Wirtschaft und Handel

Die Kolonien waren insgesamt wirtschaftlich nie rentabel für das deutsche Reich (nur in Togo konnten einige Überschüsse erzielt werden), dennoch konnten einige Privatunternehmen von der Kolonisation ökonomisch profitieren (Lindner 2016:22). Auch in Karlsruhe gab es Unternehmen, die durch den Hochimperialismus groß werden konnten – ein Beispiel ist die Munitionsfabrik, die lange Zeit eine der größten Arbeitgeberinnen der Stadt war. Wie in vielen anderen Städten entstanden auch hier sogenannte „Kolonialwarenläden“, die allerlei Güter aus den Kolonien handelten. Da es diverse kleinere dieser Läden gab, wird nur auf die relativ bedeutende Firma „Ebersberger & Rees“ intensiver eingegangen.

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Der Rheinhafen Karlsruhe

Blick auf den Rheinhafen bei Dämmerung

Häfen waren wichtige Stützpunkte zur Zeit des Hochimperialismus. Hier konnten Güter – und je nach Ort auch Menschen – verschifft und entladen werden.
Der Rheinhafen Karlsruhes war wohl weniger bedeutsam für imperiale Bestrebungen des deutschen Reiches, dort wurden hauptsächlich Holz und Kohle verschifft. Allerdings war und ist er für den Gütertransport sehr wichtig; er sorgte beispielsweise dafür, dass die  Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik ihre Waren verschiffen konnte (Stadtarchiv Karlsruhe 2001:17). Auch siedelte sich die „Deutsch-Koloniale Gerb- und Farbstoffgesellschaft“ am Rheinhafen an (Stadtarchiv Karlsruhe 2001:127). Wie lange diese dort war, was genau ihre Aufgaben waren und wie groß sie war, konnte noch nicht in Erfahrung gebracht werden.

Munitionsfabrik

Blick auf die produzierten Waffen; Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe 8_Alben_390_26

Die Karlsruher Munitionsfabrik wurde 1872 zur Zeit des Hochimperialismus gegründet und 1878 von dem Ingenieur Wilhelm Lorenz übernommen; sie fertigte Metallpatronen, Geschosshülsen und Maschinen zur Herstellung von Munition. Schon 1882 war die Firma in der Lage bis zu 500 000 Patronen pro Tag zu fertigen und erhielt  ab 1883 die Erlaubnis, scharfe Munition zu liefern. Die Munitionsfabrik bekam Staatsaufträge vom Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, Italien, England und Serbien und unterhielt Geschäftsbeziehungen bis nach China und Südamerika (Koch 1997:25).

Blick in die Produktionsräume; Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe 8_Alben_390_10

Die Entstehungsgeschichte der an der Gartenstraße, Einmündung Lessingstraße, gelegenen Fabrik stellt Manfred Koch (1997:25) in einen eindeutigen Zusammenhang zur voranschreitenden Kolonisierung von Territorien durch europäische Mächte:

„So kritisch man aus heutiger Sicht den technischen Fortschritt in der Munitionsproduktion beurteilen mag, den Lorenz mit den von ihm konstruierten Maschinen ermöglichte, bleibt zugleich festzuhalten, daß danach in Zeiten imperialistischer Expansions- und kolonialer Eroberungspolitik eine weltweit existierende übergroße Nachfrage bestand.“

 

Die „Metallpatronenfabrik“ 1896 noch unter Besitz des Ingenieurs Wilhelm Lorenz; Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe 11_DigA_0020_22

Für fünf Millionen Mark verkaufte Lorenz 1889 die Fabrik an Konkurrenten und gründete in Ettlingen eine – noch existierende – Maschinenfabrik. Die Munitionsfabrik wurde 1889 in die „Deutsche Metallpatronenfabrik AG“ und diese 1896 in „Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken AG“ (kurz: DWM) mit Sitz in Berlin umgewandelt. 

Das Karlsruher Werk wurde mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts erweiterten Grötzinger Werk zu einem der bedeutendsten und leistungsfähigsten der Branche auf dem Kontinent. Es war der wichtigste Arbeitgeber der Stadt, wobei die Anzahl der Arbeiter*innen auch mit der Auftragslage schwankte. Im Durchschnitt waren es ca. 1300 Arbeiter*innen (30-45% Frauen). Schon vor der Jahrhundertwende (also vor den beiden Weltkriegen) war es die größte Fabrik in Karlsruhe (Koch 1997:26).

Die Fabrik bestand bis Ende des Zweiten Weltkrieges, der sogenannte „Hallenbau A“ beherbergt heute das ZKM sowie die städtische Galerie. Eine Kurzdarstellung der weiteren Geschichte der Waffen- und Munitionsfabrik findet sich auf der Seite NS in Karlsruhe.

Blick auf die„Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken AG“ mit Sitz in Berlin um 1900; Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe 11_DigA_0020_20

Die „Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken“ 1912 – inzwischen wesentlich vergrößert durch die zwei vorderen Hallengebäude (heute ZKM & städt. Galerie); Quelle:Stadtarchiv Karlsruhe 11_DigA_0020_19

Kolonialwarenhandel Ebersberger und Rees

Wie in anderen Städten auch, gab es einige Läden in Karlsruhe, die Kolonialwaren führten. An dieser Stelle soll nur auf den Kolonialwarenladen „Ebersberger & Rees“ eingegangen werden; zum einen als exemplarische Ausführung, wie eine kleine Konditorei durch die Kolonisation wirtschaftlich so profitieren konnte, dass sie zu einer großen Firma anwuchs und zum anderen, weil die Firma eben anwuchs und erfolgreich wurde und – im Gegensatz zu den anderen Läden – nicht bei einem kleinen Lebensmittelhandel blieb.

1862 eröffnete Wolfgang Ebersberger eine Konditorei in der heutigen Bürgerstraße Nr. 20, die als besondere Spezialität Lebkuchen führte und nach vier Jahren in die Kronenstraße 48 umzog. Dort blieb sie ungefähr 40 Jahre. Wolfgang Ebersberger war von Anfang an recht geschäftig, 1868 kaufte er eine Bonbonmaschine und begann in größerem Stil Bonbons zu produzieren und die eigenen Waren auch in Durlach abzusetzen. 1873 wurden das erste Mal einzelne Artikel aus der Kolonialwarenbranche zugelegt, laut einem Nachfahren der Firmenbesitzer ein „Markstein in der Entwicklungsgeschichte der Firma“ (Rees o.A.:2). Ab 1877 wurde der gut laufende Geschäftszweig bedeutend erweitert, weshalb die Firma ab 1880 sogar neue Räume anbauen musste. Im Jahr 1882 trat der Kaufmann Robert Rees in die Firma ein und übernahm von da an die Kolonialwarenabteilung, die schon zu dieser Zeit eine Kolonialwarengroßhandlung war.

Werbung der Firma „Ebersberger & Rees“; Quelle:Stadtarchiv Karlsruhe 8_PBS_X_6637

Nach und nach wuchs die Firma immer weiter an: das Nebengebäude wurde gekauft und die trennende Mauer durchgebrochen sowie ein Magazin am Bahnhof angemietet, der Name der Firma in „Ebersberger & Rees“ umgewandelt. Um 1900 hatte sich das Geschäft auf allen Gebieten so günstig weiterentwickelt, dass trotz aller Vergrößerungen die Räume nicht ausreichten. Im Dezember 1903 wurde deshalb ein Gelände in der Wielandtstraße Nr. 25 gekauft. Nach fünfzig Jahren gliederte sich der ganze Betrieb der Firma Ebersberger & Rees in drei Abteilungen:

Blick auf die Firma Ebersberger&Rees in der Wielandtstraße 25 (ab 1903), Quelle:Stadtarchiv Karlsruhe 8_BA_Schmeiser_665

– Zuckerwarenfabrik (Bonbonsfabrikation, Marmeladekocherei und Bäckereiabteilung),
– Kolonialwaren-Großhandlung und
– Kaffee-Rösterei (wobei der Kaffee auch aus Kolonien importiert wurde) (Rees o.A.:2ff.).

Das Hauptabsatzgebiet für die Abteilung Kolonialwaren war die Stadt Karlsruhe sowie Umgebung; nördlich etwa bis Bruchsal, südlich bis Rastatt und Baden-Baden (Rees o.A.:5).
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Firmengelände stark zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sich die Firma nicht halten und wurde geschlossen (Rees o.A.:6).