Personen

Hier finden sich Personen, die sich unter anderem in Karlsruhe für die koloniale Frage engagiert haben.

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Karl von Grimm

Karl von Grimm, in: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS III 506

Karl von Grimm wurde 1830 in Karlsruhe geboren. Er studierte Jura und arbeitete als Rechtsanwalt zunächst in Pforzheim, später dann in Mannheim, von wo aus er 1869 in den Landtag entsandt wurde. Zwischen 1873 und 1876 saß er sogar für den Landkreis Philippsburg im Reichstag. 1876 wurde er an die Spitze des Ministeriums des Großherzoglichen Hauses und der Justiz berufen, wo er nahezu fünf Jahre lang die badische Gesetzgebung, geregelt durch die Reichsjustizpflege, reformierte.

In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts, mit Beginn seines Ruhestands, begann von Grimm sich persönlich und finanziell für die Verbreitung des Kolonialgedankens einzusetzen. Er gehörte zu den Gründern der Gesellschaft für deutsche Kolonisation in Berlin, unterstützte 1884 die Expedition von Carl Peters in Deutsch-Ostafrika sowie den Erwerb des Gebiets. Dadurch wurde er Mitglied des Verwaltungsrates der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, welche sich zur Verwaltung des Gebietes gebildet hatte, und anderer kolonialer Gesellschaften. In späteren Jahren war er als Mitglied des Kolonialrates auch zur Mitwirkung bei der Tätigkeit der Reichsbehörden auf kolonialem Gebiet berufen. Zu seinen Lebzeiten veröffentlichte von Grimm diverse koloniale Schriften, darunter „Der wirtschaftliche Wert von Ostafrika“, „Berichte namhafter Reisender über Natur und Beschaffenheit Deutsch-Ostafrikas“, „Abriß der Kulturgeschichte Ostafrikas“ und „Die Pharaonen in Ostafrika“.

Karl von Grimm war demnach ein prominenter und durchaus einflussreicher Vertreter des Kolonialismus. Nicht verwundern mag es also, dass er, nachdem er nach Karlsruhe zurückgekehrt war, dort Vorstand der Gesellschaft für deutsche Kolonisation wurde. Als diese dann mit der Deutschen Kolonialgesellschaft verschmolz, blieb er dort Vorsitzender bis zu seinem Tod 1898 (Von Weech 1906:220.223).

Theodor Rehbock

Theodor Rehbock Hoepke et al. (2000): Geschichte der Fridericiana, S.76

Theodor Rehbock, in: Hoepke et al. (2007): Geschichte der Fridericiana, S.76

Theodor Rehbock war zwischen 1899 und 1934 Inhaber des Lehrstuhls für Wasserbau an der Technischen Hochschule Karlsruhe. In den Jahren 1907/1908, 1917/1918 und 1925/1926 war er zudem Rektor der Hochschule (Wittmann 1949:26ff.).

Rehbock war zeitweise Vorsitzender des Ablegers der Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG) in Karlsruhe. In dieser Funktion war er u.a. auch Teil des Ausstellungskomitees für die Deutsch-Koloniale Jagdausstellung 1903 in Karlsruhe, die dazu beitragen sollte, das Interesse der Bevölkerung an den Kolonien zu steigern (Rehbock 1903:6-12).

Der 1894 in Amsterdam geborene Rehbock entstammte einer Familie, die sich wegen der Leitung eines Handelshauses durch seinen Vater Alexander Rehbock schon länger für koloniale Unternehmungen in Indien einsetzte (Wittmann 1949:28). Rehbock studierte in München und Berlin Bauingenieurwesen und arbeitete unter anderem am Entwurf der „Lüderitzbrücke“ in Bremen und zwei Jahre am Deutschen Reichstag mit, bevor er sich 1894 als beratender Ingenieur in Berlin niederließ. Von dort aus unternahm er Reisen durch Europa, nach Nord- und Südamerika und nach Südafrika im Auftrag des „Syndikates für Bewässerungsanlagen in Deutsch-Südwestafrika“ (Wittmann 1949:26f.). Solche Forschungsreisen waren ab Mitte des 19. Jahrhunderts bewaffnete und gut ausgerüstete Expeditionen, durch die Afrika der Wissenschaft erschlossen und gegebenenfalls für die Industrie nutzbar gemacht werden sollte. Auffällig ist, dass sich die Interessen zwischen Wissenschaft und Industrie teilweise stark ähnelten. Auch wenn solche Forschungsreisen häufig privater Natur waren und nicht von der Regierung finanziert wurden, begriffen sich viele Forschungsreisenden grundsätzlich als „Repräsentanten und Wortführer der ‚Zivilisation‘ und glaubten, über besondere Rechte und Pflichten zu verfügen“ (Leclerc 1973:14). 
Die Expedition zur „Untersuchung der Wasserverhältnisse des Schutzgebietes“ dauerte vom 24.07.1896 bis zum 16.11.1897, wovon Rehbock nur die Zeit von Oktober 1896 bis Oktober 1897 tatsächlich in Deutsch-Südwestafrika zubrachte (Rehbock 1898:1-22). Seine Reise fiel also zeitlich in die Periode kurz nachdem Reichskanzler Otto von Bismarck 1884 die Gebiete unter „Reichsschutz“ stellte, die zuvor Adolf Lüderitz über verschiedene – oftmals unter falschen Prämissen geschlossenen Handelsverträge – erworben hatte. Dadurch kam es bald zu einer formellen Kolonialherrschaft durch das Deutsche Kaiserreich in Deutsch-Südwestafrika (Lindner 2016:19). In seinem Bericht „Deutsch-Südwest-Afrika. Seine wirtschaftliche Erschliessung unter besonderer Berücksichtigung der Nutzbarmachung des Wassers. Bericht über das Ergebnis einer im Auftrage des ‚Syndikates für Bewässerungsanlagen in Deutsch-Südwest-Afrika‘ durch das Herero- und Gross-Namaland unternommene Reise“ legte Rehbock detailliert seine Reise durch Deutsch-Südwestafrika, seine Eindrücken und vor allem die Nutzbarmachung des Wassers in den jeweilig besuchten Gebieten dar. 

Gesamte Reiseroute, vom 24.07.1896 bis zum 16.11.1897; Quelle: Rehbock, T., 1898. Deutsch-Südwest-Afrika. Seine wirtschaftliche Erschliessung unter besonderer Berücksichtigung der Nutzbarmachung des Wassers. Bericht über das Ergebnis einer im Auftrage des “Syndikates für Bewässerungsanlagen in Deutsch-Südwest-Afrika” durch das Herero- und Gross-Namaland unternommene Reise. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen), Berlin.

Die Erschließung des Landes sah er dabei sehr eng verknüpft mit der „Wasserfrage“. Das Land sollte erschlossen werden, um es für eine deutsche Einwanderung nutzbar zu machen. Rehbock sah in Deutsch-Südwestafrika also eine Siedlungskolonie. Gerade auch deshalb findet sich in seinem Bericht ein Teil, in dem er darlegt, welche Berufe Einwanderer ausüben könnten und gebraucht würden, wie und wo sie Viehzucht betreiben sollten und was es bei einer Einwanderung zu bedenken gäbe (Rehbock 1898:174-203). Dies schließt eine ausführliche Berechnung der Kosten, die eine Ansiedlerfamilie zunächst vorstrecken müsste (geschätzte 8000 Mark) sowie eine Rentabilitätsrechnung mit ein. 

Seiner Meinung nach sollte die Einwanderung zur „Kräftigung der wirtschaftlichen und politischen Stellung des Mutterlandes“ nach Deutsch-Südwestafrika stärker gefördert werden, da „[d]ie wichtigste Grundbedingung für die Erschliessung Deutsch-Südwest-Afrikas […] natürlich die Besiedelung des Landes mit Europäern [ist], da die Vermehrung der weissen Bevölkerung die Voraussetzung jedes wirtschaftlichen Aufschwunges ist. Aus politischen Gründen wird es wünschenswert, namentlich oder ausschliesslich deutsche Ansiedler heranzuziehen, damit eine möglichst einheitliche Bevölkerung entsteht, die dem Mutterlande wirtschaftlich und politisch die grössten Vorteile bietet“ (Rehbock 1898:212f.). Dazu schlug er die Schaffung einer „Auswanderungsbehörde“ vor, die in Deutschland über die Aussichten einer Auswanderung nach Deutsch-Südwestafrika aufklärt, die im „Schutzgebiet“ zu besetzenden Stellen bekannt gibt, schon im Reich die geeigneten Leute auswählt, günstige Transportbedingungen erwirkt und Vorschüsse und Reiseunterstützung vermittelt (Rehbock 1898:215). Warum er gerade die Deutschen dabei als geeignet ansah, eine große Gruppe von Auswanderern zu stellen, wird in folgendem Zitat erkennbar:

„Dass es im Deutschen Reiche an einem hervorragend tüchtigen Auswanderungsmateriale nicht fehlt, dass sogar kein anderes Land der Erde, mit Ausnahme vielleicht von Grossbritannien, in dieser Beziehung gleichzustellen ist, das haben die etwa 4 Millionen Auswanderer dargethan [sic!], die im Laufe der letzten 50 Jahre aus dem Gebiet des Deutschen Reiches in die Fremde gezogen sind und sich allenthalben als ein wirtschaftlich starkes und kulturkräftiges Element erwiesen haben“ (Rehbock 1898:213).

Insgesamt folgt Rehbock in seiner Beschreibung der einheimischen Bevölkerung einer rassistischen und chauvinistischen Erzählweise. So berichtet er beispielsweise von einer Begegnung einer größeren Gruppe an „Bastards“, die eine „Kreuzung“ zwischen Buren und „Hottentottinnen“ (Volksgruppe der Khoikhoi) seien: „Die Bastards, von denen grössere Gemeinden in Rehoboth, bei Rietfontein und bei Grootfontein im Namalande wohnen, sind aus der Kreuzung von Boeren mit Hottentottinnen entstanden“ (Rehbock 1898:13). Zudem spricht sich Rehbock positiv darüber aus, dass ein Missionar es geschafft hätte, den „Bastards“ Zucht und Ordnung sowie ein patriarchales Weltbild zu vermitteln: „In Rehoboth stiegen wir bei dem einflussreichen und hochgeachteten Missionar Heidmann ab, der die Bastards bereits im Jahre 1868 bei ihrem Eintritt in das jetzige deutsche Schutzgebiet begleitete und dem es wohl in erster Linie zu danken ist, dass die Bastards es zu einem geordneten, auf patriarchalische Anschauungen und kirchlicher Zucht begründeten Gemeinwesen und zu leidlichem Wohlstande gebracht haben“ (Rehbock 1898:14).

Reiseroute durch Deutsch-Südwestafrika; Quelle: Rehbock, T., 1898. Deutsch-Südwest-Afrika. Seine wirtschaftliche Erschliessung unter besonderer Berücksichtigung der Nutzbarmachung des Wassers. Bericht über das Ergebnis einer im Auftrage des “Syndikates für Bewässerungsanlagen in Deutsch-Südwest-Afrika” durch das Herero- und Gross-Namaland unternommene Reise. Dietrich Reimer (Ernst Vohsen), Berlin.

Nach der Reise setzte sich Rehbock weiterhin dafür ein, dass das Deutsche Reich vermehrt Gelder in die Erschließung Deutsch-Südwestafrikas investieren sollte. Die Fokussierung auf dieses Gebiet rührte vor allen Dingen daher, dass er die tropischen Gebiete zwar als geeigneter ansah, um Handelswaren zu liefern, diese sich allerdings nicht als Lebensraum für Europäer eigneten (Rehbock 1904:5f.): „Nur in Südwestafrika, als der einzigen Siedlungskolonie des Reiches, kann ein Neudeutschland entstehen […].“ (Rehbock 1904:44) Tatsächlich rückte ab 1890 Ostafrika ins Zentrum der Kolonialpolitik (Bendikat 1984:118) – was Rehbock zu ändern versuchte.

Fast schon zynisch mutet es an, dass Theodor Rehbock seine zweite Schrift zur „Nutzbarmachung“ der Gebiete in Südwestdeutschland, „Deutschlands Pflichten in Deutsch-Südwestafrika“ im Jahr 1904 veröffentlichte, dem gleichen Jahr, in dem die Herero-Aufstände begannen und die Deutsche Schutztruppe unter dem Befehl von Trothas den Großteil der schon besiegten Herero in die Omaheke Wüste trieben und verdursten ließen (vgl. Gründer 2012:130f.). Rehbock sah in den Aufständen der Eingeborenen eine günstige Gelegenheit, um die erhöhte Aufmerksamkeit für Deutsch-Südwestafrika innerhalb der deutschen Bevölkerung zu nutzen und für die Besiedelung des Gebietes zu werben:

„Deutsch-Südwestafrika steht zurzeit unter den deutschen Schutzgebieten im Vordergrund des Interesses. Die schweren, der jungen Kolonie durch Aufstände der Eingeborenen zugefügten Schläge haben derselben in der deutschen öffentlichen Meinung diejenige Beachtung verschafft, die sie als das einzige mit einem gesunden subtropischen Klima gesegnete deutsche Schutzgebiet, als die einzige Siedlungskolonie des deutschen Reiches von jeher hätte beanspruchen können“ (Rehbock 1904:5).

In seiner Schrift kämpfte er gegen das „schlechte Image“ an, das Deutsch-Südwestafrika seiner Meinung nach zu Unrecht genoss und versuchte aufzuzeigen, dass dies leicht durch eine gezielte Nutzbarmachung des Wassers geändert werden könne:

„Wer nicht mit eigenen Augen gesehen hat, wie selbst das dürrste Wüstenland, sobald ein Bewässerungskanal ihm das lebenspendende Wasser zuführt, in ein üppiges Gartenland verwandelt wird, dem kann man es in der Tat nicht verdenken, wenn er an die Zukunft Deutsch-Südwestafrikas nicht glaubt.“ (Rehbock 1904:6)

Tatsächlich war das Interesse von Investoren an Deutsch-Südafrika schon früh erloschen, als klar wurde, dass sich das Gebiet nicht zum Abbau von Mineralien eignete (Gründer 2012:121).

Seine eigene Aufgabe sah Rehbock darin, über die Eignung des Gebietes zur Auswanderung aufzuklären: „Bei dieser Sachlage ist es als eine wichtige Aufgabe im Interesse unseres südwestafrikanischen Besitzes zu bezeichnen, aufklärend in der Heimat zu wirken.“ (Rehbock 1904:7) Tatsächlich war es im Deutschen Reich nicht gerade populär, in die Kolonien auszuwandern. In die Kolonien gingen, so die landläufige Ansicht in Deutschland, nur die Verlierer, diejenigen, die ein finanzielles oder ein persönliches Problem hätten. Selbst Kaiser Wilhelm II soll sich teilweise abfällig über Personen geäußert haben, die in die Kolonien gingen (Speitkamp 2016:36).

 „Deutschlands Pflichten in Deutsch-Südwestafrika“ sah Rehbock letztendlich gerade darin, dass mehr Geld in die wirtschaftliche Erschließung des Gebietes investiert werden müsse. Wäre das Land erstmal erschlossen, hätte „das Deutsche Reich seine Kulturmission in Südwestafrika im Wesentlichen erfüllt […]“ (Rehbock 1904:41). Daraus würden wirtschaftliche Vorteile erwachsen, aber auch „politisch durch den Machtfaktor eines stammverwandten Volkes im fernen Südafrika, das […] einer europäischen Macht gegenüber ein nicht zu unterschätzender Bundesgenosse sein kann, wie der Burenkrieg überzeugend gezeigt hat“ (Rehbock 1904:41).

Dass die zunehmende „Herrenpolitik“ der deutschen Siedler, die wachsende Rechtsunsicherheit für die schwarze Bevölkerung und ein sehr brutales Vorgehen gegen diese, deren Verarmung und die betrügerischen Geschäftspraktiken zu den Aufständen führten (Gründer 2012:128f.) ignoriert Rehbock völlig. Die einzigen Kommentare hierzu finden sich in der Begründung, warum gerade nun, da es Aufstände gäbe, die Gelegenheit zu vermehrter Besiedelung günstig sei:

„Die Aufstände der Eingeborenen, die unsere Opfer für das Schutzgebiet so sehr erhöhen, zwingen, um diese Opfer nutzbar zu machen, zum energischen Handeln. Sie haben weite Kreise des deutschen Volkes für Deutsch-Südwestafrika interessiert. Tausende nach Niederschlagung der Aufstände aus Südwestafrika zurückkehrender Krieger werden in ihrer Heimat berichten, wie angenehm es sich in den weiten Steppen des Schutzgebietes bei dem trefflichen Klima leben lässt. Bei dem deutschen Auswanderer wird immer mehr die Lust erwachen, nicht in der Fremde, sondern auf deutschem Boden im fernen Weltteil den Kampf um eine bessere Existenz, als sie die deutsche Heimat zu bieten vermag, zu führen.“ (Rehbock 1904:44, kurs. N.H.)

Das Plädoyer für die Nutzbarmachung Deutsch-Südwestafrikas für eine deutsche Besiedelung endet mit dem patriotischen Aufruf an die Deutschen, möglichst bald mit der Besiedelung zu beginnen:

„Das ganze deutsche Volk sollte durchdrungen sein von der Wichtigkeit einer schnellen Besiedelung Deutsch-Südwestafrikas, es sollte wie ein Mann hinter seiner Regierung stehen bei der Lösung der Aufgabe, das mit Waffengewalt eroberte Land auch wirtschaftlich zu erschliessen, zur Förderung des deutschen Erwerbslebens und zur Stärkung der Weltmachtstellung des Deutschen Reiches“ (Rehbock 1904:44).

Heute ist Rehbock vor allem als Begründer des Flussbaulaboratoriums an der Hochschule in Karlsruhe bekannt. Am heutigen KIT gibt es immer noch ein Theodor-Rehbock-Wasserbaulaboratorium im Gebäude 10.84 des Campus‘ sowie einen Theodor-Rehbock-Hörsaal (HS59 im Gebäude 10.81). Zudem findet sich eine Theodor-Rehbock Straße in der Innenstadt, nicht allzu weit vom Schloss entfernt. Im Stadtarchiv Karlsruhe finden sich einige Zeitungsartikel von 1949 bis 2010, die zu Ehren Rehbocks geschrieben wurden (StadtKA 8/ZGS Rehbock, Theodor). Darunter sind ein Artikel aus dem Jahr 1949 zu Rehbocks 85-jährigem Geburtstag, zwei Artikel von 1950 zu seinem Tod, ein Artikel aus dem Jahr 1967 aus einer Reihe über Oberrheinische Erfinder, Ingenieure und Fabrikanten, ein Artikel über eine zweitägige Festveranstaltung zu Ehren Rehbocks aus dem Jahr 2000 und ein weiterer Artikel aus dem Jahr 2010 aus einer Reihe der BNN, die über „verdiente Wissenschaftler der Fächerstadt“ berichtet. Auffallend ist, dass zunächst seine Reise nach Südafrika nur mit dem Hinweis „Forschungsreise“ versehen wurde (vgl. SAZ 16.04.1949, BNN 24.10.1950), die bewundernd unter die Summe der aufgezählten Verdienste fiel: „ [er] hatte als Leiter einer Expedition zur Feststellung der Bewässerungsmöglichkeiten Deutsch-Südwestafrika bereist und dort, begleitet von Eingeborenen, achttausend Kilometer im Ochsenwagen und zu Pferd zurückgelegt. Weitblick und Erfahrung begleiteten ihn, als er nach Karlsruhe kam.“ (BNN 1950) Auch wurde das Reisen allgemein als Ausdruck seiner wissenschaftlichen Neugierde gedeutet. So heißt es beispielsweise in der BNN vom 11.02.1967: „Die Fülle der von Rehbock bearbeiteten Stoffe ist ebenso bewundernswert wie die Ingenieurleistungen selbst, die auf ihn zurückgehen. Theodor Rehbock kannte so gut wie alle Strom- und Wasserkraftprobleme nicht etwa nur Deutschlands, sondern auch aller Kulturnationen sonst. Er schilderte die Wasserstraßen durch die kanadischen Seen, die Möglichkeit der Nutzbarmachung des Wassers im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, den wirtschaftlichen Wert der Subtropen in seiner Abhängigkeit von der Wasserfrage […] und so fort.“ Auch wenn es sich um Forschungsreisen gehandelt haben mag, gibt es keinerlei Hinweise auf den Kontext, den Auftraggeber und – was am Wichtigsten ist – das Ziel dieser Forschungsreisen, nämlich die Kolonisierung des Gebietes. In dem Artikel Ekart Kinkels aus der BNN vom 05.01.2010 wird die Reise nach Südafrika nicht einmal mehr erwähnt, sondern nur noch die Reisen nach Südamerika und Nordafrika als Zeichen dafür, dass Rehbock nicht nur „Wissenschaftler im Elfenbeinturm“ gewesen wäre: „Als Mann der Praxis verließ Rehbock so oft es ging den Elfenbeinturm der Forschung und unternahm Exkursionen nach Südamerika und Nordafrika.“
Letztendlich konnte im Stadtarchiv Karlsruhe kein Hinweis auf eine kritische Auseinandersetzung mit Theodor Rehbock als Person und seine Forschungsreisen gefunden werden. Stattdessen wird dieser Aspekt seiner Person vollkommen ausgeblendet. Gerade im Kontext des Postkolonialen ist es wichtig, sich auch mit verschiedenen Seiten auseinanderzusetzen und zu differenzieren: wer hat von der Forschung profitiert, wer nicht und wer wird bei der Auseinandersetzung übersehen? Warum wird der Kolonialaspekt komplett ausgeblendet? Wer hat hier die Hoheit über den Diskurs? 

 

 

Adolf von Oechelhäuser

Geheimer Hofrat Adolf von Oechelhäuser; Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe 8_PBS_oIII_562

Der Kunsthistoriker Adolf von Oechelhäuser wurde 1852 als Sohn einer adeligen Familie geboren, studierte zunächst Architektur in Berlin und Hannover, bevor er sich schließlich der Kunstgeschichte zuwendete. In Heidelberg promovierte er und verfasste ein in sechs Auflagen erschienenes Buch über das Heidelberger Schloss, für das er heute noch einigen Kunsthistoriker*innen bekannt sein mag. Vor allem aber – wenn auch nur in geringem Maße – wird Oechelhäuser heute für seinen Einsatz in der Denkmalpflege gewürdigt (StadtKA 8/ZGS Personen – Zeitgeschichte; StadtZeitung 06.09.2002). Vor 1918 dürfte Oechelhäuser durchaus zu den bekannteren Persönlichkeiten Badens gezählt haben – er trug den Ehrentitel „Geheimer Hofrat“, traf mehrmals in seinem Leben den Kaiser und findet immer wieder namentlich Erwähnung in den Stadtchroniken. Zwischen 1893 und 1919 war er Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe, 1902/1903 und 1909/1910 auch deren Rektor (StadtKA 7/NL Strobel 30).

In Karlsruhe wirkte er führend in der örtlichen Sektion der Deutschen Kolonialgesellschaft mit (Hoepke et al. 2007:88). Wie sein Vater gehörte Oechelhäuser den Nationalliberalen an, war ein Verfechter der Monarchie und Gegner eines parlamentarischen Systems (Stadtarchiv Karlsruhe 8/ZGS Personen – Zeitgeschichte; StadtZeitung 06.09.2002).

In den Stadtchroniken wird Oechelhäuser immer wieder im Zusammenhang mit der Deutschen Kolonialgesellschaft, Abteilung Karlsruhe, erwähnt, deren Vorsitzender er spätestens ab 1910 (StadtKA 4/Dq1 Chronik 1910:175) bis mindestens 1913 (Stadtarchiv Karlsruhe 4/Dq1 Chronik 1913:112f.) war.  Aber auch vor 1910 war Oechelhäuser höchstwahrscheinlich in der Deutschen Kolonialgesellschaft aktiv, 1908 trat er als Redner bei der Gründungsversammlung des Badischen Landesverein des Deutschen Frauenvereins für Krankenpflege in den Kolonien (Abteilung Karlsruhe) auf (Stadtarchiv Karlsruhe 4/Dq1 Chronik 1908:169). Sicher kann auch gesagt werden, dass Oechelhäuser seine Position an der Technischen Hochschule Karlsruhe nutzte, um Kolonialpropaganda zu betreiben: im Jahr 1911 wird erwähnt, dass „Freiburger Professoren“ die Technische Hochschule besucht und ein zusammenhängendes Bild des Lebens in den Kolonien in diesen Vorträgen geboten wurde (Stadtarchiv Karlsruhe 4/Dq1 Chronik 1911:126).

Hans Thoma

Hans Thoma als einen begeisterten Anhänger von Kolonien und aktiven Kolonialpropagandisten zu beschreiben, wäre höchstwahrscheinlich zu weit gegriffen. An ihm zeigt sich aber exemplarisch die Wirkmächtigkeit kolonialer Diskurse: nicht alle Karlsruher*innen waren eifrige Kolonialverfechter*innen, wie es beispielsweise Theodor Rehbock war. Eine große Anzahl von Menschen befürwortete allerdings grundsätzlich den Besitz von Kolonien und war gelegentlich auf kolonialen Veranstaltungen präsent oder reproduzierte selbst koloniales Wissen.

Der Name des berühmten Karlsruher Künstlers taucht immer wieder im Zusammenhang mit kolonialen Aktivitäten auf, wenn auch meistens nicht federführend, sondern nur teilnehmend. Thoma pflegte eine enge Beziehung zu Adolf von Oechelhäuser (Stadtarchiv Karlsruhe 8/ZGS Personen – Zeitgeschichte; StadtZeitung 06.09.2002) und trat mit diesem beispielsweise zusammen in einem Ehrenkomitee anlässlich einer ethnographischen Ausstellung der Basler Mission auf. Sie enthielt Darstellungen des „Lebens und Treibens der Eingeborenen aus den vier Ländern, in denen die Basler Mission arbeitet (Goldküste, Kamerun, Indien und China)“ (Stadtarchiv Karlsruhe 4/Dq1 Chronik 1910:175). Auch war er maßgeblich an den beiden Künstlerfesten „Drei Tage im Morgenland“ 1901 und der „Weltausstellung“ in Karlsruhe beteiligt, die auch Kolonialorte parodierten. Auf ihn mag zutreffen, was Hoepke et al. über die Karlsruher Professorenschaft schreiben (2007:88):

„Im Großen und Ganzen schwamm die Karlsruhe Professorenschaft mit einem breiten Strom, der die deutsche Gelehrtenwelt insgesamt in den 1880er Jahren zu erfassen begann: Immer mehr Professoren schrieben sich mehr oder minder vernehmbar eine nationalpädagogische Berufung zu. Liberal-konservative Anliegen mit anscheinend unpolitischen und vermeintlich überparteilich-patriotischen Inhalten fanden auch unter den Karlsruher Professoren ein beifälliges Echo.“

Es gehörte also zum „guten Ton“, sich national zu engagieren. Teil davon war, sich bei kolonialen Festen, Veranstaltungen und Vorträgen sehen zu lassen. Auch wenn sich nicht herausfinden lässt, wie stark Thoma den Kolonialismus befürwortete, ist er ein Beispiel dafür, wie normal und gängig es auch in Karlsruhe war, sich zumindest im Kleinen kolonial zu engagieren oder koloniale Themen immer wieder aufzugreifen und zu verarbeiten.