Hintergrundwissen

Die Geschichte und die Entwicklungen in Karlsruhe können nicht getrennt betrachtet werden von denen des gesamtdeutschen Reiches oder gar Europas. Um die Vorgänge zu verstehen, bedarf es einiges Hintergrundwissens. An dieser Stelle soll versucht werden, dieses (zumindest punktuell) zu geben. In den Punkten, in denen es konkret um Karlsruhe geht, gibt es immer wieder Verlinkungen auf die entsprechenden Artikel im Hintergrundwissen. Sie erlauben es, das Gelesene in einen größeren Kontext einzuordnen.

Zudem werden einige Konzepte und Ereignisse kurz erläutert, die allgemein für das Verständnis der Webseite wichtig sind.

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Das deutsche Kolonialreich

Hier finden Sie einen kleinen Überblick über die Geschichte des deutschen Kolonialreiches.

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Wie kam Deutschland zu den Kolonien?

Deutschland begann, im Vergleich zu anderen Kolonialmächten, erst relativ spät mit der tatsächlichen Kolonisierung von Gebieten. Es hatten sich aber zuvor schon viele Deutsche in den Kolonien anderer Länder engagiert: deutsche Wissenschaftler, Händler, Kaufleute, Forscher, Missionare und Soldaten waren häufig schon zuvor im Dienst der anderen europäischen Kolonialmächte. (Gründer & Hiery 2017:9). Zudem fiel das deutsche Engagement in die Zeit des Hochimperialismus, in der die Verbesserung von Transportmitteln einen schnelleren Austausch von Informationen, Waren und den Personen ermöglichte. Deshalb suchte man für die sich globalisierende Wirtschaft neue Absatzmärkte in Übersee. Nicht zuletzt wollten die Deutschen durch die Kolonien Ansehen in der Welt erlangen (Lindner 2016:16). Aber schon bevor das deutsche Reich damit begann, andere Länder zu kolonisieren, hatten einige deutsche Adlige kleinere, private Kolonien. So konnte beispielsweise Preußen-Brandenburg im 17. Jahrhundert durch Kolonien im heutigen Ghana und die Pachtung eines Teils der dänischen Insel St. Thomas rund 30 Jahre lang mit Sklavenhandel Geld verdienen (Gründer & Hiery 2017:10).

Der Durchbruch zur erfolgreichen Durchsetzung kolonialer Propaganda und Organisation gelang durch Friedrich Fabris Schrift „Bedarf Deutschland der Kolonien?“ im Jahr 1879. In dieser legte er dar, wie die Frage der wachsenden Bevölkerung durch eine Massenauswanderung geregelt werden könne, da der Lebens- und Ernährungsraum immer enger würde. Zudem forderte er einen Zugang zu Absatzmärkten und Rohstoffquellen sowie Anlagegebiete für den Kapitalexport. Des Weiteren sollten die Kolonien bei der Bewältigung innerpolitischer Probleme helfen (z.B. durch Verbrecherkolonien) und nicht zuletzt die Kolonialpolitik als Mittel zur nationalen Einigung dienen, sowie offensive deutsche „Kulturmission“ betrieben werden (Gründer & Hiery 2017:12, vgl. auch Lindner 2016:19).

Obwohl Bismarck einer Kolonisation zunächst skeptisch gegenüberstand, hatte er den Vorsitz der Berliner Westafrika-Konferenz, die zwischen November 1884 und Februar 1885 stattfand und an welcher 13 europäische Staaten sowie die USA teilnahmen. Bei der Konferenz wurde der Zugang zu Handel und Mission vertraglich geregelt. Vor allem kam es aber zu einer Festlegung von Kriterien für die Anerkennung von Kolonialbesitz („effektive Besetzung“). Dies löste einen Wettlauf um nicht besetzte Gebiete sowie die definitive Abgrenzung des Besitzstandes aus. Innerhalb weniger Jahre wurde ganz Afrika (außer Äthiopien und Liberia) unter den europäischen Mächten aufgeteilt (Gründer & Hiery 2017:14f.). Daraufhin erwarb Deutschland innerhalb eines Jahres vier „Schutzgebiete“ in Afrika (Deutsch-Südwest, Togo, Kamerun und Deutsch-Ostafrika) und Gebiete in der Südsee (Deutsch-Guinea und die Marshallinseln). Die besetzten Gebiete hießen „Schutzgebiete“, da die Verwaltung der Territorien durch große Handelsgesellschaften erfolgen sollte und somit auch das finanzielle Risiko bei den Handelsgesellschaften liegen sollte. Dafür erhielten sie „kaiserliche Schutzbriefe“ und standen außenpolitisch unter dem Schutz des Reiches. Dieses Modell scheiterte jedoch und das Reich übernahm im Laufe der Zeit auch die rechtliche und politische Hoheit über die Gebiete – mit allen finanziellen und militärischen Folgen. Der Name „Schutzgebiete“ blieb zwar erhalten, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich nicht um „Protektorate“, sondern um „echte“ Kolonien handelte. Auch in anderen Teilen Afrikas und der Südsee gab es Versuche, deutsche Kolonien zu errichten, was teils auch gelang. Viele dieser Gebiete wurden allerdings wieder gegen diplomatische Anerkennung der bestehenden Gebiete oder gegen ein anderes Gebiet getauscht (wie etwa Sansibar gegen Helgoland) (Gründer & Hiery 2017:16f.). Zudem engagierte sich Deutschland zusammen mit anderen europäischen Kolonialmächten in China. Zwischen 1897 und 1914 bestand in der Bucht von Kiautschou/Jiazhou ein Marinestützpunkt. Bald kam es aber zu Auseinandersetzungen mit der chinesischen Bevölkerung. Die Imperialmächte arbeiteten hier eng zusammen, wie am gemeinsamen Vorgehen gegen die chinesische Boxerbewegung und später gegen die chinesische Regierung festzumachen ist. Bei dieser militärischen Aktion war der Oberbefehlshaber der Deutsche Alfred Graf von Waldersee (Lindner 2016:21). Unter dem Einfluss Bernhard von Bülows kaufte das Deutsche Reich von Spanien Ende des 19. Jahrhunderts die Marianen, Palau, und die Karolinen-Inseln. 1900 erhielt das Reich auch noch die westlichen Samoa-Inseln. Die letzte Erweiterung gab es 1911 durch einen Ausgleich mit Frankreich nach der Marokko-Krise: die deutsche Kolonie Kamerun wurde um einige Gebiete erweitert (Gründer & Hiery 2017:19f.). Gerade im Südpazifik stimmte man sich sehr eng mit anderen Kolonialmächten, insbesondere Großbritannien, ab. Dort ging es weniger um wirtschaftliche Vorteile, als um die Vorstellung Deutschlands als Weltmacht und das damit verbundene Ansehen (Lindner 2016:21).

Wirtschaftlich waren die Kolonien nie rentabel für den Staat (nur in Togo konnten einige Überschüsse erzielt werden). Dafür hatten einige Privatunternehmen und Minengesellschaften Gewinne (Lindner 2016:22).

Insgesamt umfassten die deutschen Kolonien 2% der Weltlandfläche; zum Vergleich: England besetzte 22,3%, Russland 11%, Frankreich 7%. Trotzdem war der Kolonialbesitz fast sechs Mal so groß wie das „Mutterland“ selbst. Das Kolonialreich endete faktisch nach dem ersten Weltkrieg, völkerrechtlich jedoch spätestens 1921. Die deutschen Kolonien wurden unter den Kriegsgewinnern verteilt, die das Gebiet militärisch besetzt hatten (Gründer & Hiery 2017:20ff.).

Wie herrschten die Deutschen über die Kolonien?

Zunächst handelte es sich bei den Kolonien nur um Niederlassungen an der Küste, die mit einigen Stützpunkten im Hinterland verbunden waren. Das bedeutet für die Deutschen, dass sie zu Beginn noch stark auf eine Kooperation mit den Einheimischen angewiesen waren. Für den Hauptteil der Bevölkerung bedeutete es wiederum, dass er anfangs nur wenig von der Kolonialherrschaft betroffen war, es handelte sich um eine Herrschaft mit begrenztem Einfluss.

Speitkamp (2016:34) beschreibt den Beginn der deutschen Kolonisation folgendermaßen:

„Die Deutschen kamen also keineswegs als glorreiche Eroberer. Sie waren schlecht vorbereitet, mussten sich an der Küste einheimische Träger mieten und weitere Tauschware erwerben, brauchten einheimische Führer und Wachtruppen und in kritischen Situationen Fürsprache von Warlords. Generell mussten die Deutschen Kontakt zu den Eliten vor Ort knüpfen und sich auf deren Stärke verlassen, deren Verhandlungsformen akzeptieren. Und sie benötigten Dolmetscher, denn in aller Regel sprachen sie die lokalen Sprachen nicht.“

Nach und nach wurden die Infrastruktur und die Administration ausgebaut – dadurch stieg der Druck auf die indigene Bevölkerung. Über Hütten- und Kopfsteuern zwang man die Bevölkerung in die abhängige Arbeit auf Plantagen, in Minen und in Infrastrukturprojekten. Dies bedeutete, dass viele Einheimische gezwungen wurden, innerhalb des Landes an neue Orte zu ziehen, was dazu führte, dass soziale Strukturen auseinandergerissen wurden. In den meisten Kolonien Afrikas entwickelten die Kolonialherren so Systeme der unbezahlten Zwangsarbeit. In der einzigen Siedlerkolonie des Deutschen Kaiserreichs, Deutsch-Südwestafrika, kam es zudem zu Landenteignungen (Lindner 2016:22f.). Diese, die gewaltsamen Herrschaftsmethoden, die zunehmende Rechtsunsicherheit sowie die betrügerischen Geschäftspraktiken der Weißen führten letztendlich zu Aufständen zunächst der Herero, später auch der Nama, die im Herero-und-Nama-Krieg in Deutsch-Südwestafrika von 1904 bis 1907 mündeten (vgl. Gründer 2012:121-138). Ein Teil des Krieges war der Völkermord an den Herero, die von Lothar von Trotha in die Wüste Omaheke zum Verdursten getrieben wurden. 75-80% der Gesamtbevölkerung der Herero und 50% der Nama wurden dabei umgebracht. 25% der überlebenden Herero und Nama wurden zudem in fremde Landesteile deportiert (Gründer 2012: 130f.). Der zweite große deutsche Kolonialkrieg war der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika von 1905 bis 1907. Ihm war jahrelang andauernder (auch gewaltsamer) Widerstand vorausgegangen. Auch hier protestierten die Einheimischen gegen die unentgeltliche Fronarbeit, gegen die Brutalität der Söldner, die Hüttensteuer und die Praktiken bei der Eintreibung dieser, sowie die zunehmend weiße Besiedlung und die betrügerischen Lohnpraktiken europäischer Wirtschaftsunternehmen (Gründer 2012:172-175). Beim Maji-Maji Krieg starben auf afrikanischer Seite insgesamt zwischen 250 000 und 300 000 Menschen, auf deutscher Seite waren es hingegen nur ca. einhundert (Lindner 2016:25), Speitkamp (2016:37) spricht sogar nur von fünfzehn getöteten Europäern – diese ungleiche Verteilung war der waffentechnischen Überlegenheit der Imperialmächte geschuldet. Erst ab 1907, nach den Kolonialkriegen, kam es zu einer Reform der Kolonialverwaltung, da die Kriege sowie mehrere Kolonialskandale für erhebliche Kritik auch in Deutschland sorgten. Dafür setzte das Reichskolonialamt einen neuen Kolonialstaatssekretär als Reformer ein, der die Verwaltung professionalisieren sollte. Ähnliche Prozesse waren auch bei anderen Kolonialmächten beobachtbar: insgesamt wollte man einen „modernen, effizienten, wissenschaftlichen“ Kolonialismus, in dem nicht nur die natürlichen Ressourcen eines Landes optimal genutzt wurden, sondern auch die Arbeitskraft der einheimischen Bevölkerung. „Im internationalen Vergleich ist die deutsche Kolonialherrschaft [in Afrika, N.H.] auch von Zeitgenossen oft als besonders brutal beschrieben worden. Togo galt in den benachbarten Kolonien als das 25-country, weil niedrige Kolonialbeamte Prügelstrafen mit 25 Peitschenhieben ohne jedes Urteil ausführen konnten“ (Lindner 2016:24, kurs. im Original). Ein weiteres Problem war, dass die Deutschen ihre koloniale Einmischung in hohem Maße als Prestigeprojekt wahrnahmen und sich zudem stark von militärischen Ehrvorstellungen leiten ließen, was dazu führte, dass sie kaum zu Kompromissen bereit waren. Aufständische wurden bis zum Schluss verfolgt, einziges Ziel war die vollständige Kapitulation. Auch andere Kolonialmächte waren sehr brutal, ließen sich aber auch auf Verhandlungen ein (beispielsweise Großbritannien) (Lindner 2016:25).  Insgesamt fiel die deutsche koloniale Intervention in die Zeit des Hochimperialismus. In dieser Zeit waren in allen Kolonialreichen rassistische und sozialdarwinistische Theorien verbreitet. Es herrschte die Ansicht, Europäer*innen hätten ein „Recht“ auf Kolonien. Der Umgang mit den Einheimischen fiel dabei sehr unterschiedlich aus (je nachdem, wie sie in der rassistischen Hierarchie eingestuft wurden: die Samoaner*innen waren in der Hierarchie recht weit oben, ihre Traditionen sollten erhalten werden und generell war die Sicht auf sie geprägt durch einen erotisierenden und exotisierenden  Charakter – der Bewunderung für die „edlen Wilden“. In China gab es eine stärkere Segregation zwischen Deutschen und Chines*innen – dort sollte eine Musterkolonie ohne Vermischung entstehen. Als „mongolische Rasse“ galten die Chines*innen als untergeordnet, da sie zahlenmäßig jedoch stark überlegen waren, wurde die Angst vor der „gelben Gefahr“ geschürt, was einer der Gründe sein mag, warum sich das Deutsche Reich am Vorgehen der Imperialmächte gegen die chinesische Boxerbewegung beteiligte. Afrikaner*innen waren ganz unten auf der hierarchischen Leiter angesiedelt. Sie sollten in erster Linie diszipliniert werden und für „ihre“ Kolonialherren arbeiten. Dies verdeutlicht das Beispiel Deutsch-Südwestafrika: nach dem Herero-und-Nama-Krieg hatten die Einheimischen kein Recht mehr auf Landbesitz, keine freie Wohnortwahl und man zwang sie in körperlich anstrengende, abhängige Lohnarbeit (Lindner 2016:25f.).

Was bedeutet "Kolonialrevisionismus"?

Als Kolonialrevisionismus wird die Zeit zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg bezeichnet, in der Deutschland keine Kolonien mehr hatte, diese aber zurückerlangen wollte.

Die deutschen Kolonialgebiete wurden nach dem ersten Weltkrieg dem Völkerbund formell als „Mandate“ übertragen, was bedeutet, dass die Alliierten die Gebiete bekamen. Dies rief einen starken Protest der deutschen Nationalversammlung hervor, die die„Wiedereinsetzung Deutschlands in seine kolonialen Rechte“ forderte. Die alliierten Mächte begründeten die „Mandatsübertragung“ durch Vorwürfe, dass Deutschland sich nicht richtig um „seine“ Kolonien habe kümmern können. Dies bildete von da an den Kern dessen, was später als „koloniale Schuldlüge“ bezeichnet wurde [siehe unten], die wiederum ein Eckpfeiler des gesamten Kolonialrevisionismus war (Gründer 2012:258).

Geregelt wurde die „Mandatsübertragung“ durch den Paragraphen 22 im Versailler Vertrag, der als stigmatisierend empfunden wurde. Die Deutschen fühlten sich in ihrer Identität angegriffen, was sich besonders in der Erörterung von Kolonialfragen niederschlug. Kämper (2016:196) beschreibt dies so: „Obwohl der deutsche Kolonialdiskurs immer schon ein Identitätsdiskurs war, ein Diskurs über das deutsche Selbstbild, obwohl es stets und von Beginn an um die deutsche Stellung in der Welt ging […] – seit der Versailler Vertrag die marginalisierte Position der Deutschen vor den Augen der gesamten Welt festschrieb, wurde der Zweck der diskursiven Identitätsarbeit noch viel wichtiger“. Insgesamt beschreibt Kämper (2016) diesen kolonialen und vor allem kolonialrevisionistischen Identitätsdiskurs als einen wir auch Diskurs. Dies begann laut Kämper (2016:209) mit dem Zuruf des Reichskanzlers Bernhard von Bülow im Reichstag am 6. Dezember 1897: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne” (kurs. N.H.). Dieses wir-auch-Syndrom wirke nach 1918/1919 weiter.

„[…] wir auch ist gleichsam als diskursive Grundfigur des Kolonialdiskurses zu beschreiben, seit es ihn gibt. So lauten die oben beschriebenen Argumente in ihrer vollständigen Form:
– Wir wollen auch an der kulturellen Hebung primitiver, nicht-zivilisierter Völker teilhaben.
– Wir haben auch das Recht, von überseeischen Rohstoffen zu profitieren.
– Wir benötigen auch kolonialen Siedlungsraum“ (Kämper 2016:210, kurs. und unterstrichen im Original).

Nach der Mandatsübertragung wurde das Reichskolonialamt aufgelöst und stattdessen der Kolonial-Zentralverwaltung im Reichsministerium für Wiederaufbau unterstellt, die explizit den Auftrag hatte, „die Weiterentwicklung der abgetretenen Schutzgebiete, die Entwicklung der kolonialen Frage überhaupt und die Möglichkeit der Wiedererlangung von Kolonialbesitz zu verfolgen“. Außerdem unterstützte sie die propagandistisch tätigen Kolonialverbände und Kolonialgesellschaften finanziell und entschädigte Unternehmen. Von Beginn der Weimarer Republik an wurde also die Wiedererlangung des Kolonialbesitzes von staatlicher Seite aus angestrebt (Gründer 2012:259). Dies lag auch daran, dass den Kolonien weiterhin ökonomische, soziale, nationale und kulturelle Bedeutung zugeschrieben wurde (Gründer 2017:165). Unterschiede zur wilhelminischen Zeit waren vor allen Dingen die stärkere Betonung des Imports statt des Exports und mehr Wertlegung auf das demographische Argument („Volk ohne Raum“). Vergessen wurde dabei, dass der Anteil der Kolonien am deutschen Außenhandel vor 1914 jedoch verschwindend gering war und die vielbeschworenen wichtigen Rohstoffe (Kohle, Baumwolle, Gummi, Mineralöle und viele mehr) in den ehemaligen Mandatsgebieten kaum bis gar nicht vorkamen (Gründer 2017:165).

Außerdem waren auch die Kolonialgebiete als deutscher Lebensraum, aufgrund fehlenden Interesses, von keiner Bedeutung gewesen (Kämper 2016:203).

Gerade auch die Kolonialliteratur erlebte in der nachkolonialen Phase ihren Höhepunkt, deren Spitze 1938/1939 erreicht wurde (Gründer 2012:260). Zu einem Klassiker wurde Heinrich Schnees Die koloniale Schuldlüge. In Literatur und allgemeiner Debatte wurde die Ansicht verbreitet, Deutschland habe eine geradezu philanthropische Kolonialpolitik betrieben, die wirtschaftliche Entwicklung gefördert und die Einheimischen gut behandelt (Speitkamp 2016:39). Es entspannte sich eine bestimmte Folklore rund um koloniale Romane und Erzählungen. In diesen verbanden die Autoren eine romantisierte Blut-und-Boden-Ideologie mit dem Recht Deutschlands auf Kolonien. Die Erzählungen kreisten vornehmlich um Personen, die eine besondere Rolle in den Kolonien gespielt haben, wie der Kolonialoffizier Paul von Lettow-Vorbeck (Gründer 2017:166).

Auch für führende Politiker, Parteien und Organisationen war das Bekenntnis zur kolonialen Revision als Teil des „Kampfes gegen Versailles“ beinahe verpflichtend. Generell kam es nur selten zu großen Kolonialdebatten wie vor 1914, da politisch relativer Konsens über der Kolonialfrage herrschte. Trotzdem fand der Kolonialrevisionismus am ehesten in der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei eine parteipolitische Vertretung (Gründer 2012:260-264). Gerade aber im linken und linksliberalen Spektrum tauchten immer mehr Zweifel an der politischen und moralischen Rechtfertigung des Kolonialismus und dem Nutzen von Kolonien auf. Trotzdem: auch wenn viele Prominente der Zeit wie Albert Einstein und Thomas Mann Kolonien ablehnten, standen fast alle Politiker weiterhin hinter der Kolonialfrage, wie Konrad Adenauer, der ab 1931 stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Kolonialgesellschaft war und aus raumpolitischen Gründen am Kolonialanspruch festhielt. Auch für den Außenminister, Gustav Stresemann, war die Forderung nach der Rückgabe von Kolonien zunächst fester Bestandteil seiner Politik, er gab sie aber später auf zugunsten einer auf Ausgleich bedachten Politik in Verhandlungen mit anderen Westmächten (Gründer 2017:168f.).

Für die deutsche Öffentlichkeit geriet die Kolonialfrage immer mehr in den Hintergrund, auch kamen gerade Mitte der 1920er Jahre immer mehr Zweifel am „kolonialen Auftrag des weißen Mannes“ auf (Gründer 2012:260). Für viele Deutsche war das Thema weit weg von ihrem Lebensalltag – sowohl geographisch als auch zeitlich (Gründer 2017:168). Die kompromisslose Vertretung der kolonialen Revisionsforderungen blieb also weitestgehend Anliegen der kolonialen Interessensverbände, allen voran der „Deutschen Kolonialgesellschaft“ (Gründer 2012:260).

Eine Veränderung der kolonialrevisionistischen Hetze erfolgte nach der Machtübernahme der Nazis. Diese forderten zwar offiziell von Anfang an Kolonien, zogen aber eine europäische ‚Bodenpolitik‘, also eine Inbesitznahme Osteuropas, einem ‚Überseeimperium‘ vor. Um nach der Machtergreifung sowohl den Revisionswünschen liberalkonservativer Kreise als auch dem außenpolitischen Kurs des Ausgleichs mit England gerecht zu werden, überließ man die koloniale Agitation den Kolonialverbänden, machte aber keine ‚unmittelbare amtliche Propaganda‘. Bis Ende 1936 erfolgte die ‚Gleichschaltung‘ sämtlicher Kolonialverbände und -einrichtungen, welche ab 1933 in den ‚Reichskolonialbund‘ eingegliedert wurden. Dieser hatte 1941 immerhin 2,1 Millionen Mitglieder[1]. Bis 1935 betrieb Hitler eine Politik der maritimen und kolonialen Enthaltung, um von England ‚freie Hand‘ in Europa zu bekommen, danach folgte eine Politik kolonialer Sanktionsdrohungen: Hitler bestand auf die Beteiligung Deutschlands. Es erfolgte eine Intensivierung der kolonialen Propaganda durch Kolonialausstellungen, Vorträge und koloniale Publikationen. Dies erklärt auch, warum die Hauptschaffensperiode deutscher Kolonialliteratur zwischen 1937 und 1939 lag. 1941 lief auch beispielsweise in den Kinos der Propagandafilm „Carl Peters“ (Gründer 2017:170ff.).

1939 startete Hitler Blitzfeldzüge in Afrika. Die Kolonien sollten später natürlich auf dem Pfeiler der ‚Rassenhygiene‘ entstehen, also in einem Apartheidsregime enden. Spätestens 1940 mit Beginn des Russlandfeldzugs verschwand das Projekt eines deutschen Mittelafrikas aber aus Hitlers Plänen. Letztendlich wurden die Kolonien nie als Ersatz zum ‚Lebensraum im Osten‘ gesehen (Gründer 2017:172ff.).

[1] Zum Vergleich: Mitte der 1920er Jahre waren es nominal ca. 80 000 Personen, die sich in Kolonialvereinen engagierten, die aber, da sie sich in mehreren Vereinen engagierten, vielmals doppelt gezählt wurden (Speitkamp 2016:39).

Verschiedene Arten von Kolonien

Die Kolonisierung hat, je nach Land und Kontinent, sehr unterschiedlich stattgefunden. Nicht alle Länder haben den gleichen Zweck für die Kolonisator*innen erfüllt. Es werden drei unterschiedliche Kolonisationsformen unterschieden – dies bedeutet nicht, dass es keine Mischformen oder Besonderheiten in den jeweiligen Kolonien gab, sie geben aber eine erste Orientierung, wenn man sich mit verschiedenen Kolonien auseinandersetzt.

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Beherrschungskolonien

In Beherrschungskolonien wurden „nur eine geringe Anzahl von Bürokraten, Geschäftsleuten und Militärangehörigen zum Zwecke der wirtschaftlichen Ausbeutung und der strategischen Absicherung imperialer Politik eingesetzt.“ Als Beispiel hierfür kann Indien dienen, das hauptsächlich vom „Mutterland“ Großbritannien aus regiert und wirtschaftlich stark ausgebeutet wurde (Castro Varela & Dhawan 2015:24). Für das Deutsche Reich wäre Deutsch-Ostafrika ein gutes Beispiel einer Beherrschungskolonie.

Stützpunktkolonien

Stützpunktkolonien wurden hauptsächlich für logistische Zwecke benutzt, in der Regel, um mit der eigenen Flotte an Macht in den Meeren zu gewinnen (Castro Varela & Dhawan 2015:25). Für das Deutsche Reich diente die Bucht von Kiautschou/Jiazhou in China als Stützpunktkolonie.

Siedlungskolonien

Siedlungskolonien waren neben den Beherrschungskolonien und den Stützpunktkolonien eine dritte Kolonisationsform, „bei denen billiges oder enteignetes Land unter Ausbeutung indigener Arbeitskräfte oder ‚eingeführter‘ Sklaven und Sklavinnen bearbeitet und von europäischen Farmern und Plantagenbesitzern verwaltet wurde. Flankiert von militärischen Aktionen wurden so riesige Territorien eingenommen und zur Heimat erklärt“ (Castro Varela & Dhawan 2015:24f.). Viele Deutsche, wie beispielsweise der Karlsruher Professor Theodor Rehbock, sahen Deutsch-Südwestafrika als perfekte Siedlungskolonie an.

Die deutschen Kolonialbewegungen

Kolonialverbände spielten im Kaiserreich und auch in der Weimarer Republik eine wichtige Rolle bei der kolonialen Agitation. Sie waren auch in Karlsruhe sehr aktiv.
Hintergrund der Gründung von Kolonialgesellschaften war die vermehrte Auswanderung (gerade auch nach der Revolution 1848/1849), die ab 1843 zur Entstehung privater Auswanderungs- und Kolonisationsvereine führte. Nur einige wenige dieser frühen Kolonialvereine erlangten wirkliche Bedeutung, so auch der 1848 gegründete „Nationalverein für Auswanderung“, der sogar von den Regierungen Badens, Hessens und Württembergs unterstützt wurde und als zentrale Beratungs- und Betreuungsstelle fungierte. Seit den 1870er Jahren, im forcierten Tempo jedoch erst nach 1890, fand eine breite Verbandsentwicklung auf parteipolitischer, wirtschaftlicher und sozialpolitischer Ebene statt (Bendikat 1984:15-37).  Es entstanden unzählige Kolonialvereine: beispielsweise 1878 die „Afrikanische Gesellschaft“, die durch Zusammenschluss zweier Afrikagesellschaften entstand. Sie erhielt eine staatliche Subventionierung zur Förderung der Afrikaforschung. Sie ist nicht zu verwechseln mit der 1885 gegründeten „Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft“ (DOAG), die eng mit der „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“ (GfdK) zusammenhing oder der „Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika“ (DKGSWA), die 1885 von der „Deutschen Kolonialgesellschaft“ (DKG) initiiert wurde. Dann gab es noch solche Vereine, die bestimmte wirtschaftliche Interessen vertraten, wie zum Beispiel der 1868 gegründete „Centralverein für Handelsgeographie und Förderung deutscher Interessen im Auslande“, bei dem wiederum viele der Mitglieder später in der DKG aktiv waren oder der von Fabri 1880 gegründete „Westdeutsche Verein für Kolonisation und Export“, der stark expansionistische Interessen vertrat und 1887/1888 auch von der DKG absorbiert wurde (vgl. Bendikat 1984). Die mannigfaltige Landschaft an (weiteren) Kolonialvereinen aufzuarbeiten, ist allerdings nicht essentiell für diese Seite.
An dieser Stelle sollen nur die wichtigsten und größten Vereine vorgestellt werden:

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Der deutsche Kolonialverein (DKV)

Der deutsche Kolonialverein (DKV) wurde 1882 gegründet. Er war der bis dahin größte und wichtigste Kolonialverein und verlieh der deutschen Kolonialbewegung neuen Auftrieb. „Die Gründung und der organisatorische Aufbau des DKV vollzogen sich im Rahmen der ersten imperialen Expansionsphase und des kolonialen Enthusiasmus“ (Bendikat 1984:71f.). Bedeutend für die Gründung waren drei Personen: Freiherr von Maltzan, Freiherr v. d. Brüggen und Fürst Hermann zu Hohenlohe-Langenburg, der auch zum Präsidenten bestimmt wurde; letzterer war auch 1886 auf der Tagung der Generalversammlung in Karlsruhe. Zudem waren bei Gründung des Vereins auch Vertreter gerade der süddeutschen Industrie neben anderen Wirtschaftsorganisationen beteiligt.
Da Bismarck die Gründung des DKV nicht wirklich unterstützte, richtete sich der Gründungsaufruf durch Hinweise auf die Überbevölkerung sowie auf neue Absatzmärkte und Handelsförderung gezielt an die private Initiative von Wirtschafts- und Kapitalkreisen, aus denen auch Unterstützung kam. Da der DKV bei Gründung nur 200 Mitglieder hatte, verbrachte er die ersten zwei Jahre mit Mitgliederwerbung und der Festigung seiner Kolonialpropaganda, ab 1884 stiegen die Mitgliederzahlen. Dies machte sich auch auf der Generalversammlung in Karlsruhe bemerkbar: 1886, vier Jahre nach Gründung, erschienen immerhin schon 400 Menschen auf der Veranstaltung (Stadtarchiv Karlsruhe 4/Dq1 Chronik 1886:56). Vor allem das Besitzbürgertum und die gehobene Mittelschicht aus West- und Süddeutschland stellten die Mitglieder.
Inhaltlich war das Ziel des DKV, propagandistisch tätig zu sein und die Errichtung von Handelsstationen zu fördern. Die praktische Kolonisation und wie diese vonstatten gehen sollte war ein großes Konfliktthema im Verein (aber auch generell in der Kolonialbewegung der 1880er).
Insgesamt empfand sich der DKV als nationaler, überparteilicher Verein; konkret kamen die Hauptakteure aber aus den Reihen der Nationalliberalen und Freikonservativen. Ab 1884 brachte der DKV beispielsweise vierzehntägig die „Deutsche Kolonialzeitung“ heraus, die zwar an das „Volk“ gerichtet sein sollte, letztendlich aber durch ihren Inhalt und Stil das gehobene Bildungsbürgertum ansprach und bis 1893 eine Auflage von 22 000 erreichte (Bendikat 1984:57-71).
1887 schlossen sich der DKV und die GfdK zusammen zur Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG) (Bendikat 1984:106).

Die Gesellschaft für deutsche Kolonisation (GfdK)

Die Gesellschaft für deutsche Kolonisation (GfdK), ein Konkurrenzunternehmen zum DKV, wurde 1884 auf Anregung von Carl Peters gegründet – auf dem Höhepunkt kolonialpolitischer Begeisterung. Peters, der in Ostafrika für Deutschland formelle Gebietsansprüche erwarb und zudem im Vorstand der 1885 gegründeten Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft (DOAG) und zweiter Vorstand der DKG 1888/1889 war, spielte als Vorstand der GfdK eine entscheidende Rolle für diese (Bendikat 1984:88f.).
Zwar hatte die GfdK weniger Mitglieder als der DKV, jedoch sammelten sich einige einflussreiche Mitglieder in der Gesellschaft, die hauptsächlich aus den Reihen der Konservativen und Freikonservativen kamen. Im Gegensatz zum DKV repräsentierte die GfdK jedoch stärker das breite Spektrum der Mittelschichten (von Adeligen und Offizieren bis hin zu kleinbürgerlichen Intellektuellen und der unteren Mittelschicht). Ihre regionalen Schwerpunkte lagen in Sachsen, Bayern, Brandenburg, Schlesien und Baden (Bendikat 1984:89ff.).
Programmatisch unterschied sich die GfdK vom DKV in der Hinsicht, dass sie nicht so sehr die „theoretische Aufklärungsarbeit“, also Kolonialpropaganda im Deutschen Reich fokussierte, sondern ihren Schwerpunkt auf die aktuelle deutsche Kolonialpolitik, also die praktische Umsetzung, legte. Auch räumte sie der Auswanderungsfrage und dem Siedlungskolonialismus höhere Priorität ein. Ökonomische Expansionsargumente spielten eher eine untergeordnete Rolle (anders als beim DKV), stattdessen dominierte ein „ideologisch fundierter Imperialismus“, dessen Hauptelement ein radikaler Nationalismus bildete. Im Vergleich zum DKV vertrat die GfdK also einen aggressiveren Expansionismus, der in Chauvinismus und Anglophobie mündete (Bendikat 1984:91f.).
Auch vertrat die GfdK eine starke“Herrenrassenideologie, sah Weiße als moralisch überlegen an und führte Preisausschreiben mit Titeln wie „Wie erzieht man am besten den Neger zur Plantagenarbeit“ durch (Bendikat 1984:92f.). „Sozialdarwinismus, Rassismus und politischer Biologismus waren somit feste Bestandteile dieser extremen Expansionsideologie. Auf dieser ideologischen Basis wirkte die GfdK als Initiator der Alldeutschen Bewegung“ [siehe unten] (Bendikat 1984:93).
Nach Gründung der DOAG, mit der die GfdK eng verknüpft war und deren Bedeutung gegenüber der der GfdK immer mehr stieg, wurde die GfdK entgegen ihrem ursprünglichen Ansatz immer mehr zur Propagandaorganisation (Bendikat 1984:95).

Die Deutsche Kolonialgesellschaft (DKG)

„Der Rassismus, der auf der Grundlage erbgenetischer Faktoren und physisch-psychischer Eigenarten die Höherwertigkeit einer Rasse über die andere postulierte, diente letztendlich der Legitimation kolonialer Herrschaftspraxis. Die DKG darf somit implizit als erster organisitierter Ausdruck des Rassismus betrachtet werden“ (Bendikat 1984:141).

Die deutsche Kolonialgesellschaft wurde als Reaktion auf die anhaltende Stagnation der Kolonialeuphorie im Deutschen Reich durch den Zusammenschluss von DKV und GfdK gegründet, wobei die kleinere GfdK faktisch vom DKV absorbiert wurde (Bendikat 1984:105f.). 
Als offizieller Zweck der Gesellschaft wurde bei Gründung angegeben:

„1. die nationale Arbeit der deutschen Kolonisation zuzuwenden und die Erkenntnis der Notwendigkeit derselben in immer weitere Kreise zu tragen;
2. die praktische Lösung kolonialer Fragen zu fördern;
3. deutsch-nationale Kolonisations-Unternehmungen anzuregen und zu unterstützen;
4. auf die geeignete Lösung der mit der deutschen Auswanderung zusammenhängenden Fragen hinzuwirken;
5. den wirtschaftlichen und geistigen Zusammenhang der Deutschen im Auslande mit dem Vaterlande zu erhalten und zu kräftigen;
6. für alle auf diese Ziele gerichteten, in unserem Vaterlande getrennt auftretenden Bestrebungen einen Mittelpunkt zu bilden“ (Bendikat 1984:107).

Neben gesellschaftlichen Aktivitäten leisteten die regionalgegliederten Abteilungen eine vielfältige Öffentlichkeitsarbeit. Die DKG verlegte beispielsweise ihre eigene „Deutsche Kolonialzeitung“ und brachte auch ab 1907/08 die Zeitschrift „Kolonie und Heimat“ durch den angeschlossenen Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft heraus. Ab 1902 veranstaltete die DKG auch große „Kolonialkongresse“ (auch 1905, 1910 und zuletzt stattfindend 1924). Dadurch versuchte sie immer wieder öffentlichkeitswirksam den „kolonialen Gedanken“ und „Deutschlands koloniale Mission“ zu verbreiten sowie der „Kolonialmüdigkeit“ entgegenzutreten (Gründer & Hiery 2017:21).

Absolut gesehen hatten große Städte wie Berlin, Dresden, Köln, München, Hannover oder Frankfurt a.M. die meisten Mitglieder. Vergleicht man den Organisationsgrad der regionalen Abteilungen mit der entsprechenden Einwohnerzahl, zeigt sich aber, dass das breite Mitgliederreservoir aus den kleinen und mittleren Städten kam. Besonders hoch war der Organisationsgrad in wirtschaftlichen Mischzonen (agraisch und industriell) im Großherzogtum Hessen sowie in Baden. Dies hatte verschiedene Gründe: der Übergang vom Agrar- zum Industriestaat, Rezessionsphasen, Tendenzen der Realitätsflucht, Erlebnisarmut und der Mangel an kontroverser und qualitativ guter Presse gerade in kleinen und mittleren Städten (Bendikat 1984:111f.).
Die Mitgliederzahlen der DKG stiegen zunächst langsam, erst ab 1907 stieg die Mitgliederzahl kontinuierlich. „Bis zum Ende der 1880er Jahre hatte sich die DKG als überregionale Zentralorganisation imperialistischer Agitation konstituiert“ (Bendikat 1984:133). Obwohl die Mitgliederzahl im Laufe der Kolonisation stark wuchs, war sie, verglichen mit anderen Vereinen, relativ gering (Gründer & Hiery 2017:21). Der zentrale Leitungsapparat der DKG lag in den Händen der sozialen Führungsgruppen des Kaiserreichs, wodurch sie ein hohes sozioökonomisches und politisches Machtpotenzial besaß. Der Vorstand wählte zwei Adelige als Präsidenten: Fürst Hermann zu Hohenlohe-Langenburg (1882-1894) und Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg (1895-1920). Viele Adelige engagierten sich in der DKG, da diese einen überparteilichen, „rein patriotischen“ Charakter zu tragen schien. „Die Basis rekrutierte sich aus dem breiten Spektrum der Mittelschichten, wobei die akademischen Mittelschichten zahlenmäßig überwogen.“ Der Status und die Entscheidungsspielräume der unteren Mittelschichten waren in der DKG sehr gering, der akademischen Mittelschicht gelang das Vordringen in den Vorstand und die zentralen Ausschüsse (Bendikat 1984:134f).
Insgesamt vertrat die DKG spezifische sozioökonomische und politische Interessen, die aber als allgemeine Interessen der Nation dargestellt wurden, indem man sie argumentativ als „vaterländische Interessen“ ausgab. So versuchte man den nationalen Einheits- und Machtstaatsgedanken zu vertreten, der quasi über den „Parteihader“ hinausging und zur Reichsgründungszeit gerade unter Konservativen populär war. Ein zentrales Element der politisch-ideologischen Ausrichtung war der Nationalismus. Innerhalb der Fraktion, die den radikalen Nationalismus vertrat, traten auch chauvinistische Tendenzen auf, wie sie auch schon in der GfdK zu sehen waren. Die Kolonialideologien boten die Möglichkeit zur Entladung gesellschaftlicher Probleme und Ressentiments nach außen, zudem boten sie die Möglichkeit der Realitätsflucht durch Hinweise auf „Exotisches“ und „Abenteuerliches“ (Bendikat 1984:139ff.).  Auch wenn die DKG versuchte, Einfluss im politischen Entscheidungs- und Willensbildungsprozess zu nehmen, war ihr Wirkungsgrad (trotz anderer vereinsinterner Darstellung) auf politischer Ebene minimal (Bendikat 1984:145).
Zusammenfassend schreibt Bendikat (1984:142f.) über die DKG:

„Die DKG leistete auf ihrem spezifischen Gebiet einen Beitrag zum Eindringen imperialistischer Ideologie und vereinzelter präfaschistischer Tendenzen in die breite Schicht des Bürgertums. […] Hinsichtlich ihrer Typologisierung als Agitationsverein gilt es herauszuarbeiten, daß die DKG – im Gegensatz zu den Parteien – keine allgemeinpolitischen Alternativen entwickelte und auch keine staatliche Verantwortung trug. Ihrem Wesen nach war sie eine Interessensgruppe, die spezifische Ziele verfolge und Bewußtseinshaltungen mobilisierte. Andererseits enthielten die Inhalte der Agitation eine allgemeine gesellschaftliche Stoßrichtung und implizit weltanschauliche Elemente Somit stellte sie neben ihrer Sozialstruktur auch auf inhaltlicher Ebene ein Novum dar, was möglicherweise als charakteristischer Wesenszug imperialistischer Agitationsvereine gelten kann.“

Der Alldeutsche Verband

Der „Allgemeine Deutsche Verband“ wurde 1891 zur Förderung nationaler Interessen gegründet. Er war kein Kolonialverein im eigentlichen Sinne, vertrat aber auch koloniale Interessen und war als vielseitigster und entschiedenster nationaler Verein bis 1939 ebenfalls in Karlsruhe enorm aktiv. Deshalb sollte er in seiner Wirkung bezüglich kolonialpropagandistischer Themen in Karlsruhe nicht unterschätzt werden. Die enge Verbindung zum Kolonialismus zeigt sich unter anderem darin, dass auch Carl Peters bei der Gründung beteiligt und Ehrenmitglied des Präsidiums war (Kruck 1954:8).
1894 wurden im „Allgemeinen Deutschen Verband“ grundlegende Reformen durchgeführt, wonach er nur noch „Alldeutscher Verband“ hieß. Während der „Allgemeine Deutsche Verband“ noch hauptsächlich kolonialpolitische Interessen vertrat, rückten beim „Alldeutschen Verband“ völkische Interessen in den Vordergrund, sowie ein ausgesprochener Imperialismus und starker Nationalismus. (Kruck 1954:9).
Die Ziele bei Gründung des Verbandes lauteten (zitiert nach Kruck 1954:10): 

„1. Belebung des vaterländischen Bewußtseins in der Heimat und Bekämpfung aller der nationalen Entwicklung entgegengesetzten Richtungen
2. Pflege und Unterstützung deutsch-nationaler Bestrebungen in allen Ländern, wo Angehörige unseres Volkes um die Behauptung ihrer Eigenart zu kämpfen haben, und Zusammenfassung aller deutschen Elemente auf der Erde für diese Ziele
3. Förderung einer tatkräftigen deutschen Interessenspolitik in Europa und Übersee, insbesondere auch Fortführung der deutschen Kolonialbewegung zu praktischen Ergebnissen.“

Auch wurde 1903 der „Alldeutsche Wehrschatz“ gegründet, dessen Mitglieder sich verpflichteten, 0,5% ihres jährlichen Einkommens und mindestens 1% ihres Nachlasses zu spenden. Die Zinsen des Kapitals wurden verwendet, um „das Deutschtum an den Sprachgrenzen zu festigen“ und zur Besiedlung der Kolonien (Kruck 1954:15).

In Karlsruhe gab es diverse Versammlungen des Alldeutschen Verbandes, die durch ihre imperialistische Natur indirekt mit Kolonialfragen in Zusammenhang stehen. 1899 gab es beispielsweise eine „Flottenversammlung“ in der Festhalle, in der von den ca. 3000 anwesenden Personen eine Resolution zur Stärkung der deutschen Flotte beschlossen wurde, um die „Weltstellung des Reiches“ und die Flotte als „eine Bürgschaft des Friedens“ zu sichern (Stadtarchiv Karlsruhe 4/Dq1 Chronik 1899:81). Da nicht bei jeder Veranstaltung ein direkter kolonialer Zusammenhang gezeigt werden kann, findet der „Alldeutsche Verband“ auf dieser Seite vergleichsweise wenig Beachtung.

Der Reichskolonialbund (KORAG)

Bis Ende 1936 erfolgte die ‚Gleichschaltung‘ sämtlicher Kolonialverbände und -einrichtungen, welche ab 1933 in den „Reichskolonialbund“ eingegliedert wurden. Dieser hatte 1941 immerhin 2,1 Millionen Mitglieder (Gründer 2017:171). Zum Vergleich: Mitte der 1920er Jahre waren es nominal ca. 80 000 Personen, die sich in Kolonialvereinen engagierten, die aber, da sie sich in mehreren Vereinen engagierten, vielmals doppelt gezählt wurden (Speitkamp 2016:39).
Durch den „Reichskolonialbund“ wurden ab 1936 die „Deutsche Kolonialgesellschaft“, der „Deutsche Kolonialkriegerbund“, das „Deutsche Rote Kreuz, Frauenverein für Deutsche über See“, der „Frauenbund der Deutschen Kolonial-Gesellschaft“, der „Kolonialkriegerdank“, das „Kolonialwirtschaftliche Komitee“ sowie der „Akademische Kolonialbund“ in einen Verband zusammengefasst und damit die einzelnen Verbände aufgelöst. Als Symbol wurde die „Petersflagge“ gewählt, die Flagge, die Carl Peters mit sich führte, als er Gebiete in Deutsch-Ostafrika für das Deutsche Reich „erwarb“, mit einem Hakenkreuz in der Mitte (Nachrodt 1939:17f.).
Als seine Aufgabe sah der Reichskolonialbund „den kolonialen Gedanken im deutschen Volk auf der Grundlage der nationalsozialistischen Weltanschauung zu erneuern und zu beleben. Bei dieser Aufgabe […] [ging] er von der Erkenntnis aus, daß Deutschland seiner Bevölkerungszahl, seinen Lebensbedürfnissen und seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit entsprechende koloniale Betätigung nicht entbehren kann und Kolonien haben muß. Die Herausgabe des deutschen Kolonialbesitzes betrachtet[e] er als eine Frage der Ehre und des Rechts. Er […] [wollte] das Verständnis für die nationalsozialistische Kolonialpolitik zum Gemeingut des gesamten deutschen Volkes, besonders auch der Frauen und der deutschen Jugend, machen und für diese Bestrebung den geistigen Mittelpunkt bilden“ (Nachrodt 1939:18f.).
Um neue Mitglieder anzulocken, leistete der Reichskolonialbund massive Kolonialpropaganda: 45 sogenannte „Reichsverbandsredner“ sowie 400 „Gau- und Kreisverbandsredner“ wurden geschult, um sowohl rhetorisch als auch inhaltlich die Ziele des Reichskolonialbundes wortwörtlich „unters Volk“ zu bringen. Zudem wurden in großem Stil Plakate und Flugblätter zu Werbezwecken verteilt (vgl. Nachrodt 1939:32f.). Des weiteren wurden Kolonialausstellungen als Wanderausstellungen konzipiert, wie die „Große deutsche Kolonialausstellung“, die auch 1936 in Karlsruhe zu Gast war (vgl. Nachrodt 1939:34). Zudem wurden verschiedene Zeitschriften herausgegeben, ab 1933 monatlich die „Deutsche Kolonialzeitung“, ab 1938 die vierzehntägig erscheinende Bilderzeitung „Kolonie und Heimat“, die wohl vor allem für nichtakademische („volkstümliche“) Kreise gedacht war, die monatlich erscheinende Zeitschrift „Die Frau und die Kolonien“ sowie monatlich die Jugendzeitschrift „Jambo“ (vgl. Nachrodt 1939:38f.). Der Reichskolonialbund war propagandistisch also sehr breit aufgestellt und aktiv.
1939 startete Hitler seine Blitzfeldzüge in Afrika. Spätestens 1940, mit Beginn des Russlandfeldzuges, verschwand das Projekt eines deutschen Mittelafrikas aus Hitlers Plänen. Trotz aller Propaganda des Reichskolonialbundes wurden Kolonien letztendlich nie als Ersatz zum ‚Lebensraum im Osten‘ gesehen (Gründer 2017:172f.).

Koloniale Wissensproduktion

Wie wurde Wissen über die Kolonien und ihre Bewohner*innen vermittelt?
Hierfür gab es verschiedene Interessen und Strategien, die kurz zusammengefasst werden sollen.

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Völkerschauen

Zwischen 1870 und 1940 waren mehr als 300 Menschengruppen zu sehen. Die Form der Darstellung variierte dabei vom „Eingeborenendorf“, in dem Menschen in „ihrem natürlichen Umfeld“ gezeigt werden sollten bis hin zu szenischen Darbietungen, die eher an Theaterstücke erinnerten (Dreesbach 2005:11f.). „Natürliches Umfeld“ bedeutete, dass die Männer, Frauen und Kinder meistens mit landestypischen Tieren und Gegenständen „ausgestellt“ wurden und vermeintlich typische „Sitten und Gebräuche“ verrichteten – Musik, Tanz, Handwerk bis hin zu Schaukämpfen und Inszenierungen. Passenderweise fanden die Völkerschauen meistens auf Jahrmärkten oder in Zoos statt (Lewerenz 2006:65f.).

In Deutschland veranstaltete Carl Hagenbeck 1875 die erste Zurschaustellung (aus europäischer Sicht) „exotischer“ Menschen. Die Entstehung von Völkerschauen wurde begünstigt von wachsenden Städten, der Sonntagsruhe (dadurch hatte die Bevökerung mehr Freizeit), besseren Transportmöglichkeiten und der Reichseinheit, die das Reisen vereinfachte (Dreesbach 41ff.).

Der Erfolg von Völkerschauen lässt sich mit ihrem kommerziellen Hintergrund erklären: sie waren eine Gattung der Schaustellerei. Dabei waren drei Elemente wichtig: die Aktivierung vorhandener Klischeebilder, die Berücksichtigung der Lebenswelt des Publikums und Präsentation von etwas Neuem (Dreesbach 2005:13f.):

„ ‚Kolonialismus‘ oder ‚Nationalbewusstsein‘, ‚Primitive‘ und ‚Unzivilisierte‘ im Vergleich zur hochstehenden europäischen Zivilisation waren keine Konzepte, die ein Massenpublikum anziehen konnten. […] Und so setzten die Veranstalter auf Inhalte, mit welchen auch Karl May so überaus großen Erfolg hatte, auf Inhalte, die Abenteuerromane füllten und später auch den Film bestimmen sollten: Stolze Krieger und edle Wüstensöhne, verführerische Südseeschönheiten und geheimnisvolle ‚Bajaderen‘ bevölkerten die Bühnen der Zurschaustellungen und tummelten sich vor Bühnenbildern, die indische Tempel, arabische ‚Souks‘ und afrikanische ‚Krals‘ zeigten.“ 

Wie im Zitat angesprochen, wurden die Darsteller*innen auf die immer gleiche Weise stereotyp dargestellt. Diese waren der breiten Masse sehr geläufig und formten deren Vorstellung davon, wie die Menschen zu sein und auszusehen hatten. Der Erfolg von Völkerschauen lag besonders in der Bestätigung dieser Stereotypen:

„Denn durch die Zuordnung zu einer der Gruppen eröffnete sich ein gewisses Set an Klischees, das zusammen mit bestimmten Eigenheiten der einzelnen Völker den Rahmen absteckte, in welchem sich die Inszenierung der ausgestellten Völker bewegte. So waren die Zuschauer nicht mit Unbekanntem überfordert, sondern fanden sich sofort zurecht, indem sie das Gesehene mit den bereits vorhandenen Kategorien abglichen, sich in ihren Erwartungen bestätigt sahen und kleine Abweichungen von diesem Bild zur Kenntnis nehmen und verarbeiten konnten“ (Dreesbach 2005:148).

Die Gruppen waren bekannt und ließen sich in sieben dargestellte „Völker“ unterteilen: „Urmenschen“ [=„Patagonier“, „Feuermenschen“, „Hottentotten“ und „australische Ureinwohner“], „Afrikaner“, „Araber“, „Menschen aus dem hohen Norden“, „Inder“ und „Singhalesen“, „Indianer“ und „Südseeinsulaner“ (Dreesbach 2005:146). Auch in Karlsruhe traten sämtliche Gruppen auf, nur bei Menschen, die aus Südseegebieten kamen sowie nordeuropäischen Völkern ließen sich bisher keine Nachweise für eine Zurschaustellung in Karlsruhe finden.

Die Auftretenden wurden bei den Völkerschauen als biologisch und kulturell „rückständig“ wahrgenommen und vermarktet, während Europäer*innen sie bis ins kleinste Detail bei ihren „Alltagsverrichtungen“ beobachten konnten. Europäer*innen waren also die fortschrittlichen, wissenschaftlich interessierten, rationalen Beobachter*innen, die Subjekte, während die zur Schau gestellten die Objekte waren (Lewerenz 2006:69f.).

Einer der erfolgreichsten Völkerschaubetreiber war Carl Hagenbeck. Die Firma Hagenbeck veranstaltete von 1874 bis 1931 Völkerausstellungen mit einer kurzen Unterbrechung in den ersten Nachkriegsjahren. Als Carl Hagenbeck 1913 starb, übernahmen seine Söhne Heinrich und Lorenz Hagenbeck das Geschäft. Was Hagenbeck besonders erfolgreich machte, war die „Authentizität“ der zur Schau Gestellten; er stellte nicht einfach nur „Wilde“ aus, da dies allein Ende des 19. Jh kein Publikum mehr lockte, sondern bettete sie in einen Kontext ein (Dreesbach 2005:45-49): ein Paradox angesichts dessen, dass gerade „exotische“, fremde Sitten und Bräuche vorgeführt werden sollten. Auch sollten Frauen und Kinder anwesend sein, um ein „authentisches Familienleben“ zu zeigen (Lewerenz 2006:68). Von 400 Völkerausstellungen zwischen 1875 und 1930 veranstaltete die Firma Hagenbeck mindestens 100. „Führt man sich vor Augen, dass diese Gruppen an jeweils zehn bis zwanzig Gastspielorten auftraten, kann man sich ein ungefähres Bild davon machen, wie viele Völkerausstellungen es in Deutschland gab“ (Dreesbach 2005:79f.).
Während des Ersten Weltkrieges und kurz danach fanden keine Völkerschauen statt, da die anderen europäischen Kolonialmächte Genehmigungen für die Anwerbung von Kolonisierten für Völkerschauen nicht mehr erteilten. In den 1920er Jahren nahm die Popularität von Völkerschauen generell ab. Dies lag vor Allem auch am Film, der als neues Massenunterhaltungsinstrument diente. Nach dem ersten Weltkrieg wurden auch keine Personen aus dem Ausland mehr für Völkerschauen angeworben, sondern in Deutschland lebende Schwarze, die sonst kaum Arbeit fanden (Lewerenz 2006:78f.).

Viele der Schausteller*innen starben in Europa an Pocken und Lungenerkrankungen, Masern oder Tuberkulose, auch litten viele von ihnen an Magen-Darm-Erkrankungen. Des Weiteren war Heimweh ein großes Problem, da viele der Teilnehmenden oft mehrere Jahre in Europa verbrachten. Aber nicht nur Krankheiten schwächten die Gesundheit der Teilnehmenden, sondern auch die Arbeitsbedingungen: Die Arbeitszeiten betrugen oft 8-10 Stunden, auch kam es häufig zu Übergriffen von Seiten der Zuschauer*innen, die Umzäunungen einrissen, um den Schausteller*innen näher zu kommen. Nach Beendigung der Touren durften die Ausgestellten in der Regel heimkehren. Oft kamen die Teilnehmenden krank zurück und infizierten die Menschen in ihrer Heimat mit europäischen Krankheiten (Dreesbach 2005:74-77). Trotzdem kann man bei Völkerschauen nicht von einer rein dichotomen Täter-Opfer-Logik sprechen: viele der Teilnehmenden nutzten die Schauen für ihre Interessen, wie beispielsweise Neyo Bruce, der 1899 in Karlsruhe mit seiner „Dahomey-Togo-Karawane“ auftrat und so seinen Kindern eine Ausbildung ermöglichen wollte (Lewerenz 2006:76). Viele der Ausgestellten nahmen nicht zwingend die ihnen zugewiesene Rolle ein und vertraten ihre eigenen Interessen (Lewerenz 2006:77), nutzen also die Handlungsspielräume, die ihnen zur Verfügung standen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden Völkerschauen aus Europa. Viele der Stereotype bleiben bis heute bestehen und finden ihre Wiederholung in neuen Medien wie dem Film.

Völkerschauen und Ausstellungen in Zusammenhang mit Wissenschaft und Forschung

Wissenschaft und Forschung spielten eine bedeutende Rolle in der Produktion rassistischer Stereotype und bei der Rechtfertigung für sowie Durchführung von Kolonisation.
In Karlsruhe war, wie in anderen Städten auch, die Professorenschaft ein wichtiger Teil der Kolonialbewegung (vgl. Hoepke et al. 2007:88). Die Professoren versuchten, über die Universität junge Menschen für die koloniale Sache zu begeistern (vgl. Stadtchronik Karlsruhe 1911:126). Koloniale Themen wurden in wissenschaftlichen Kongressen wie der Tagung der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft (1885) oder des Deutschen Geographentags (1887) immer wieder aufgegriffen.
Eine besondere Rolle nahm Wissenschaft und Forschung auch im Zusammenhang mit Völkerschauen ein: um die Glaubwürdigkeit nochmals zu intensivieren, arbeitete Hagenbeck beispielsweise intensiv mit Wissenschaftlern zusammen, denen er die Menschen oftmals als anthropologische Untersuchungsobjekte überließ (Dreesbach 2005:49). Während der Schauen fanden immer wieder „Forschungen“ wie Körpervermessungen oder die Inspektion von Objekten statt (Lewerenz 2006:67). Auch Dreesbach (2005:149) betont die Wichtigkeit dieser „Authentizität“:

„Hand in Hand mit der Bestätigung der Stereotypen ging die Betonung der Authentizität der gezeigten Gruppen. Denn das Publikum wollte glauben, dass das, was es in den Schaustellungen zu sehen bekam, ‚echt‘ war. Und echt war das Dargebotene, weil es dem eigenen Vorurteil entsprach und weil die Veranstalter betonten, dass alles ‚authentisch‘ sei. Nur authentische Gruppen garantierten einen Zuwachs an Bildung und auch Wissenschaftler waren nur an authentischem ‚Material‘ interessiert, und so konnte Authetizität das Interesse der Wissenschaft an den Schauobjekten gewährleisten, das die Veranstalter geschickt für ihre Zwecke zu nutzen verstanden. In einer Zeit, in der sich die Wissenschaft einer hohen Reputation erfreute und in der es zumindest in gebildeten Kreisen zum guten Ton gehörte, sich mit Wissenschaft zu beschäftigen, konnte die Verbindung zu wissenschaftlichen Kreisen als Werbemagnet dienen. […] Dem Interesse an fernen Welten und fremden Völkern, dem Interesse aber auch an der Vor- und Frühgeschichte, an Urzeitmenschen und ‚unzivilisierten‘ Völkern entsprachen Museen, Zeitschriften, populärwissenschaftliche Werke oder Romane – und Völkerausstellungen.“

Aber nicht nur Völkerschauen sollten einen wissenschaftlichen Charakter bekommen, sondern auch Kolonialausstellungen ganz allgemein: So war eine „wissenschaftliche Abteilung“ beispielsweise ein Teil der Deutsch-Kolonialen-Jagdausstellung in Karlsruhe 1903. Diese kolonialen Ausstellungen sollten einen Überblick über das Leben in den Kolonien geben, damit sich Menschen vor Ort über „ihre“ Gebiete weiterbilden konnten.

Postkolonialismus

Hier soll (verkürzt) darauf eingegangen werden, was das postkolonial im Titel bedeutet.

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Was bedeutet „Postkolonialismus"?

„Ironischerweise wird es […] mit jedem Jahr schwieriger zu beschreiben, was den Postkolonialismus als Theorie ausmacht. Es scheint unmöglich, eine einfache, allgemeingültige Definition zu geben, die bestimmen könnte, was de facto unter postkolonialer Theorie trennscharf zu verstehen ist.“ (Castro Varela & Dhawan 2015:286, kurs. im Original)

„Postkolonialismus“ ist, wie im Zitat bereits angesprochen, ein sehr unscharfer, debattierter Begriff, denn beim Postkolonialen geht es um keine spezifisch-historische Periode, keinen konkreten Inhalt und kein politisches Programm (Castro Varela & Dhawan 2015:286). Man findet keine wissenschaftliche Einführung in „die“ postkoloniale Theorie, aber viele Einführungen in die Schlüsselwerke postkolonialer Theorien, die die Ansätze unterschiedlicher Autor*innen beleuchten. Als die drei wichtigsten Autor*innen gelten dabei Edward Said mit seinem Werk Orientalism, Homi Bhabha mit seinen Konzepten der mimicry, hybridity und third space sowie Gayatri Chakravorty Spivak mit ihrem Werk Can the subaltern speak? (vgl. Castro Varela & Dhawan 2015/ Kerner 2012/ Reuter & Karentzos 2012). Es würde zu weit gehen, an dieser Stelle die Ansätze verschiedener Theoretiker*innen vorzustellen.

Die Frage, die sich für diese Seite ergibt, heißt: warum kann eine Auseinandersetzung mit der kolonialen und kolonialrevisionistischen Stadtgeschichte Karlsruhes dazu beitragen, dass Karlsruhe zu einer postkolonialen Stadt wird? 

Hierfür ist es wichtig, sich mit dem auseinanderzusetzen, was postkolonialen Theorien gemein ist: sie zielen als Widerstandsform gegen die koloniale Herrschaft und deren Konsequenzen auf die Überwindung des Kolonialen hin (vgl. Castro Varela & Dhawan 2015). Kolonialismus wird gesehen als eine Struktur, die bis heute wirkt und Macht innerhalb des kapitalistischen Systems immer noch maßgeblich verteilt. Die Wirkungen dieser Machtverhältnisse, die durch die Kolonisierung geschaffen wurden, wirken nicht nur in anderen Ländern, sondern auch in der eigenen Umgebung. Denn durch die Kolonisation wurde auch „Wissen“ geschaffen, das bis heute unsere Wahrnehmung bestimmt (ein Beispiel wäre, wer als „entwickelt“ oder eben „zivilisiert“ und wer als „unterentwickelt“ und „rückständig“ gilt) (vgl. Eckard & Hoerning 2012:266). Es zeigt sich auch darin, welches Wissen weitergegeben wird und welchem keine Bedeutung zugemessen wird: was wird als Stadtgeschichte gesehen und besprochen und was nicht? Warum ist das so und wer entscheidet darüber? Was wird ausgelassen, weil es beispielsweise als unwichtig erachtet wird und für wen ist es unwichtig, für wen wäre es wichtig?

Zusammenfassend ließe sich mit den Worten Castro Varelas und Shawans (2015:17) also sagen:

„Unter ‚Postkolonialität‘ wird in der Folge ein Set diskursiver Praktiken verstanden, die Widerstand leisten gegen Kolonialismus, kolonialistische Ideologien und ihre Hinterlassenschaften.“