Unterrichtsbeispiel KZ Natzweiler-Struthof

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S. Faaß (Jan 2014)

Die Gedenkstätte[Bearbeiten]

Das im Folgenden erläuterte Unterrichtsbeispiel bezüglich historischer Orte als Lernorte befasst sich mit einem möglichen Besuch im Konzentrationslager Natzweiler-Struthof. Dass im Elsass gelegene KZ, war zwischen 1. Mai 1941 und dem 23. November 1944 ein Straf- und Arbeitslager der nationalsozialistischen Bewegung Deutschlands. Hier wurden ca. 52 000 Häftlinge aus ganz Europa deportiert, wobei fast 22 000 Inhaftierte durch die Haftfolgen zu Tode kamen. In dem Arbeitslager, das für die NS-Kriegsindustrie diente, wurden auch medizinische Experimente von Professoren des Reiches in Straßburg durchgeführt. Erst am 23. November 1944 wurde das Lager von den Alliierten entdeckt, allerdings setzte sich für einige Deportierte der Leidensweg im Frühjahr 1945 mit den Todesmärschen noch fort. Heute erinnern ein Museum und das Europäische Zentrum des deportierten Widerstandes, das 2005 eröffnete, an die Geschichte diesem wie auch anderen Konzentrationslager. Hier findet man Anschauungsmaterial in Form von Photografien, Filmen, sowie auch Gegenstände, die versuchen, die damalige Zeit und ihre Zuständen dem Besucher näher zu bringen.

Heutzutage findet jährlich im Juni eine nationale Zeremonie der Erinnerung statt, um an die vielen Opfer zu gedenken.

Bild der Gedenkstätte Natzweiler-Struthof

Intention[Bearbeiten]

Jugendlicher ganz unterschiedlicher Herkunft, politischer und religiöser Überzeugung sollen hier in Begegnung mit der jüngeren deutschen Vergangenheit treten und demensprechend eigene Schlüsse ziehen für ihre Zukunft und vor allem auch ihrer Gegenwart heute. Differenziert zu anderer historischer Lernorte wird hier stark die Intention des „Lernens aus der Geschichte“ verfolgt. Dabei kann „Lernen aus Geschichte (..) als das „Sammeln von Erfahrungen im Sinne von Erklärungen“ aufgefasst werden [1]. Trotz allem ist in Anlage und Arbeitsweise die KZ-Gedenkstätte mit der eines Museums vergleichbar. Allerdings ist es wichtig, hier das Alter der Schülerinnen und Schüler zu berücksichtigen, da Kinder in zu jungen Jahren nicht verstehen und mit den Grausamkeiten, die in Form von Bild, Film und anderen Hilfsmittelen ausgestellt und gezeigt werden, nicht umgehen können oder gar schaffen diese Eindrücke zu verarbeiten. Ab der 9. Klasse wäre es für annehmbar gehalten mit einer Schulklasse ein KZ zu besichtigen.


Formalitäten[Bearbeiten]

Für eine Führung durch das ehemalige Lager Natzweiler-Struthof sollte man mindestens eineinhalb Stunden einplanen, sowie zusätzliche eine Stunden für das Europäische Zentrum für deportierte Widerstandskämpfer, dass von den Schülerinnen und Schüler in der Regel auf eigene Regie besucht werden kann, da es aus Ausstellungsräumen besteht. Der Eintrittspreis liegt bei einem Euro pro Schüler, das begleitende Lehrpersonal oder auch der Busfahrer kommen gratis hinein. Gruppen, die eine Führung benötigen müssen vorab mit der Leitung der Stätte in Kontakt treten und sich anmelden, wobei eine Führung bei ca. 100 Euro liegt bei einer Gruppe von 35 Personen und einer Besichtigungsdauer von mindestens 1,5 Stunden [2]. Hier wird der Versuch einer gut abgestimmten Kooperation von Schule mit diesem historischen Lernort deutlich erkennbar. Nicht alle historische Lernorte sind bei Kooperation mit der Schule so entgegenkommend, was möglicherweise auch noch einmal die Wichtigkeit dieses Lernortes KZ unterlegt.

Zur weiteren Erarbeitung der Funktion dieser Art von Gedenkstätte wird als Hilfestellung die Arbeit „Didaktik der Begegnung – zur Organisation historischer Lernprozesse im Lernort Dachau“ von Sven Bernhard Gareis hinzugezogen.

Europäisches Zentrum im KZ Natzweiler-Struthof

Vorbereitung und Funktion[Bearbeiten]

Von äußerster Wichtigkeit erweist sich die Vorbereitung für den ausgewählten Lernort. Schulklassen sollten nur nach gründlicher Vorbereitung und vorheriger Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich, diesen Besuch des KZs nachgehen. Wobei im Unterricht am Besten schon vom Niedergang der Weimarer Demokratie ausgegangen und intensiv behandelt werden soll, weil sie als Beispiel für die Staatsform angesehen werden kann, die es heute zu bewahren gilt. Die Umwandlung des demokratischen Rechtstaates in eine totalitäre Diktatur soll verdeutlicht werden, ebenso wie ihre Mechanismen die dazu geführt haben. „Wo gemeinsame Wertüberzeugungen fehlen, wo ethisch gerechtfertigt, was politisch machbar ist, können Ideologien sprießen, die autoritäts- und orientierungsbedürftigen Bürgern Ordnung und Halt anbieten und auf diese Weise als `starke` Ideologien eher Anhänger finden als die `schwache` Kompromißpolitik der Demokratie [3].“ Den SuS sollen die damalige Zeit und ihre Zustände bewusst werden, wie Deutschland und seine Bürger den Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung ermöglicht haben. Dabei ist es leicht in Nachhinein über das Handeln anderer und das Geschehene zu urteilen, als zu jener Zeit selbst. So soll den SuS die Hintergründe für das Handeln der Menschen, sowie das Handeln in einer Gemeinschaft, verständlich gemacht werden, dass sie ihr Verhalten in gewisser Weise nachvollziehen können. So soll ihnen auch bewusst werden, dass ähnliche Verbrechen in gegenwärtiger oder zukünftiger Zeit auch von anderen Völkern und Staaten begangen werden könne.

Der Besuch des KZ dürfte den vorhergegangenen Lernprozess durch die direkte Begegnung mit dem Zeugnis aktualisieren. Zudem befähigen die vorher im Unterricht oder auch im Alltag erworbenen Kenntnisse die SUS das Gesehene in den geschichtlichen Zusammenhang des Dritten Reiches einzuordnen. Des Weiteren beinhaltet der Besuch eine „sozial-kommunikative Dimension“. Schülerinnen und Schüler können am Beispiel der Situation der Gefangenen, die Bedingungen und Formen menschlichen Zusammenseins thematisieren, auch vor dem Hintergrund, dass Angehörige unterschiedlichster Nationen inhaftiert waren. Arbeitsblätter, die für eigentliche Besuche eines historischen Lernortes gedacht sind, um gegebenenfalls auch die Aufmerksamkeit zu prüfen, empfehlen wir hier nicht. Denn das Bearbeiten der aufgetragenen Arbeitsblätter gefährdet die eigentliche Intention, eben auch die Wirkung und Stimmung, die die Gedenkstätte auf die Schülerinnen und Schüler auswirkt. Auch wenn die Exkursion nicht bei strahlendem Sonnenschein stattfindet, besser noch bei schlechtem düsteren Wolkenhimmel, so kann dass die Stimmung der Gedenkstätte noch befördern.

Emotionale Betroffenheit soll hervorgerufen werden, aber nicht in der Form, dass das Dritte Reich und das Konzentrationslager lediglich als negativ bewertet werden, vielmehr dass das Bedürfnis geweckt wird mehr über die Zeit und die Hintergründe, die zu dieser Tat geführt hat, zu erfahren. Und daraus eventuell Verhaltensweisen zu entwickeln, die vermeiden dass sich ein ähnlicher Prozess noch einmal wiederholt [4] . Die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich wird als sehr wichtig empfunden, um dafür zu sorgen, dass dieser Geschichtsabschnitt im Bewusstsein einen Platz einnimmt und einen „Beitrag zur Entwicklung einer historischen Dimension der „Ich-Identität leistet“ [5]. Denn „dieses Negativbeispiel für Humanität wird zu einer kulturellen Mahnung, einem Wert, den es bewußtseinsfähig zu machen gilt [6].“ Ethische Leiprinzipien wie Freiheit, Gerechtigkeit und Humanität sollen durch den Besuch am Beispiel des Konflikts der Behandlung von Minderheiten verdeutlicht und unterstützt werden. „Die Internalisation dieser Werte ist von Bedeutung, weil durch die Verinnerlichung Verhaltensweisen stabilisiert werden“ und diese „affektive Berührung kann wesentlich mehr verhaltenssteuernd wirken als die ledigliche „Vermittlung kognitiver Kenntnisse[7].“


Authentizität und Historizität[Bearbeiten]

Dieses „Pädagogische Anliegen“ Betroffenheit herzustellen beziehungsweise Hilfen bei starker emotionaler Reaktion zu geben, um auf diese Weise Motivationen zu weiteren Auseinandersetzungen mit dem Geschehenen zu erwecken oder Blockierungen durch Angst, Wut und Ohnmachsgefühl zu lösen, ist die Voraussetzungen für intensiveres Lernen [8] .“ Denn erst wenn der Lehrgegenstand mit seiner Thematik, Problem- und Fragestellung das Interesse des Lernenden geweckt hat, kann er werten und diese Bewertung in sein individuelles Wertesystem integrieren [9]. Diese im besten Fall auftretende Motivations“energie“ seitens der SuS führt dazu, dass das Individuum Bezüge zwischen dem Lerninhalt und der eigenen Lebenssituation, den eigenen Interessen, sowie der Wertestruktur herstellt und diese gegebenenfalls verändert. Wenn es allerdings zu ablehnender als auch neutraler Wertung kommt, wird es für den Lehrenden förderliche den Prozess durch geeignete Maßnahmen zu öffnen und zu unterstützen [10]. „Die gefühlsmäßige Öffnung des Lernenden zum Gegenstand hin kann erreicht werden, wenn der „Gegenstand wieder in seinen Werdensprozeß“ aufgelöst und damit „die ursprüngliche menschliche Situation… aus der er eins hervorgegangen ist rekonstruiert wird [11]. So macht erst die Rekonstruktion von Geschichte den Gegenstand für den Menschen wirklich begreifbar. Hier ist jedenfalls erkennbar, dass der Lehrende eine eher passive Rolle einnimmt und lediglich unterstützend und als Hilfestellung für die SuS wirkt. Die Lernenden werden aktiv und rekonstruieren ihr eigenes Wissen mit ihrem bereits erfahrenen Kontext, wobei Wissen und Verstehen des Lerngegenstandes dabei Voraussetzung sind. Schließlich ist bei der didaktischer Planung des Besuchs nicht nur Sachlogik des Gegenstandes wichtig sondern vielmehr auch die subjektiven Prägungen der einzelnen individuellen Erfahrungsräume der Lernenden, die man beachten sollte.

„In jedem Falle verändert sich aber die Relevanz der kognitiven Inhalte für den Lernenden, ihre Auswahl bleibt nicht mehr allein der didaktischen Entscheidungsinstanz vorbehalten, sondern der Lernende wirkt daran mit [12].“ Die so durch Partizipation des Individuums gewährleistete Relevanz der Inhalte führt zu einem größeren Erkenntnisfortschritt, den der Lernende während des Bildungsprozesses machen kann [13]. Während also Anleitung fast überall praktiziert werden kann, wird die Lernbereitschaft hier von selbst wirksamer, da die originale Begegnung der Lernenden mit dem Gegenstand, mit dem „authentischen Geist des Ortes“ in Berührung kommen, als nirgendwo sonst [14]. Unter „originale Begegnung“ wird verstanden, dass sich der Lernende der „wahren Erkenntnis über den Gegenstand so weit wie möglich annähert“, dass er versucht den Gegenstand so wie er „seinem eigentlichen Wesen nach ist“ zu erkennen und auch „zu verstehen, warum dieser Gegenstand geschaffen wurde beziehungsweise sich zu dem entwickelt halt, das was er sich dem Lernenden darstellt [15].“


Nacharbeitung[Bearbeiten]

Von äußerster Wichtigkeit erweist sich ebenso die Aufarbeitung der durch den Besuch aufgekommenen Fragen, die anschließend gemeinsam geklärt werden müssen oder auch einfach das Gespräch miteinander, da die SuS gegebenenfalls das Bedürfnis haben mit anderen über das in den Gedenkstätten Gesehene ins Gespräch zu kommen und sich darüber auszutauschen. So erweist er sich als äußerst wichtig, die Gedenkstätte nicht im Zusammenhang mit einer lockeren Klassenfahrt zu vollziehen, am Ende eines Schuljahres, so dass der Gedenkstättenbesuch ohne gezielte Nachbearbeitungszeit stattfindet.

Belege[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Gareis, Sven Bernhard: Didaktik der Begegnung – Zur Ordganisation historischer Lernprozesse im Lernort Dachau,Verlag Peter Lang GmbH, Frabkfurt am Main 1989

Weblinks[Bearbeiten]

Homepage des KZ Natzweiler-Struthof [01.03.2013]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. vgl. Gareis 1989, 27
  2. http://www.struthof.fr/de/empfang/, info(at)struthof.fr
  3. Gareis 1989, 51, 52
  4. vgl. Gareis 1989, 18
  5. vgl. Gareis 1989, 20
  6. vgl. Gareis 1989, 21
  7. vgl. Gareis 1989, 21
  8. vgl. Gareis 1989, 18
  9. vgl. Gareis 1989, 137
  10. vgl. Gareis 1989, 120
  11. vgl. Gareis 1989,135
  12. Gareis 1989, 121
  13. vgl. Gareis 1989,110
  14. vgl. Gareis 1989, 21
  15. vgl. Gareis 1989, 118