Perspektiven des 1. Weltkrieges in Technik und Gesellschaft und die Reaktion der Kunst im Kriegsjahr 1917

Sonntag, Juli 1, 2012

Die Kunstausstellung “1917″ im Centre Pompidou in Metz – Das Kriegsjahr 1917 war eine “Epochenjahr”: der Kriegseintritt der Amerikaner, die kommunistische Revolution, die die Welt bald in zwei Lager spalten wird und die Künstler, die Jahre zuvor noch den Krieg begeistert feierten, erwachten aus ihrem Dornröschenschlaf und zeigten die entmenschlichende Seiten des Krieges in Bildern, wie sie die Kunstwelt bislang nicht gesehen hatte. Dem “Grande Guerre”, oder dem auch dem “Great War” verdanken wir nicht nur ungeahnte Schrecken.

Was passiert mit der Kunst im Krieg? Wie positionieren sich Künstler in dieser patriotisch aufgeheizten Zeit, wo Hunderttausende auf den Schlachtfeldern getötet und verletzt werden? Diesen Fragen geht die Ausstellung mit einer überbordenden Fülle an Objekten und Bildern nach. Da wird zum Beispiel ein Propagandafilm über den Einsatz von Feuerwaffen an die Wand projiziert, davor liegt ein original Torpedo aus einem deutschen U-Boot und gegenüber hängt ein futuristisches Gemälde mit dem Titel “Feuerwerk”.

Während die Futuristen den Krieg und seine Technologie verherrlichten, machten die Dadaisten analog zum Geschehen auf den Schlachtfeldern Tabula rasa in der Kunst, indem sie das bisherige Kunstverständnis in Schutt und Asche legten. Und während also Marcel Duchamp 1917 ein Pissoir zum Kunstwerk erklärte, zog sich Claude Monet in seinen Garten zurück, um Seerosen zu malen. Otto Dix wiederum, der selbst Soldat war, wurde zum Chronisten und zeigt in seinen Zeichnungen die grausame Wirklichkeit des Krieges. Und Fernand Léger, ebenfalls Soldat, entwickelte angesichts der zylinderförmigen Granaten und zerfetzten Körper in den Schützengräben seine kubistische Formensprache. Die Erfahrung des Krieges habe ihm mehr beigebracht als alle Museen der Welt, hat er rückblickend immer wieder gesagt.“, schreibt Kathrin Hondl in ihrem Artikel für den Deutschlandfunk

Besonders gelungen ist der Zugang, der dem Betrachter zur Entwicklung zeitgenössischer Kunst, ob Expressionismus oder Dada etc., gelegt wird. Durch die Perspektiven von Tätern und Opfern unterschiedlicher Nationen, kann die Genese dieser neuen Kunstformen nachvollzogen werden. Erst der Blick auf den Krieg, erklärt den Blick des Künstlers bei der Gestaltung seines Werkes. Erst wer versteht, was der Krieg den Menschen angetan –  aus ihnen gemacht hat – versteht, wenn Künstler “unfertige” Menschen malten, denen Teile ihres Köpers fehlten, auf denen Menschen Maschinen gleichen, auf denen man das Stakkato von Maschinengewehrsalven zu hören glaubt.

Gleichzeitig ist diese Ausstellung ein Vorbild für den Geschichtsunterricht an Schulen: Multiperspektivische Zugänge, Alltagsgeschichte, Personifizierung und Exemplarität bilden den didaktischen Rahmen dieser Ausstellung. So sollte auch guter Geschichtsunterricht aufgebaut sein. Nicht durch das Lernen der Fakten erhalten wir Einblick in die Vergangehenheit, sondern druch das Erschließen von Zusammenhägen. Um dies zu ermöglichen erwahrtet den Besucher ein Sammelsurium von mehreren tausend Ausstellungsstücken – von moderner Kunst über Propagandaplakate, Zeitschriften und Filme bis hin zu Alltagsgegenständen. Eines wird klar: 1917 war ein “Epochenjahr”, das erschreckend deutlich macht, wie nah Zerstörung und Kreativität einander sind.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 24. September.

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