Personalisierung und Personifizierung

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Lindner/Balling SS2013

Personalisierung vs. Personifizierung

Zu früherer Zeit war man der Annahme, dass für SchülerInnen der historische Sachverhalt einsichtiger wäre, wenn er anhand von bedeutenden Personen aufgezeigt würde. Aus diesem Grund wurde Deutung und Darstellung von Ereignissen aus der Perspektive großer Persönlichkeiten veranschaulicht. Problematisch bei dieser Personalisierung ist, dass auf diese Art und Weise kein geschichtlicher Zusammenhang hergestellt werden kann, sondern Ereignisse nur aus der Perspektive einer „großen Persönlichkeit“ geschildert werden. Gefühle und Beweggründe anderer Personen bleiben außen vor. Dies kann zu einer Verzerrung der historischen Situation führen. Daraufhin entwickelte Klaus Bergmann das Verfahren der Personifizierung als didaktische Alternative, bei dem das Handeln von „namenlosen“ Personen konkret im Geschichtsunterricht dargestellt wird. Personen sind nun nicht mehr als Individuum bedeutend, sondern sprechen für eine gesellschaftliche Gruppierung. Zum Beispiel wird von den historischen JugendbuchautorInnen typisches Verhalten von Personen einer bestimmten Gruppierung zusammengestellt und daraus eine fiktive Figur kreiert. Die Personifizierung ist vorteilhaft für den Geschichtsunterricht, da anhand ihrer die SchülerInnen einen Einblick in den historischen Alltag bekommen und sie erfahren lässt, welche Hoffnungen, Bestrebungen, Erfahrungen und Leiden die Menschen zu dieser Zeit hatten [1].


Bei der Personifizierung verkörpern die Protagonisten ein Gesellschaftssystem der Vergangenheit. Das Problem dabei ist, dass bei der Erstellung des fiktiven Konstrukts die heutige Denkweise des Autors miteinfließt. Die Frage stellt sich nun, inwieweit die wirklichen Lebensbedingungen der damaligen Zeit dargestellt werden. Diese Zweifel werden noch verstärkt durch die Tatsache, dass nicht die Vermittlung der historischen Fakten im Vordergrund steht, sondern das Ziel den Identitätsprozess des Schülers zu fördern. Ein weiteres Problem ist, dass die Helden in der historischen Jugendliteratur im Laufe der Zeit nicht mehr als fiktives Konstrukt gesehen werden, sondern als reale Menschen, die wirklich gelebt haben. Man schreibt über sie sogar Biografien.

Eine Möglichkeit zur Lösung des Problems ist eine klare Trennung zwischen der tatsächlichen Welt und der nicht-aktualisierten Welt. Konkret soll das folgendermaßen aussehen: Man soll sich nicht fragen, ob die jeweilige Figur auf diese Art und Weise in der realen Vergangenheit hätte handeln können, sondern das Augenmerk darauf lenken, ob der Protagonist in der fiktionalen Wirklichkeit so auftreten könnte [2].

  1. vgl. Rox-Helmer 2006, S. 36 f.
  2. vgl. Rossi 2010, S. 71 f.

Literatur:

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