Regeln zur Analyse von Dokumentationen im Geschichtsunterricht

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Was ist zu beachten? Was sollen Schülerinnen und Schüler wissen, um orientierungskompetent selbstständig Dokumentation sehen und verarbeiten zu können

Ziel[Bearbeiten]

Teilnahme am öffentlichem, politischem Leben erfordert die Fähigkeit zur kritischen Auswertung von Informationen, die uns über die Medien mitgeteilt/zur Verfügung gestellt werden. Dies ist eine Fähigkeit, die Heranwachsende nicht von Geburt an haben – sie muss erlernt werden. Um kritisches, historisches Denken beim Umgang mit geschichtskulturellen Produkten, wie z.B. Geschichtsdokumentationen, zu fördern, müssen Lernende an Beispielen lernen, was es heißt, kritisch mit den Informationen umzugehen, die in solchen Formaten vermittelt werden. Neben der Rekonstruktion, der Prüfung von Triftigkeiten und der Feststellung der jeweiligen Sinnbildung, geht es vor allem um mediale Wirklichkeits- und Authentizitätskonstruktion durch den Einsatz von Zeitzeugen, Musik und Emotionen.

Beispiele für mögliche Kompetenzen sind u.a.:

  • Kompetenz aufgrund ausgewählter Kriterien zu entscheiden, ob eine mediale Quelle (Bericht, Dokumentation) glaubhaft ist (Manipulation, Emotionalisierung, Triftigkeit…)
  • Kompetenz zu erkennen, welcher Sinnbildung die mediale Quelle folgt.
  • Kompetenz zur Abstraktion verschiedener Perspektiven.
  • Möglichkeiten der Einflussnahme bei der Produktion von Medien erkennen und deren Auswirkungen beurteilen können.


Regeln zur Analyse[Bearbeiten]

Bild-Ton Schere: Ist der Sprechtext passend zum gezeigten Bild?

  • sind die gezeigten Bilder Lückenfüller, um dem Sprechertext mehr Zeit zu geben und ohne Bedeutung für die Narration?
  • Werden Bilder/Filmausschnitte ohne Zusammenhang bei, z.B.: Aussagen von Zeitzeugen eingeschoben und erwecken so den Anschein als bestünde ein Zusammenhang?
  • werden gleiche Bilder und Szenen mehrfach verwendet, obwohl unterschiedliche Handlungen/Fakten damit bestätigt werden sollen? Hinweis auf das Budget der Produktion

Wird die Triftigkeit/Sinnbildung der Narration belegt?

  • Wird auf eine intendierte Sinnbildung hingewiesen? Welche Fragestellungen will man beantworten? Oder kann man nur am Titel das Thema erkennen?
  • Werden Quellen gezeigt oder zitiert, die die Aussage der Narration belegen? Auch bei Zeitzeugen?
  • Wird darauf hingewiesen, dass die Quellenlagen schwierig sind und wird auf dadurch entstehende kontroverse Theorien hingewiesen?
  • Wird begründet, warum man sich für eine bestimmte Theorie und Sinnbildung entschieden hat? werden Konstruktionsprozesse gezeigt?
  • Werden damalige Handlungen nur auf Grundlage heutiger Normen und Werte beurteilt, oder wird versucht, darauf emphatisch einzugehen (Religion im Mittelalter / Brudermord unter osmanischen Sultanen / Peinliche Befragung)
  • Ist in der Darstellung eine Sympathie/Antipathie für bestimmte Personen oder Gruppen erkennbar? Parteilichkeit
  • die Vorstellung einer objektiven Geschichte nach dem Motto »So war’s!« durch vermeintliche Zeitzeugenautorität, Authentizitätsversprechen, oberlehrerhafte Kommentierung statt der Vorstellung von Geschichte als kritische Konstruktionsleistung und kritisch-reflexive Auseinandersetzung mit Inhalt und Aufmachung dieser Sendungen;
  • die Vorstellung von Geschichte als abgeschlossenem, monolithischem Block und als etwas definitiv Vergangenem, was Gegenwartsbezüge ausschließt und Fragen an die Geschichte aus der Perspektive der Gegenwart kaum aufkommen lässt;

Perspektivität

  • werden historische Ereignisse von verschiedenen Stand- und Sehpunkten aus betrachtet? Multiperspektivität
  • wird bei der Formulierung von Aussagen und Interpretationen auf konkurrierende und kontroverse Darstellungen hingewiesen?  Kontroversität, Alterität und Pluralität
  • Wird auf unterschiedliche (Geschichts-)kulturen Rücksicht genommen?
  • werden die Stand-und Sehpunkte dekonstruiert und folgt eine Erklärung, wie diese zustande gekommen sind?

Exemplarität:

oft kann ein Gesamtzusammenhang nur exemplarisch verdeutlicht werden. D.h. stellvertretend für andere/anderes, wird eine Biographie/ ein Sachverhalt stellvertretend beleuchtet. Hieraus ergeben sich Fragen nach und ist zu prüfen auf:

  • Steht das gezeigte Schicksal tatsächlich stellvertretend für andere oder wurde es nur aus dramaturgischen Gründen gewählt; z.B. ist das gezeigte Schicksal emotional stark berührend
  • Trifft die gewählte Aussage/ Sachverhalt nur für einen bestimmten Teil innerhalb eines zwar stattfindenden Tatsache zu, jedoch eben nur für einen bestimmten Teil und wie groß ist dieser?  z.B. die Rolle Heidrichs bei der Judenverfolgung in „Hitlers Helfer“.
  • werden exemplarisch aufgegriffene Sachverhalte als Bestätigung einer Theorie verwendet, verallgemeinert und andere Sachverhalte bewusst/unbewusst ignoriert (z.B. der Terror der Boleschwiken sei der erste geplante politische Mord großen Stils und Vorlage für die Nationalsozialisten, obwohl der Genozid an den Armeniern durch Türken und Kurden zeitlich voranschritt – sogar unter Wissen und Beteiligung dt. Militärs und Politik ablief)?

Zeitzeugen:

  • Standort und Perspektive: Täter, Opfer, unbeteiligter Zeuge
  • Zeitnah oder zeitfern?
  • wird Tätern die Möglichkeit eingeräumt ihre Handlungen zu relativieren oder ihre Rolle zu minimieren?
  • Werden Zeitzeugen als Ersatz für andere Bewegtbildern genutzt? Gefühl von Authentizität.
  • Wird die subjektive Aussage der Zeitzeugen hinterfragt?
  • Welche Teile der Erzählung der Zeitzeugen dienen der Haupterzählung und welche nicht?

Experten und die Meinung „des Volkes“:

  • worauf begründet sich die Professionalität der Experten (Beruf, Titel, wissenschaftliche Institution, Veröffentlichungen – z.B. Adelsexperte bei franz. Glaubenskriege: Katharina von Medici – Heinrich IV)
  • Stellen Experte Teile ihrer Forschung vor oder bedienen sie nur Allgemeinplätze?
  • welche Rolle hat der Experte innerhalb der Dokumentation? Bestätigt der Experte nur schon getroffene Aussagen innerhalb der Dokumentation. Sind die Expertenaussagen nur „Allgemeinplätze“?
  • Soll der Experte nur das Niveau der Dokumentation schönen, aber die Aussagen haben keinen „Mehrwert“ für die Narrative?
  • Bei Befragungen von Passanten muss geprüft werden, welche Ziele und Absichten die Befragung beinhaltet. Werden die Aussagen als repräsentativ gewertet (Zahl n?)

Filmmusik und Geräusche:

  • unauffällig oder bewusst emotionalisierend?
  • Warum wird die Musik an einer bestimmten Stelle eingesetzt?
  • Werden zusätzliche Geräuscheffekte eingesetzt? Wozu?

Filmdokumente:

  • „Traditionsfilme“ oder „Filmüberreste“  werden Filmdokumente dekonstruiert und deren Macher und Machart, Entstehungszeit und -ort bekannt gegeben?
  • werden Filmausschnitte im Sinne der naiven Annahme (oder intendierten Suggestion) authentischer Vergangenheitsabbildung eingesetzt, belegen die Bilder Aussagen von Zeitzeugen oder des Kommentars, weil die Bilder eine hohe Affinität zu den Aussagen zu haben scheinen.
  • Gefahr: bei unreflektiertem Einsatz von Traditionsfilmen, also Material, dass bewusst geschaffen wurde, um zu emotionalisieren oder zu manipulieren, kann sich die intendierte Botschaft weiterhin ausbreiten (bei fast allen Filmdokumenten aus der Nazizeit handelt es sich um bewusst inszenierte Dokumente. In den aller meisten Fällen trifft dies auch für Filmdokumente zu, die von Frontsoldaten aufgenommen wurden. Fast immer handelt es sich auch um die  Täterperspektive)

Rekonstruktionen/Szenische Zitate:

  • sind nachgestellte Szenen notwendig? Gibt es andere Quellen (Text, Bild, Film)? Wird nur versucht Szenen zu dramatisieren?
  • werden bekannte und durch Quellenlage gut gesicherte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte szenisch zitiert oder handelt es sich um Versuche, Alltag und/oder allgemeine Handlungen oder Geisteshaltungen widerzuspiegeln, um ein besseres Verständnis zu erlangen (Makro- vs. Mikrogeschichte).
  • Wie genau entsprechen Ort, Kleidung und Requisiten der dargestellten Zeit?
  • Wir versucht, „nicht historisch belegbare Sachverhalte“ auszuklammern, oder wird darauf keine Rücksicht genommen?

Assoziative neue Bilder:

  • wird neues, aktuelles Filmmaterial so eingesetzt, als sei es „historisch“ und unterstützt Aussagen assoziativ so, dass der Betrachter keinen Unterschied zwischen alt und neu machen kann?
  • Werden Aufnahmen von Neuem Bildmaterial so eingesetzt, als wäre es eine „Live“ Aufnahme, die die Beschreibung, z.B. eines Zeitzeugen emotional unterstützt? (wird durch first person oder point of view Kamerabewegung unterstützt)
  • wird neu verfilmtes Material technisch auf „alt getrimmt“?

Narration/Kommentar/Sprecher

  • Handelt es sich tatsächlich um eine Narration, die eine Sinnbildung verfolgt, oder ist es eine Chronik (chronologischer Ablauf von Geschehnissen ohne die einzelnen Ereignisse sinnbildend zu verknüpfen).
  • ist die Stimme des Sprechers per se schon emotionalisierend oder professionell-distanziert?  Sprechgeschwindigkeit, Überdramatisierung
  • ist die Sprecherstimme aus anderen Zusammenhängen, wie z.B. Spielfilmen, bekannt und können diese Zusammenhänge den Betrachter beeinflussen? (Robert de Niro)

Kameraführung / Regie

  • Bildgestaltende Elemente beachten (Perspektiven / Fokus (Close-up) / Horizont / Beleuchtung/Bildschnitt)
  • Gerade Close-ups bei Zeitzeugen können emotionalisierend eingesetzt werden.
  • ein Erzählfluss und eine Bilddramaturgie, die die Rezipienten derart in den Bann zieht, dass Fragen zu Inhalt und Ästhetik unterbleiben.