönemann, Bernd/Uffelmann, Uwe /Voit, Hartmut(Hg.), Geschichtsbewusstsein und Methoden historischen Lernens, Weinheim

Einzelnachweise

  1. Mayer, Ulrich. Historische Orte als Lernorte. In: Pandel, Hans-Jürgen, Ulrich Mayer und Gerhard Schneider (Hrsg.). Handbuch Methoden des Geschichtsunterrichts, Schwalbach/Taunus: Wochenschau Verlag 2011, 389 – 407
  2. Hinweistafel an der Thingstätte Heidelberg
  3. vgl. Mayer 2004, 402
  4. vgl. Mayer 2004, 392
  5. vgl. Mayer 2004, 392
  6. vgl. Mayer 2004, 392
  7. vgl. Mayer 2004, 392
  8. vgl. Mayer 2004, 392
  9. vgl. Mayer 2004, 393
  10. vgl. Mayer 2004, 392
  11. vgl. Mayer 2004, 393
  12. vgl. Mayer 2004, 393
  13. vgl. Mayer 2004, 393
  14. vgl. Mayer 2004, 393.394
  15. vgl. Mayer 2004, 393
  16. vgl. Mayer 2004, 393
  17. vgl. Mayer 2004, 393
  18. vgl. Mayer 2004, 394
  19. vgl. Mayer 2004, 394
  20. vlg. Mayer 2004, 398
  21. vlg. Mayer 2004, 400
  22. vlg. Mayer 2004, 401
  23. vgl. Schreiber 1998, 219
  24. vlg. Mayer 2004, 403
  25. vlg. Mayer 2004, 404
  26. vlg. Mayer 2004, 405
  27. vlg. Mayer 2004, 404
  28. Mayer 2004, 404
  29. Mayer 2004, 404
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