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Oral History gehört, wie [[Tondokumente| Tondokumente]], [[Das Lied| Lieder]] und Hörspiele, zu dem Bereich der auditiven [[Grundlagen Medien im Geschichtsunterricht| Medien]] und ist eine geschichtswissenschaftliche Methode, mit der - durch die Befragung und dem freien Sprechen von Zeitzeugen - etwas über die Geschichte berichtet wird.<ref> vgl. Sauer 2004, 196 f. </ref> Dies wird in der Regel auf einem Tonträger festgehalten, um später Ereignisse, Meinungen, Erfahrungen, Wertehaltungen und Einstellungen als [[Quelleninterpretation#Was ist eine Quelle?|Quellenmaterial]] auszuwerten.
Oral History gehört, wie [[Tondokumente| Tondokumente]], [[Das Lied| Lieder]] und Hörspiele, zu dem Bereich der auditiven [[Grundlagen Medien im Geschichtsunterricht| Medien]] und ist eine geschichtswissenschaftliche Methode, mit der - durch die Befragung und dem freien Sprechen von Zeitzeugen - etwas über die Geschichte berichtet wird.<ref> vgl. Sauer 2004, 196 f. </ref> Dies wird in der Regel auf einem Tonträger festgehalten, um später Ereignisse, Meinungen, Erfahrungen, Wertehaltungen und Einstellungen als [[Quelleninterpretation| Quellenmaterial]] auszuwerten.
Der Begriff "Oral History" ist in der deutschen Sprache eher ein Verlegenheitsbegriff, der sich allerdings überwiegend durchgesetzt hat. Sinngemäß kann dieser mit "erinnerter Geschichte" oder "mündlich erfragte Geschichte" übersetzt werden.
Der Begriff "Oral History" ist in der deutschen Sprache eher ein Verlegenheitsbegriff, der sich allerdings überwiegend durchgesetzt hat. Sinngemäß kann dieser mit "erinnerter Geschichte" oder "mündlich erfragte Geschichte" übersetzt werden.


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Relativ jung ist allerdings die Praxis der systematischen Befragung von älteren Menschen im Rahmen einer historischen Forschung. Erst im 20. Jahrhundert wandte Professor Allan Nevins von der Columbia Universität diese Methode an. Ihn frustrierte die Vorstellung, dass Verstorbene ihren ganzen Schatz an Erinnerungen und Erfahrungen mit ins Grab nahmen und ihn der Nachwelt entzogen. Aus diesem Grund gründete er im Jahre 1948 das "Oral-History-Institut" und zeichnete seitdem regelmäßig Interviews von älteren Menschen auf. Einen enormen Schub erhielt sie jedoch erst um 1970. Einerseits durch die Erfindung des tragbaren Kassettenrekorders, dadurch wurden Audioaufnahmen wesentlich erleichtert, und andererseits durch die damalige Studentenbewegung. Infolgedessen breitete sich wachsendes Interesse an einer politisch engagierten Geschichtsschreibung aus, die auch diskriminierte Minderheiten zu Wort kommen lassen wollte. Mithilfe des Tonbandgerätes gelang Nevins der Durchbruch. Seit den 1960ern ist die Methode der "Oral History" auch im deutschen Sprachraum verbreitet.  
Relativ jung ist allerdings die Praxis der systematischen Befragung von älteren Menschen im Rahmen einer historischen Forschung. Erst im 20. Jahrhundert wandte Professor Allan Nevins von der Columbia Universität diese Methode an. Ihn frustrierte die Vorstellung, dass Verstorbene ihren ganzen Schatz an Erinnerungen und Erfahrungen mit ins Grab nahmen und ihn der Nachwelt entzogen. Aus diesem Grund gründete er im Jahre 1948 das "Oral-History-Institut" und zeichnete seitdem regelmäßig Interviews von älteren Menschen auf. Einen enormen Schub erhielt sie jedoch erst um 1970. Einerseits durch die Erfindung des tragbaren Kassettenrekorders, dadurch wurden Audioaufnahmen wesentlich erleichtert, und andererseits durch die damalige Studentenbewegung. Infolgedessen breitete sich wachsendes Interesse an einer politisch engagierten Geschichtsschreibung aus, die auch diskriminierte Minderheiten zu Wort kommen lassen wollte. Mithilfe des Tonbandgerätes gelang Nevins der Durchbruch. Seit den 1960ern ist die Methode der "Oral History" auch im deutschen Sprachraum verbreitet.  


Der Anstoß hierfür war vor allem das Bedürfnis, die Zeit des Nationalsozialismus und dessen Folgen auf die Zeit nach dem Krieg und die junge Bundesrepublik zu ergründen. Ein erstes bedeutendes [[Projektarbeit|Projekt]] wurde hier von Lutz Niethammer und Detlev Peukert geleitet. Unter dem Namen LUSIR (Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930 bis 1960) interviewten sie circa 200 ArbeiterInnen der Montageindustrie. Innerhalb dieses Projektes wollten beide feststellen, wie die politische Orientierung der Bevölkerung in den 1950 Jahren an den Sozialdemokraten zustande kam, da diese vorher stark an der kommunistischen Partei oder dem Zentrum orientiert war. LUSIR stellt somit den Grundstein der Oral History in der BRD dar. Und auch Lutz Niethammer hat innerhalb dieses Projektes methodische Erfahrungen und Überlegungen gesammelt, die noch heute grundlegend sind. Innerhalb der Deutschen Demokratischen Republik wurde die Oral History seitens der politischen Führung  jedoch misstrauisch betrachtet. Das Misstrauen gegenüber den Stimmen des eigenen Volkes war groß genug um systematische und auswertbare Interviews mit der eigenen Bevölkerung nur im Untergrund, also illegal durchzuführen. Nach dem Zusammenbruch der DDR 1998 kam es dementsprechend zu einem regelrechten Boom der Oral History. <ref> vgl. Obertreis, 2012, S.9f.</ref>
Der Anstoß hierfür war vor allem das Bedürfnis, die Zeit des Nationalsozialismus und dessen Folgen auf die Zeit nach dem Krieg und die junge Bundesrepublik zu ergründen. Ein erstes bedeutendes Projekt wurde hier von Lutz Niethammer und Detlev Peukert geleitet. Unter dem Namen LUSIR (Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930 bis 1960) interviewten sie circa 200 ArbeiterInnen der Montageindustrie. Innerhalb dieses Projektes wollten beide feststellen, wie die politische Orientierung der Bevölkerung in den 1950 Jahren an den Sozialdemokraten zustande kam, da diese vorher stark an der kommunistischen Partei oder dem Zentrum orientiert war. LUSIR stellt somit den Grundstein der Oral History in der BRD dar. Und auch Lutz Niethammer hat innerhalb dieses Projektes methodische Erfahrungen und Überlegungen gesammelt, die noch heute grundlegend sind. Innerhalb der Deutschen Demokratischen Republik wurde die Oral History seitens der politischen Führung  jedoch misstrauisch betrachtet. Das Misstrauen gegenüber den Stimmen des eigenen Volkes war groß genug um systematische und auswertbare Interviews mit der eigenen Bevölkerung nur im Untergrund, also illegal durchzuführen. Nach dem Zusammenbruch der DDR 1998 kam es dementsprechend zu einem regelrechten Boom der Oral History. <ref> vgl. Obertreis, 2012, S.9f.</ref>


Oral History entwickelte sich später zu einer historischen Erfahrungswissenschaft, die subjektive Erfahrungen und Rekonstruktionen alltäglicher Lebensverhältnisse in den Mittelpunkt stellt.<ref> vgl. Mayer/Pandel/Schneider 2004, 355 </ref>
Oral History entwickelte sich später zu einer historischen Erfahrungswissenschaft, die subjektive Erfahrungen und Rekonstruktionen alltäglicher Lebensverhältnisse in den Mittelpunkt stellt.<ref> vgl. Mayer/Pandel/Schneider 2004, 355 </ref>
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Das Ziel dieser geschichtswissenschaftlichen Methode ist die [[Grundlagen der historischen Kompetenzorientierung#Die Re-Konstruktionskompetenz| Rekonstruktion]] und Deutung alltäglicher Lebensverhältnisse.  
Das Ziel dieser geschichtswissenschaftlichen Methode ist die [[Grundlagen der historischen Kompetenzorientierung#Die Re-Konstruktionskompetenz| Rekonstruktion]] und Deutung alltäglicher Lebensverhältnisse.  
Interviewt werden Betroffene und Beteiligte historischer Ereignisse oder Prozesse. Dabei wird meist ein alltagsgeschichtlicher Ansatz verwendet, der an die Geschichte "von unten" anknüpft. Die Oral History wird besonders für die "Alltags- und Lokalgeschichte" verwendet und zeichnet verschiedene persönliche Lebensgeschichten auf. <ref> vgl. Pandel 2005, 452 f. </ref>
Interviewt werden Betroffene und Beteiligte historischer Ereignisse oder Prozesse. Dabei wird meist ein alltagsgeschichtlicher Ansatz verwendet, der an die Geschichte "von unten" anknüpft. Die Oral History wird besonders für die "Alltags- und Lokalgeschichte" verwendet und zeichnet verschiedene persönliche Lebensgeschichten auf. <ref> vgl. Pandel 2005, 452 f. </ref>
Die Oral History ermöglicht es, ein breites Spektrum von Meinungen, Standpunkten und Perspektiven zu betrachten, wie es keine andere Quelle ermöglicht. Sie bietet eine gerechtere und realistische Rekonstruktion der Vergangenheit und führt so zu einschneidenden Auswirkungen auf die soziale Botschaft von Geschichte. Da die Oral History sich mit den unterschiedlichen sozialen Schichten und Menschen  aus unterschiedlichen Lebensverhältnissen und mit unterschiedlichen Blickwinkeln befasst, wird Geschichte breiter gefächert, bereichert und demokratisch <ref> vgl. Thompson 1978, S. 5 - 7 </ref>
Die Oral History ermöglicht es, ein breites Spektrum von Meinungen, Standpunkten und Perspektiven zu betrachten, wie es keine andere Quelle ermöglicht. Sie bietet eine gerechtere und realistische Rekonstruktion der Vergangenheit und führt so zu einschneidenden Auswirkungen auf die soziale Botschaft von Geschichte. Da die Oral History sich mit den unterschiedlichen sozialen Schichten und Menschen  aus unterschiedlichen Lebensverhältnissen und mit unterschiedlichen Blickwinkeln befasst, wird Geschichte breiter gefächert, bereichert und demokratisch <ref> vgl. Thompson 1978, S. 5 - 7 </ref>


== Ebenen der Oral History ==
== Ebenen der Oral History ==
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*Sobald man ein Thema gefunden hat, mit dem man sich beschäftigen möchte, muss man sich eine passende  Forschungsmethode auswählen. In den meisten Fällen wird der Historiker dabei zu Tonbandgerät und Notizbuch greifen, um so Zeugenaussagen festzuhalten.  
*Sobald man ein Thema gefunden hat, mit dem man sich beschäftigen möchte, muss man sich eine passende  Forschungsmethode auswählen. In den meisten Fällen wird der Historiker dabei zu Tonbandgerät und Notizbuch greifen, um so Zeugenaussagen festzuhalten.  
*Dafür muss man sich aber auch ein breit gefächertes und tiefgründiges Hintergrundwissen angeeignet haben, um sich sicher im thematischen Feld bewegen zu können, und auch, um entscheiden zu können, ob das ausgewählte Thema auch genug hergibt.  
*Dafür muss man sich aber auch ein breit gefächertes und tiefgründiges Hintergrundwissen angeeignet haben, um sich sicher im thematischen Feld bewegen zu können, und auch, um entscheiden zu können, ob das ausgewählte Thema auch genug hergibt.  
*Des Weiteren muss der Historiker auch immer wieder Quellen (sowohl primäre als auch sekundäre) miteinander vergleichen und hinterfragen, um sich so ein immer wieder erneuerndes Bild des Themas zu schaffen.  
*Des Weitern muss der Historiker auch immer wieder Quellen (sowohl primäre als auch sekundäre) miteinander vergleichen und hinterfragen, um sich so ein immer wieder erneuerndes Bild des Themas zu schaffen.  
*Ebenfalls wichtig für die spätere Zeugenbefragung ist eine Auseinandersetzung mit den lokalen Gegebenheiten – Sprache (diese möglichst nahezu perfekt beherrschen), Kultur, Landschaft und Ähnlichem, die Planung der Dokumentationsform sowie ein Projektplan und letztlich auch mit einer Sammlung von Themen und Fragen, um die sich die Zeugenbefragung drehen soll.  
*Ebenfalls wichtig für die spätere Zeugenbefragung ist eine Auseinandersetzung mit den lokalen Gegebenheiten – Sprache (diese möglichst nahezu perfekt beherrschen), Kultur, Landschaft und Ähnlichem, die Planung der Dokumentationsform sowie ein Projektplan und letztlich auch mit einer Sammlung von Themen und Fragen, um die sich die Zeugenbefragung drehen soll.  
*Der Projektplan sowie die Themen- und Fragenauswahl werden sich während des Projekts zwar fortlaufend verändern, schaffen aber zu Beginn einen Überblick.  <ref> vgl. Henige 1982, S. 23 – 24 </ref>  
*Der Projektplan sowie die Themen- und Fragenauswahl werden sich während des Projekts zwar fortlaufend verändern, schaffen aber zu Beginn einen Überblick.  <ref> vgl. Henige 1982, S. 23 – 24 </ref>  
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=== Sammeln von mündlichen Daten ===
=== Sammeln von mündlichen Daten ===
Es ist sinnvoll, sich auch vor Ort in Archiven umzusehen, denn dort stößt man oft auf Sammlungen, die es nirgendwo anders in dieser Form gibt. Teilweise trifft man auch noch andere Forscher oder Historiker, die Tipps geben können. Bevor man sich zum Interview begibt, sollte man sich mit den Normen der jeweiligen Gesellschaft und Kultur beschäftigen, um keinen Fauxpas während des Interviews zu begehen und um dem Gegenüber Respekt zu zollen. Wenn man die Sprache des Interviewpartners nicht ausreichend beherrscht, ist es sinnvoll, sich einen Dolmetscher zu suchen. Dabei muss beachtet werden, dass ein Dolmetscher nicht nur die Worte des Gegenübers in eine andere Sprache übersetzt, sondern auch Normen, Handlungen, Kultur und Satzbau quasi übersetzt.  
Es ist sinnvoll, sich auch vor Ort in Archiven umzusehen, denn dort stößt man oft auf Sammlungen, die es nirgendwo anders in dieser Form gibt. Teilweise trifft man auch noch andere Forscher oder Historiker, die Tipps geben können. Bevor man sich zum Interview begibt, sollte man sich mit den Normen der jeweiligen Gesellschaft und Kultur beschäftigen, um keinen Fauxpas während des Interviews zu begehen und um dem Gegenüber Respekt zu zollen. Wenn man die Sprache des Interviewpartners nicht ausreichend beherrscht, ist es sinnvoll, sich einen Dolmetscher zu suchen. Dabei muss beachtet werden, dass ein Dolmetscher nicht nur die Worte des Gegenübers in eine andere Sprache übersetzt, sondern auch Normen, Handlungen, Kultur und Satzbau quasi übersetzt. Auch an Interviewstrategien muss gedacht werden. Wenn man beispielsweise Personen aus einer Gruppe befragt, muss man sich überlegen, ob man das komplette Altersspektrum abdecken möchte oder muss, ob beide Geschlechter befragt werden sollen usw. <ref> vgl. Henige 1982, S. 41-49  </ref> Oft tendiert der Interviewer dazu, eine Person öfter zu interviewen als andere, wenn er mehrere Gesprächspartner hat. Dabei muss er vorsichtig sein und vor allem bei den Fragestellungen auf die Formulierung achten, damit die Glaubwürdigkeit des Interviewten nicht in Frage gestellt wird. <ref> vgl. Henige 1982, S. 51 - 53  </ref> Ein Historiker sollte stets die Ohren offen halten, denn er oder sie bekommt am meisten Informationen durch schlichtes zuhören statt durch professionelles Fragestellen. Henige beschreibt dieses Verfahren als Belauschen der Vergangenheit („eavesdropping on the past“) <ref> Henige 1982, S.55 </ref> Während des Interviews muss man darauf achten, dass der Interviewte teilweise Dinge sagt, die nicht zwingend wahr sind. Entweder, weil er oder sie sich irrt oder lügt. Deshalb sollte der Historiker die Informationen im Anschluss möglichst überprüfen. <ref> vgl. Henige 1982, S. 58 </ref> Um die Aussagen zu hinterfragen, und auch, um sich intensiv mit dem Interview zu beschäftigen, ist es nicht zu unterschätzen, die Interviews noch einmal anzuhören, dabei genau hinzuhören und eventuell schon Abschriften anzulegen. Abschriften oder Protokolle der mündlichen Aufnahmen, sollten Informationen zu den Befragten enthalten sowie zu Ort und Zeit des Interviews und zu den äußeren Umständen. <ref> vgl. Henige 1982, S.63  </ref> Damit die Daten nicht verloren gehen oder beschädigt werden, ist es zudem sinnvoll, Kopien davon in irgendeiner Form anzulegen. Während Henige von zweiten Tonbändern und Durchschlägen schreibt, gebraucht man heutzutage wohl eher digitale Speichermedien wie USB-Sticks, Festplatten oder eventuell auch Ordner im Internet, worauf man von jedem Computer aus zugreifen kann (z.B. „dropbox“ oder sogenannte „clouds“). <ref> vgl. Henige 1982, S. 64 </ref>
 
Auch an Interviewstrategien muss gedacht werden. Wenn man beispielsweise Personen aus einer Gruppe befragt, muss man sich überlegen, ob man das komplette Altersspektrum abdecken möchte oder muss, ob beide Geschlechter befragt werden sollen usw. <ref> vgl. Henige 1982, S. 41-49  </ref> Oft tendiert der Interviewer dazu, eine Person öfter zu interviewen als andere, wenn er mehrere Gesprächspartner hat. Dabei muss er vorsichtig sein und vor allem bei den Fragestellungen auf die Formulierung achten, damit die Glaubwürdigkeit des Interviewten nicht in Frage gestellt wird. <ref> vgl. Henige 1982, S. 51 - 53  </ref>  
 
Ein Historiker sollte stets die Ohren offen halten, denn er oder sie bekommt am meisten Informationen durch schlichtes zuhören statt durch professionelles Fragestellen. Henige beschreibt dieses Verfahren als Belauschen der Vergangenheit („eavesdropping on the past“) <ref> Henige 1982, S.55 </ref> Während des Interviews muss man darauf achten, dass der Interviewte teilweise Dinge sagt, die nicht zwingend wahr sind. Entweder, weil er oder sie sich irrt oder lügt. Deshalb sollte der Historiker die Informationen im Anschluss möglichst überprüfen. <ref> vgl. Henige 1982, S. 58 </ref> Um die Aussagen zu hinterfragen, und auch, um sich intensiv mit dem Interview zu beschäftigen, ist es nicht zu unterschätzen, die Interviews noch einmal anzuhören, dabei genau hinzuhören und eventuell schon Abschriften anzulegen. Abschriften oder Protokolle der mündlichen Aufnahmen, sollten Informationen zu den Befragten enthalten sowie zu Ort und Zeit des Interviews und zu den äußeren Umständen. <ref> vgl. Henige 1982, S.63  </ref> Damit die Daten nicht verloren gehen oder beschädigt werden, ist es zudem sinnvoll, Kopien davon in irgendeiner Form anzulegen. Während Henige von zweiten Tonbändern und Durchschlägen schreibt, gebraucht man heutzutage wohl eher digitale Speichermedien wie USB-Sticks, Festplatten oder eventuell auch Ordner im Internet, worauf man von jedem Computer aus zugreifen kann (z.B. „dropbox“ oder sogenannte „clouds“). <ref> vgl. Henige 1982, S. 64 </ref>


=== Das Erinnerungsinterview als Instrument der Oral History ===
=== Das Erinnerungsinterview als Instrument der Oral History ===
Das Erinnerungsinterview ist in erster Linie ein Forschungsinstrument und muss damit verpflichtend nachvollziehbar zu sein. Die Initiative sowohl bei der Auswahl der Interviewten als auch bei dem Inhalt des Interviews liegt bei dem Forschenden, da allein sein Erkenntnisinteresse den Prozess in Gang setzt. Bei der Suche nach geeigneten Interviewpartnern gibt es drei schwierige Kategorien. Mitglieder von Gruppen mit einer straffen sozialen Kontrolle, die individuelle Erinnerungen als unwichtig erscheinen lassen und Menschen, die unsicher sind, ob ihre Erinnerungen sich überhaupt als Teil von Geschichte eignen und wenn ja, inwieweit. Die dritte Gruppe besteht aus „professionellen“ Zeitzeugen, die so oft interviewt wurden, dass ihre eigenen Erinnerungen mehr durch das von ihnen Erzählte überlagert wird und somit nur doch wenig historisch verwertbar ist. <ref> Niethammer, 1985, S. 35ff.</ref>
Das Erinnerungsinterview ist in erster Linie ein Forschungsinstrument und muss damit verpflichtend nachvollziehbar zu sein. Die Initiative sowohl bei der Auswahl der Interviewten als auch bei dem Inhalt des Interviews liegt bei dem Forschenden, da allein sein Erkenntnisinteresse den Prozess in Gang setzt. Bei der Suche nach geeigneten Interviewpartnern gibt es drei schwierige Kategorien. Mitglieder von Gruppen mit einer straffen sozialen Kontrolle, die individuelle Erinnerungen als unwichtig erscheinen lassen und Menschen, die unsicher sind, ob ihre Erinnerungen sich überhaupt als Teil von Geschichte eignen und wenn ja, inwieweit. Die dritte Gruppe besteht aus „professionellen“ Zeitzeugen, die so oft interviewt wurden, dass ihre eigenen Erinnerungen mehr durch das von ihnen Erzählte überlagert wird und somit nur doch wenig historisch verwertbar ist. <ref> Niethammer, 1985, S. 35ff.</ref>


==== Der Aufbau eines Erinnerungsinterviews ====


Im Zentrum eines solchen Interviews steht die Rekonstruktion von Erlebnissen oder Erinnerungen und deren Zusammenhänge. Besonders wie die jeweilige Wirklichkeit der Zeitzeugen erfahren wurde ist von Bedeutung. Erinnerungsinterviews können sich auf einen bestimmten Aspekt in der Biographie des Interviewten oder auf dessen gesamte Lebensgeschichte beziehen. Hierbei ist es besonders wichtig dem Interviewten die Möglichkeit zu bieten, ihre Lebensgeschichte selber zu strukturieren. D.h. ihnen selbst die Wahl zu lassen, in welche inhaltliche und zeitlichen Reihenfolge sie ihre Erinnerungen an Handlungen Ereignissen und Erfahrungen bringen wollen. Dies fordert von dem Interviewer eine große Zurückhaltung und gibt ihm zunächst die Rolle des Zuhörers.  
==== Der Aufbau eines Erinnerungsinterviews ==== <ref> vgl. Breckner, 1994 S. 135ff.</ref>


Die Darstellung des Interviewten wird erst im Nachhinein durch vertiefende Frage oder Fragen allgemein zum Verständnis erweitert. Diese passive Haltung des Interviewers verweist jedoch nicht auf ein unstrukturiertes Vorgehen. Es lassen sich grundsätzlich zwei Phasen eines Interviews unterscheiden. In der ersten Phase wird dem Interviewten die Möglichkeit gegeben seine Erinnerungen und Erzählung selbst zu strukturieren, in der zweiten Phase kann der Interviewer ihn interessierende Passagen der Erzählung durch Nachfragen vertiefen oder nach noch nicht erwähnten Ereignissen fragen.<ref> vgl. Breckner, 1994 S. 135ff.</ref>
Im Zentrum eines solchen Interviews steht die Rekonstruktion von Erlebnissen oder Erinnerungen und deren Zusammenhänge. Besonders wie die jeweilige Wirklichkeit der Zeitzeugen erfahren wurde ist von Bedeutung. Erinnerungsinterviews können sich auf einen bestimmten Aspekt in der Biographie des Interviewten oder auf dessen gesamte Lebensgeschichte beziehen. Hierbei ist es besonders wichtig dem Interviewten die Möglichkeit zu bieten, ihre Lebensgeschichte selber zu strukturieren. D.h. ihnen selbst die Wahl zu lassen, in welche inhaltliche und zeitlichen Reihenfolge sie ihre Erinnerungen an Handlungen Ereignissen und Erfahrungen bringen wollen. Dies fordert von dem Interviewer eine große Zurückhaltung und gibt ihm zunächst die Rolle des Zuhörers. Die Darstellung des Interviewten wird erst im Nachhinein durch vertiefende Frage oder Fragen allgemein zum Verständnis erweitert. Diese passive Haltung des Interviewers verweist jedoch nicht auf ein unstrukturiertes Vorgehen. Es lassen sich grundsätzlich zwei Phasen eines Interviews unterscheiden. In der ersten Phase wird dem Interviewten die Möglichkeit gegeben seine Erinnerungen und Erzählung selbst zu strukturieren, in der zweiten Phase kann der Interviewer ihn interessierende Passagen der Erzählung durch Nachfragen vertiefen oder nach noch nicht erwähnten Ereignissen fragen.


 
==== Die erste Phase =====
*'''Die erste Phase'''


Vor dem Beginn des Interviews ist es wichtig, dem Interviewten noch einmal den inhaltlichen Rahmen des Forschungsprojektes darzulegen. Dies soll den Interviewten dazu bringen seine Erfahrungen selbstständig auf wichtige Ereignisse in Bezug zu dem zu erforschenden Thema zu filtern und diese während der ersten Phase selbstständig in den Vordergrund seiner Erzählung zu stellen. Das Interview wird mit einer Eingangsfrage eröffnet. Diese gibt einen zeitlichen und inhaltlichen Rahmen vor und hat gleichzeitig die Funktion, den Interviewten zum Erzählen aufzufordern. Eine prinzipielle Aufforderung die eigene Lebensgeschichte zu erzählen lässt dem Interviewten die meisten Freiheiten, da er selber entscheiden kann, welche Aspekte seines Lebens für das Projekt an dem er teilnimmt relevant sind und inwieweit er dafür ins Detail gehen will.
Vor dem Beginn des Interviews ist es wichtig, dem Interviewten noch einmal den inhaltlichen Rahmen des Forschungsprojektes darzulegen. Dies soll den Interviewten dazu bringen seine Erfahrungen selbstständig auf wichtige Ereignisse in Bezug zu dem zu erforschenden Thema zu filtern und diese während der ersten Phase selbstständig in den Vordergrund seiner Erzählung zu stellen. Das Interview wird mit einer Eingangsfrage eröffnet. Diese gibt einen zeitlichen und inhaltlichen Rahmen vor und hat gleichzeitig die Funktion, den Interviewten zum Erzählen aufzufordern. Eine prinzipielle Aufforderung die eigene Lebensgeschichte zu erzählen lässt dem Interviewten die meisten Freiheiten, da er selber entscheiden kann, welche Aspekte seines Lebens für das Projekt an dem er teilnimmt relevant sind und inwieweit er dafür ins Detail gehen will.
Selbst wenn ein Interviewpartner mit einer, für das Projekt scheinbar irrelevanten, Begebenheit beginnt, darf nicht sofort durch konkrete Fragen interveniert werden, denn dadurch würde die Möglichkeit des Erkennens von Zusammenhängen zwischen damaligen Ereignissen und heutige Begebenheiten verloren gehen, die der Interviewer selber nicht erwartet hätte. Auch klärende Zwischenfragen oder eine Identifikation seitens des Interviewers sind in der ersten Phase des Interviews zu vermeiden, da der Interviewpartner seinen Fokus von sich weg richten und sich nur noch an den Fragen des Interviewers orientieren könnte. Auch das Bedürfnis des Interviewten sich für damalige Entscheidungen rechtfertigen zu müssen ist zu vermeiden, da es die Basis für das Interview stören kann und eventuell interessante Erinnerungen nicht mehr berichtet werden.
Selbst wenn ein Interviewpartner mit einer, für das Projekt scheinbar irrelevanten, Begebenheit beginnt, darf nicht sofort durch konkrete Fragen interveniert werden, denn dadurch würde die Möglichkeit des Erkennens von Zusammenhängen zwischen damaligen Ereignissen und heutige Begebenheiten verloren gehen, die der Interviewer selber nicht erwartet hätte. Auch klärende Zwischenfragen oder eine Identifikation seitens des Interviewers sind in der ersten Phase des Interviews zu vermeiden, da der Interviewpartner seinen Fokus von sich weg richten und sich nur noch an den Fragen des Interviewers orientieren könnte. Auch das Bedürfnis des Interviewten sich für damalige Entscheidungen rechtfertigen zu müssen ist zu vermeiden, da es die Basis für das Interview stören kann und eventuell interessante Erinnerungen nicht mehr berichtet werden.
Erzählfördernd hingegen ist meist schon das deutlich gezeigte Interesse des Interviewers und gelegentliche paraverbale Äußerungen.  
Erzählfördernd hingegen ist meist schon das deutlich gezeigte Interesse des Interviewers und gelegentliche paraverbale Äußerungen.  
Insbesondere Pausen sollten von dem Interviewer auch ausgehalten werden können. Der Interviewte sollte immer die Möglichkeit bekommen, selber zu entscheiden, wie er an die bisher erzählten Erinnerungen anknüpfen möchte. Handelt es sich hierbei um unangenehme Erinnerungen des Interviewten, kann das Artikulieren der wahrgenommenen Gefühlslage den Interviewten wieder zurück in die Gegenwart und in den Erzählfluss bringen.
Insbesondere Pausen sollten von dem Interviewer auch ausgehalten werden können. Der Interviewte sollte immer die Möglichkeit bekommen, selber zu entscheiden, wie er an die bisher erzählten Erinnerungen anknüpfen möchte. Handelt es sich hierbei um unangenehme Erinnerungen des Interviewten, kann das Artikulieren der wahrgenommenen Gefühlslage den Interviewten wieder zurück in die Gegenwart und in den Erzählfluss bringen.
Während dieser ersten Phase werden lediglich kurze Notizen zu den Eckdaten der Erzählung gemacht. Hierbei ist besonders auf die für den Interviewten wichtigen Ereignisse zu achten, sowie auf eventuelle Unklarheiten in der Erzählung.
Während dieser ersten Phase werden lediglich kurze Notizen zu den Eckdaten der Erzählung gemacht. Hierbei ist besonders auf die für den Interviewten wichtigen Ereignisse zu achten, sowie auf eventuelle Unklarheiten in der Erzählung.


*'''Die zweite Phase'''
====Die zweite Phase ====


Die zweite Phase des Interviews baut auf diesen Notizen auf. Das sogenannte [[Narration Grundlagen| narrative]] Nachfragen hat eine Vertiefung und ein besseres Verständnis des bereits erzählten zum Ziel. Dabei ist auf die von dem Interviewten in der ersten Phase vorgegebene Chronologie der Ereignisse zu achten, auch wenn diese historisch fehlerhaft ist. Auf diese Weise wird die Wahrnehmung der beschriebenen Ereignisse und ihrer Zusammenhänge deutlicher. Auch hier ist es zu vermeiden, den Interviewten unter Rechtfertigungsdruck zu setzen oder ihn nach bloßen Fakten zu fragen. Sowohl die Wiedersprüche als auch die Fakten lassen sich meist durch eine Vertiefung in das Erzählte lösen, ohne dass der Interviewte sich unangenehm berührt fühlt.
Die zweite Phase des Interviews baut auf diesen Notizen auf. Das sogenannte [[Narration Grundlagen| narrative]] Nachfragen hat eine Vertiefung und ein besseres Verständnis des bereits erzählten zum Ziel. Dabei ist auf die von dem Interviewten in der ersten Phase vorgegebene Chronologie der Ereignisse zu achten, auch wenn diese historisch fehlerhaft ist. Auf diese Weise wird die Wahrnehmung der beschriebenen Ereignisse und ihrer Zusammenhänge deutlicher. Auch hier ist es zu vermeiden, den Interviewten unter Rechtfertigungsdruck zu setzen oder ihn nach bloßen Fakten zu fragen. Sowohl die Wiedersprüche als auch die Fakten lassen sich meist durch eine Vertiefung in das Erzählte lösen, ohne dass der Interviewte sich unangenehm berührt fühlt.


*'''Die dritte Phase'''
==== Die dritte Phase ====
Die dritte Phase beschäftigt sich nun mit den sogenannten Wissensfragen, also den Fragen nach Details, der zeitlichen und örtlichen Einordnung von Ereignissen und eventueller Wiedersprüche. Auch Themen, die der Interviewte nicht von selber angesprochen hat, die aber für den Interviewer von Bedeutung sind, kann hier eingegangen werden. In diese Phase gilt es ganz besonders, den Interviewten nicht zu brüskieren und das entstandene Vertrauensverhältnis nicht zu gefährden. Der Interviewte darf sich nicht bloßgestellt oder ausgefragt fühlen.
Die dritte Phase beschäftigt sich nun mit den sogenannten Wissensfragen, also den Fragen nach Details, der zeitlichen und örtlichen Einordnung von Ereignissen und eventueller Wiedersprüche. Auch Themen, die der Interviewte nicht von selber angesprochen hat, die aber für den Interviewer von Bedeutung sind, kann hier eingegangen werden. In diese Phase gilt es ganz besonders, den Interviewten nicht zu brüskieren und das entstandene Vertrauensverhältnis nicht zu gefährden. Der Interviewte darf sich nicht bloßgestellt oder ausgefragt fühlen.
Das Ende eines solchen Interviews bilden Fragen nach dem Befinden des Interviewten nach und während dem Erzählen. Aufkommende Gefühle während des Interviews können so gemeinsam thematisiert werden. Das Anbieten, dass beide Interviewpartner nun die Rollen tauschen können, soll als Abschluss das Vertrauen des Interviewten nochmals bestärken.
Das Ende eines solchen Interviews bilden Fragen nach dem Befinden des Interviewten nach und während dem Erzählen. Aufkommende Gefühle während des Interviews können so gemeinsam thematisiert werden. Das Anbieten, dass beide Interviewpartner nun die Rollen tauschen können, soll als Abschluss das Vertrauen des Interviewten nochmals bestärken.


*'''Die Auswertung'''
==== Die Auswertung====


Die Auswertung eines solche Interviews erfolgt auf der Grundlage eines Transkripts, d.h. das aufgenommene Interview wird lautlich so exakt wie möglich niedergeschrieben, wobei Verschleifungen genauso berücksichtigt werden wie die Intonation des Gesagten, Unterbrechungen sowie die nonverbalen Ereignisse des Interviews.  
Die Auswertung eines solche Interviews erfolgt auf der Grundlage eines Transkripts, d.h. das aufgenommene Interview wird lautlich so exakt wie möglich niedergeschrieben, wobei Verschleifungen genauso berücksichtigt werden wie die Intonation des Gesagten, Unterbrechungen sowie die nonverbalen Ereignisse des Interviews.  
Bei der Analyse eines solchen Textes ist immer darauf zu achten, dass dieser nicht die damalige Wirklichkeit darstellt. Vielmehr sind die so niedergeschriebenen Erinnerungen einer Person vor allem eine Mischung des Erlebten zum Zeitpunkt des Geschehenen und der Verarbeitung desselben im Laufe des weiteren Lebens. Aber auch die Hoffnungen und Erwartungen des Interviewten für die eigene Zukunft spielen hier eine Rolle. Um realitätsnahe Aussagen über die Vergangenheit machen zu können muss der Text in seinen jeweiligen Bezügen zur damaligen Zeit rekonstruiert werden.
Bei der Analyse eines solchen Textes ist immer darauf zu achten, dass dieser nicht die damalige Wirklichkeit darstellt. Vielmehr sind die so niedergeschriebenen Erinnerungen einer Person vor allem eine Mischung des Erlebten zum Zeitpunkt des Geschehenen und der Verarbeitung desselben im Laufe des weiteren Lebens. Aber auch die Hoffnungen und Erwartungen des Interviewten für die eigene Zukunft spielen hier eine Rolle. Um realitätsnahe Aussagen über die Vergangenheit machen zu können muss der Text in seinen jeweiligen Bezügen zur damaligen Zeit rekonstruiert werden.


==== Analyse der biographischen Daten ====
==== Analyse der biographischen Daten ====


Bei der Analyse der biographischen Daten geht es zunächst darum den chronologischen Ablauf des Lebens des Interviewten zusammenzustellen. Dazu gehören nicht nur die Eckdaten des Lebens, wie die Geburt, den Besuch der Schule oder ähnliches, sondern auch die jeweiligen Umstände, also Daten über die Familie und das soziale Umfeld sind hier wichtig. Auch Daten über persönliche Entscheidungen und deren Ursachen sind hier festzuhalten. Die Daten könne hier schon unterschiedlich gewichtet werden, so ist z.b. der Besuch einer Grundschule nicht in jedem Leben entscheidend für dessen weiteren Verlauf.  
Bei der Analyse der biographischen Daten geht es zunächst darum den chronologischen Ablauf des Lebens des Interviewten zusammenzustellen. Dazu gehören nicht nur die Eckdaten des Lebens, wie die Geburt, den Besuch der Schule oder ähnliches, sondern auch die jeweiligen Umstände, also Daten über die Familie und das soziale Umfeld sind hier wichtig. Auch Daten über persönliche Entscheidungen und deren Ursachen sind hier festzuhalten. Die Daten könne hier schon unterschiedlich gewichtet werden, so ist z.b. der Besuch einer Grundschule nicht in jedem Leben entscheidend für dessen weiteren Verlauf. Besonders hilfreich für eine historische Analyse der Daten kann ein Zeitstrahl sein, der parallel die Daten der Geschichte mit den biographischen Daten zeigt. Anhand dessen können die Bedingungen, unter denen der Interviewte seine Erfahrungen gemacht hat und die ihn in seinen Entscheidungen beeinflusst haben, näher bestimmt werden. Hierbei ist darauf zu achten, dass immer von dem damaligen Wissenstand des Interviewten ausgegangen wird, da sonst die Gefahr zu groß ist die damalige „Wahrheit“ zu beeinflussen, indem man heutiges Wissen verwendet.
 
Besonders hilfreich für eine historische Analyse der Daten kann ein Zeitstrahl sein, der parallel die Daten der Geschichte mit den biographischen Daten zeigt. Anhand dessen können die Bedingungen, unter denen der Interviewte seine Erfahrungen gemacht hat und die ihn in seinen Entscheidungen beeinflusst haben, näher bestimmt werden. Hierbei ist darauf zu achten, dass immer von dem damaligen Wissenstand des Interviewten ausgegangen wird, da sonst die Gefahr zu groß ist die damalige „Wahrheit“ zu beeinflussen, indem man heutiges Wissen verwendet.
 
So soll die vergangene Wirklichkeit eines Lebens im Zusammenhang mit den historischen Ereignissen annähern rekonstruiert werden.
So soll die vergangene Wirklichkeit eines Lebens im Zusammenhang mit den historischen Ereignissen annähern rekonstruiert werden.


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Jedes Interview gliedert sich in bestimmte Themenfelder. Die Abfolge dieser Themen, bzw. das in den Hinter- oder Vordergrund rücken eines Themenbereiches seitens des Interviewten, lässt Rückschlüsse über die Stellung desselben im Leben des Interviewten zu. Auch die heutige Stellung dieses Themenbereiches im Leben des Interviewten lässt sich so erkennen. Für die Analyse dieser Themen wird der Text in entsprechende Abschnitte unterteilt, die in dieser Reihenfolge als Daten so wie oben beschrieben interpretiert werden. Hier gilt es zu klären, warum welche Ereignisse in einer bestimmten Reihenfolge oder Tiefe erzählt werden. Dies lässt Rückschlüsse auf die damalige und gegenwärtige (emotionale) Bedeutung eines Ereignisses oder ganzen Themenbereiches zu.
Jedes Interview gliedert sich in bestimmte Themenfelder. Die Abfolge dieser Themen, bzw. das in den Hinter- oder Vordergrund rücken eines Themenbereiches seitens des Interviewten, lässt Rückschlüsse über die Stellung desselben im Leben des Interviewten zu. Auch die heutige Stellung dieses Themenbereiches im Leben des Interviewten lässt sich so erkennen. Für die Analyse dieser Themen wird der Text in entsprechende Abschnitte unterteilt, die in dieser Reihenfolge als Daten so wie oben beschrieben interpretiert werden. Hier gilt es zu klären, warum welche Ereignisse in einer bestimmten Reihenfolge oder Tiefe erzählt werden. Dies lässt Rückschlüsse auf die damalige und gegenwärtige (emotionale) Bedeutung eines Ereignisses oder ganzen Themenbereiches zu.
Zusammenfassend kann diese Form des Interviews theoretische Annahmen über die Vergangenheit berichtigen, indem ein Einblick in die sich zeitlich verändernde Wirklichkeit vieler Leben, die Relevanz vergangener Ereignisse in einen sinnvollen Zusammenhang bringt.
Zusammenfassend kann diese Form des Interviews theoretische Annahmen über die Vergangenheit berichtigen, indem ein Einblick in die sich zeitlich verändernde Wirklichkeit vieler Leben, die Relevanz vergangener Ereignisse in einen sinnvollen Zusammenhang bringt.
 
== Oral History in der Schule ==
== Oral History in der Schule ==
Generell kann man Oral History auf zwei Arten in der Schule verwenden – entweder im klassischen Geschichtsunterricht oder als [[Projektarbeit| Projekt]], wie beispielsweise an sogenannten Projekttagen. Im normalen Geschichtsunterricht kann man Zeitzeugen als Motivation für die Schüler verwenden oder als Quellen, die man „auswerten“ muss. Um sie als Quelle verwenden zu können, muss allerdings viel Vorbereitungs- und Auswertungszeit eingeplant werden.  <ref> vgl. Koerber: Wie man Zeitzeugen auswählt und mit ihnen umgeht. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S. 25 </ref>
Generell kann man Oral History auf zwei Arten in der Schule verwenden – entweder im klassischen Geschichtsunterricht oder als [[Projektarbeit| Projekt]], wie beispielsweise an sogenannten Projekttagen. Im normalen Geschichtsunterricht kann man Zeitzeugen als Motivation für die Schüler verwenden oder als Quellen, die man „auswerten“ muss. Um sie als Quelle verwenden zu können, muss allerdings viel Vorbereitungs- und Auswertungszeit eingeplant werden.  <ref> vgl. Koerber: Wie man Zeitzeugen auswählt und mit ihnen umgeht. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S. 25 </ref>
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Für die Befragung des Zeitzeugen sollen sich Gruppen  mit höchstens sechs Personen zusammenfinden. Die Rollenverteilung muss klar definiert werden (z.B. zwei Schülerinnen oder Schüler, die interviewen, zwei Schülerinnen oder Schüler, die sich Stichpunkte notieren und zwei, die sich um die Aufnahme kümmern).  
Für die Befragung des Zeitzeugen sollen sich Gruppen  mit höchstens sechs Personen zusammenfinden. Die Rollenverteilung muss klar definiert werden (z.B. zwei Schülerinnen oder Schüler, die interviewen, zwei Schülerinnen oder Schüler, die sich Stichpunkte notieren und zwei, die sich um die Aufnahme kümmern).  
Zunächst werden dem Zeitzeugen nochmals alle technischen Geräte und die Einzelheiten des Projektes erläutert, sofern es in dem Vorgespräch nicht schon ausführlich erklärt wurde.  
Zunächst werden dem Zeitzeugen nochmals alle technischen Geräte und die Einzelheiten des Projektes erläutert, sofern es in dem Vorgespräch nicht schon ausführlich erklärt wurde.  
Die moderne Oral History verwendet als Methode zur Gesprächsführung normalerweise den klient-zentrierten Ansatz, auch als personenzentrierter Ansatz bekannt (PCA), von Carl Rogers.  <ref> vgl. Lange: Methoden der Gesprächsführung. Interaktions- und Kommunikationsübungen. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S. 29 </ref> Grundlegend geht es dabei darum, vor allem aktiv zuzuhören und den Klienten durch offene Fragen, selbst auf sein Verhalten/ sein Problem zu lenken. Grundlegende Einstellungen des Therapeuten, also des Fragestellers in diesem Fall, sind Empathie (einfühlsames Verstehen), Wertschätzung (Akzeptieren, Anteilnahme), sowie Kongruenz (Unverfälschtheit, Echtheit). <ref> Rogers 1983 </ref>
Die moderne Oral History verwendet als Methode zur Gesprächsführung normalerweise den klient-zentrierten Ansatz, auch als personenzentrierter Ansatz bekannt (PCA), von Carl Rogers.  <ref> vgl. Lange: Methoden der Gesprächsführung. Interaktions- und Kommunikationsübungen. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S. 29 </ref> Grundlegend geht es dabei darum, vor allem aktiv zuzuhören und den Klienten durch offene Fragen, selbst auf sein Verhalten/ sein Problem zu lenken. Grundlegende Einstellungen des Therapeuten, also des Fragestellers in diesem Fall, sind Empathie (einfühlsames Verstehen), Wertschätzung (Akzeptieren, Anteilnahme), sowie Kongruenz (Unverfälschtheit, Echtheit). <ref> Rogers 1983 </ref>  
 
Neben dem aktiven Zuhören (signalisiert durch Körperhaltung, Mimik und Kommentare wie „aha“, „mhm“) inklusive offener Fragen (z.B. „Ich habe das eben nicht ganz verstanden…“), die den Interviewten möglichst nicht in eine Richtung lenken sollen, gehören auch Verbalisieren und ein adäquates Verhalten zu einer optimalen Gesprächsführung. <ref> vgl. Lange: Methoden der Gesprächsführung. Interaktions- und Kommunikationsübungen. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S. 29 </ref> Mit Verbalisieren ist eigentlich paraphrasieren gemeint, d.h. der Fragesteller fasst immer wieder zusammen, was der Interviewte gesagt hat, ohne dabei zu werten. Dies sollte allerdings nicht allzu oft verwendet werden, sondern nur gelegentlich. Der Fragesteller sollte auf keinen Fall Bagatellisieren (also Aussagen des Interviewten herunterspielen), Diagnostizieren (Diagnosen stellen), denn dadurch entsteht Distanz, Examinieren (direktive/ nicht-offene Fragen stellen, die den Interviewten lenken), denn der Interviewte bestimmt den Gesprächsverlauf, Interpretieren, Moralisieren (ein Werturteil über Aussagen abgeben) sowie Intellektualisieren (dem Interviewten Gründe für sein Verhalten erläutern). <ref> vgl. Lange: Methoden der Gesprächsführung. Interaktions- und Kommunikationsübungen. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S. 29 </ref>
Neben dem aktiven Zuhören (signalisiert durch Körperhaltung, Mimik und Kommentare wie „aha“, „mhm“) inklusive offener Fragen (z.B. „Ich habe das eben nicht ganz verstanden…“), die den Interviewten möglichst nicht in eine Richtung lenken sollen, gehören auch Verbalisieren und ein adäquates Verhalten zu einer optimalen Gesprächsführung. <ref> vgl. Lange: Methoden der Gesprächsführung. Interaktions- und Kommunikationsübungen. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S. 29 </ref> Mit Verbalisieren ist eigentlich paraphrasieren gemeint, d.h. der Fragesteller fasst immer wieder zusammen, was der Interviewte gesagt hat, ohne dabei zu werten. Dies sollte allerdings nicht allzu oft verwendet werden, sondern nur gelegentlich. Der Fragesteller sollte auf keinen Fall Bagatellisieren (also Aussagen des Interviewten herunterspielen), Diagnostizieren (Diagnosen stellen), denn dadurch entsteht Distanz, Examinieren (direktive/ nicht-offene Fragen stellen, die den Interviewten lenken), denn der Interviewte bestimmt den Gesprächsverlauf, Interpretieren, Moralisieren (ein Werturteil über Aussagen abgeben) sowie Intellektualisieren (dem Interviewten Gründe für sein Verhalten erläutern). <ref> vgl. Lange: Methoden der Gesprächsführung. Interaktions- und Kommunikationsübungen. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S. 29 </ref>
 
Das Interview kann in drei Phasen aufgeteilt werden:=====I.Phase=====
Das Interview kann in drei Phasen aufgeteilt werden:
 
*'''I.Phase'''
Das Interview beginnt mit einer offenen Einstiegsfrage, damit der Zeitzeuge allmählich warm wird und ein Teil seiner Nervosität von ihm fällt. Hierbei können Fragen über das Wetter oder die Wohnung gestellt werden. Danach soll eine sehr offene Eingangsfrage zum Thema gestellt werden. Dabei hat der Zeitzeuge die Möglichkeit sich wieder in die Situation hineinzudenken und mögliche Erinnerungen aufleben zu lassen. In dieser Phase hält sich der Interviewer betont zurück, um den Zeitzeugen nicht einzuengen. Selbstverständlich dürfen jedoch Verständnisfragen oder Fragen zur chronologischen Einordnung gestellt werden.  
Das Interview beginnt mit einer offenen Einstiegsfrage, damit der Zeitzeuge allmählich warm wird und ein Teil seiner Nervosität von ihm fällt. Hierbei können Fragen über das Wetter oder die Wohnung gestellt werden. Danach soll eine sehr offene Eingangsfrage zum Thema gestellt werden. Dabei hat der Zeitzeuge die Möglichkeit sich wieder in die Situation hineinzudenken und mögliche Erinnerungen aufleben zu lassen. In dieser Phase hält sich der Interviewer betont zurück, um den Zeitzeugen nicht einzuengen. Selbstverständlich dürfen jedoch Verständnisfragen oder Fragen zur chronologischen Einordnung gestellt werden.  


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In dieser Phase ist es besonders wichtig, den Zeitzeugen frei erzählen zu lassen. Ist dies nicht der Fall, fühlt er sich in seiner Entscheidungskraft, was und worüber er erzählen will, eingeengt.  
In dieser Phase ist es besonders wichtig, den Zeitzeugen frei erzählen zu lassen. Ist dies nicht der Fall, fühlt er sich in seiner Entscheidungskraft, was und worüber er erzählen will, eingeengt.  


*'''II. Phase'''
=====II. Phase=====
Nun kommen Rückfragen zum Gehörten oder die vorbereiteten Fragen zum Einsatz. Wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler offene Fragen stellen und den Befragten nicht zu sehr ausfragen. Der Zeitzeuge soll möglichst frei über sich reden (z.B. über Schule, Eltern, Beruf und politische Ansichten). Dabei erkennt man schon bald eine bestimmte Einstellung und eine grundlegende Prägung des Befragten. Die Schülerinnen und Schüler merken schnell, dass sie immer neugieriger werden, je mehr sie von den Geschichten und Anekdoten des Befragten erfahren. An geeigneten Stellen können sie nach Fotos, Dokumenten oder Gegenständen fragen, um eine zusätzliche Quellenbasis heranzuziehen, die auch weitere Erinnerungen des Zeitzeugen anregen können.  
Nun kommen Rückfragen zum Gehörten oder die vorbereiteten Fragen zum Einsatz. Wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler offene Fragen stellen und den Befragten nicht zu sehr ausfragen. Der Zeitzeuge soll möglichst frei über sich reden (z.B. über Schule, Eltern, Beruf und politische Ansichten). Dabei erkennt man schon bald eine bestimmte Einstellung und eine grundlegende Prägung des Befragten. Die Schülerinnen und Schüler merken schnell, dass sie immer neugieriger werden, je mehr sie von den Geschichten und Anekdoten des Befragten erfahren. An geeigneten Stellen können sie nach Fotos, Dokumenten oder Gegenständen fragen, um eine zusätzliche Quellenbasis heranzuziehen, die auch weitere Erinnerungen des Zeitzeugen anregen können.  
Kritik und eigene Deutung sind im Interview fehl am Platz. Die Schülerinnen und Schüler dürfen zwar den Zeitzeugen auf Widersprüche aufmerksam machen, sollen dabei aber nicht belehrend sein. Auch wenn die Schülerinnen und Schüler nicht mit den Einstellungen oder Handlungen des Zeitzeugen einverstanden sind, dürfen sie ihm keine Vorwürfe machen. Der Zeitzeuge soll das Gefühl haben, verstanden zu werden und eine positive Rückmeldung erlangen.  
Kritik und eigene Deutung sind im Interview fehl am Platz. Die Schülerinnen und Schüler dürfen zwar den Zeitzeugen auf Widersprüche aufmerksam machen, sollen dabei aber nicht belehrend sein. Auch wenn die Schülerinnen und Schüler nicht mit den Einstellungen oder Handlungen des Zeitzeugen einverstanden sind, dürfen sie ihm keine Vorwürfe machen. Der Zeitzeuge soll das Gefühl haben, verstanden zu werden und eine positive Rückmeldung erlangen.  


*'''III. Phase'''
=====III. Phase===== 
In dieser letzten Phase werden Punkte angesprochen, die noch nicht behandelt wurden und noch offene Fragen können geklärt werden. Danach bedanken sich die Schülerinnen und Schüler und verabschieden sich. Dabei ist es wichtig, dass das Interview nicht abrupt endet, sondern sozusagen ausklingt, wie zum Beispiel durch einen Rückblick auf das Gespräch oder durch eine Plauderei über Aktuelles. <ref> vgl. Henke-Bockschatz: Frage- und Dokumentationstechnik. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S. 32 </ref>
In dieser letzten Phase werden Punkte angesprochen, die noch nicht behandelt wurden und noch offene Fragen können geklärt werden. Danach bedanken sich die Schülerinnen und Schüler und verabschieden sich. Dabei ist es wichtig, dass das Interview nicht abrupt endet, sondern sozusagen ausklingt, wie zum Beispiel durch einen Rückblick auf das Gespräch oder durch eine Plauderei über Aktuelles. <ref> vgl. Henke-Bockschatz: Frage- und Dokumentationstechnik. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S. 32 </ref>


*'''Aufbereitung'''
====Aufbereitung====


Nach dem Interview werden wesentliche Aussagen anhand der Aufzeichnung zusammengefasst.<ref> vgl. Sauer 2004, 202 f. </ref> Möglich wäre es, einen tabellarischen Überblick zu erstellen. Dabei werden in einer Spalte grundlegende Ereignisse aus der Geschichte festgehalten und in der anderen Spalte die persönlichen Ereignisse aus der Lebensgeschichte des Zeitzeugen.  
Nach dem Interview werden wesentliche Aussagen anhand der Aufzeichnung zusammengefasst.<ref> vgl. Sauer 2004, 202 f. </ref> Möglich wäre es, einen tabellarischen Überblick zu erstellen. Dabei werden in einer Spalte grundlegende Ereignisse aus der Geschichte festgehalten und in der anderen Spalte die persönlichen Ereignisse aus der Lebensgeschichte des Zeitzeugen.  
Danach wird das Interview Wort für Wort transkribiert. Für die Schülerinnen und Schüler bedeutet dies einen sehr großen, aber lohnenswerten Aufwand. Somit können sie (oder der Lehrer) noch Wochen später auf das Interview zurückgreifen. Nach der Transkription wird die Aufzeichnung strukturiert und die Aussagen/ Daten werden auf ihre Validität und Reliabilität überprüft. "Stimmt das Datum eines Ereignisses, konnte der Zeitzeuge damals überhaupt schon davon wissen, hätte er nicht schon längst davon wissen müssen?"<ref> Sauer 2004, 202 </ref> Daraufhin darf das Interview kommentiert und in den Kontext des Themas gestellt werden. Hierbei dürfen die Schülerinnen und Schüler ihre eigene Deutung und Wertung miteinbringen.  
Danach wird das Interview Wort für Wort transkribiert. Für die Schülerinnen und Schüler bedeutet dies einen sehr großen, aber lohnenswerten Aufwand. Somit können sie (oder der Lehrer) noch Wochen später auf das Interview zurückgreifen. Nach der Transkription wird die Aufzeichnung strukturiert und die Aussagen/ Daten werden auf ihre Validität und Reliabilität überprüft. "Stimmt das Datum eines Ereignisses, konnte der Zeitzeuge damals überhaupt schon davon wissen, hätte er nicht schon längst davon wissen müssen?"<ref> Sauer 2004, 202 </ref> Daraufhin darf das Interview kommentiert und in den Kontext des Themas gestellt werden. Hierbei dürfen die Schülerinnen und Schüler ihre eigene Deutung und Wertung miteinbringen.  


*'''Präsentation'''
==== Präsentation ====
Nach der durchgeführten Quellenkritik und der Arbeit mit der Aufzeichnung, werden die Gruppenergebnisse der Klasse vorgestellt. Hierbei können die einzelnen Gruppen ihre Ergebnisse vergleichen und den anderen Gruppen Fragen stellen.  
Nach der durchgeführten Quellenkritik und der Arbeit mit der Aufzeichnung, werden die Gruppenergebnisse der Klasse vorgestellt. Hierbei können die einzelnen Gruppen ihre Ergebnisse vergleichen und den anderen Gruppen Fragen stellen.  


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==== Retro- und Prospektive ====
==== Retro- und Prospektive ====
In der Retro- und Prospektive wird das abgeschlossene Projekt nochmals reflektiert und evaluiert, um so folgende Projekte verbessern zu können und zu wissen, wie man an Dinge herangeht. Dabei werden gewonnene Erkenntnisse schriftlich festgehalten, damit man später darauf zurückgreifen kann. Dabei geht es prinzipiell um drei Kompetenzen: Die [[Grundlagen der historischen Kompetenzorientierung#Die Historische Sachkompetenz| Sachkompetenz]] (Welche Reaktionen gab es? Was hat mich erstaunt/ überrascht? Was habe ich mitgenommen/ gelernt?), die arbeitsmethodische Kompetenz (Wie hat mir die Projektarbeit gefallen und warum? Wo gab es Schwierigkeiten und welche Möglichkeiten zur Überwindung gibt es?) und die Auftrittskompetenz (Wie hat man den eigenen Auftritt erlebt? Was ist gelungen und was nicht? Welche Schwierigkeiten gab es und welche Möglichkeiten zur Überwindung gibt es?). <ref> vgl. Berner/Zimmermann 2005, S. 171 </ref>
In der Retro- und Prospektive wird das abgeschlossene Projekt nochmals reflektiert und evaluiert, um so folgende Projekte verbessern zu können und zu wissen, wie man an Dinge herangeht. Dabei werden gewonnene Erkenntnisse schriftlich festgehalten, damit man später darauf zurückgreifen kann. Dabei geht es prinzipiell um drei Kompetenzen: Die [[Grundlagen der historischen Kompetenzorientierung#Die Historische Sachkompetenz| Sachkompetenz]] (Welche Reaktionen gab es? Was hat mich erstaunt/ überrascht? Was habe ich mitgenommen/ gelernt?), die arbeitsmethodische Kompetenz (Wie hat mir die Projektarbeit gefallen und warum? Wo gab es Schwierigkeiten und welche Möglichkeiten zur Überwindung gibt es?) und die Auftrittskompetenz (Wie hat man den eigenen Auftritt erlebt? Was ist gelungen und was nicht? Welche Schwierigkeiten gab es und welche Möglichkeiten zur Überwindung gibt es?). <ref> vgl. Berner/Zimmermann 2005, S. 171 </ref>
== Zeitzeugen im Fernsehen ==
== Zeitzeugen im Fernsehen ==


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Ein weiterer Nachteil der Oral History ist, dass eine intensive Vor- und Nachbereitung und ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Eigeninitiative bei den Schülerinnen und Schüler notwendig ist. Das hohe Maß an Eigenaktivität und Selbstständigkeit kann bei manchen Gruppen zu Problemen führen oder eine Schranke darstellen, da sie diese Form von freiem Arbeiten nicht gewohnt sind. Bei einer Zeitzeugenbefragung benötigen die Schüler Unterstützung und Betreuung durch erfahrene Geschichtslehrer, jedoch haben selbst Geschichtslehrer oft keine Erfahrung damit, da die Vorbereitung, Durchführung und Analyse solcher Gespräche in der Lehrerausbildung vernachlässigt wird. <ref> vgl. Henke-Bockschatz: Oral History im Geschichtsunterricht. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S. 18 – 24 </ref>  Darüber hinaus nehmen die Schüler Aussagen der Zeitzeugen als bezeugte Wahrheiten hin und halten sie für glaubwürdiger als z.B. Historikeraussagen oder Schulbuchdarstellungen. Soll Oral History keine folgenlose Abwechslung oder Unterhaltung bleiben, so benötigt sie eine intensive Vor-und Nachbereitung. Lernende sollten sich soweit wie möglich mit der früheren Lebenssituation des Interviewten vertraut machen und das allgemeine historische Umfeld muss ebenso erarbeitet werden. Erst dadurch ist eine richtige Auswertung möglich. Dies erfordert jedoch einen hohen Zeitaufwand und geht meist über den schulischen Rahmen hinaus. Außerdem fehlt den Schülerinnen und Schüler oft die nötige Sachkenntnis, um eine Zeitzeugenbefragung angemessen durchführen zu können. <ref> vgl. Henke-Bockschatz: Oral History im Geschichtsunterricht. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S. 18 – 24 </ref>  Aus diesem Grund wird die Zeitzeugenbefragung oft im Rahmen von Projektarbeiten oder in Geschichtswerkstätten durchgeführt.
Ein weiterer Nachteil der Oral History ist, dass eine intensive Vor- und Nachbereitung und ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Eigeninitiative bei den Schülerinnen und Schüler notwendig ist. Das hohe Maß an Eigenaktivität und Selbstständigkeit kann bei manchen Gruppen zu Problemen führen oder eine Schranke darstellen, da sie diese Form von freiem Arbeiten nicht gewohnt sind. Bei einer Zeitzeugenbefragung benötigen die Schüler Unterstützung und Betreuung durch erfahrene Geschichtslehrer, jedoch haben selbst Geschichtslehrer oft keine Erfahrung damit, da die Vorbereitung, Durchführung und Analyse solcher Gespräche in der Lehrerausbildung vernachlässigt wird. <ref> vgl. Henke-Bockschatz: Oral History im Geschichtsunterricht. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S. 18 – 24 </ref>  Darüber hinaus nehmen die Schüler Aussagen der Zeitzeugen als bezeugte Wahrheiten hin und halten sie für glaubwürdiger als z.B. Historikeraussagen oder Schulbuchdarstellungen. Soll Oral History keine folgenlose Abwechslung oder Unterhaltung bleiben, so benötigt sie eine intensive Vor-und Nachbereitung. Lernende sollten sich soweit wie möglich mit der früheren Lebenssituation des Interviewten vertraut machen und das allgemeine historische Umfeld muss ebenso erarbeitet werden. Erst dadurch ist eine richtige Auswertung möglich. Dies erfordert jedoch einen hohen Zeitaufwand und geht meist über den schulischen Rahmen hinaus. Außerdem fehlt den Schülerinnen und Schüler oft die nötige Sachkenntnis, um eine Zeitzeugenbefragung angemessen durchführen zu können. <ref> vgl. Henke-Bockschatz: Oral History im Geschichtsunterricht. In: Geschichte lernen, Heft 76 (2000), S. 18 – 24 </ref>  Aus diesem Grund wird die Zeitzeugenbefragung oft im Rahmen von Projektarbeiten oder in Geschichtswerkstätten durchgeführt.


Die Methode der Oral History im alltäglichen Schulunterricht sehr schwer umsetzbar und kann nur "im handlungs- und projektorientierten Geschichtsunterricht" durchgeführt werden.<ref> vgl. Sauer 2004, 201 </ref> Außerdem entbindet die Interviewmethode nicht von [[Quellenarbeit im Geschichtsunterricht (Sek.I)| Quellenarbeit]]. Die Aussagen müssen eingeordnet und geprüft werden z.B. durch Befragung weiterer Zeitzeugen oder Abgleich schriftlicher Quellen, sodass sich ein schlüssiges Gesamtbild ergeben kann.<ref> vgl. "Methodisch – didaktische Hinweise zur Oral History" unter http://www.hdbg.de/boehmen/downloads/oralhistory-lehrer.pdf, S.4 f. </ref>
Die Methode der Oral History im alltäglichen Schulunterricht sehr schwer umsetzbar und kann nur "im handlungs- und projektorientierten Geschichtsunterricht" durchgeführt werden.<ref> vgl. Sauer 2004, 201 </ref> Außerdem entbindet die Interviewmethode nicht von Quellenarbeit. Die Aussagen müssen eingeordnet und geprüft werden z.B. durch Befragung weiterer Zeitzeugen oder Abgleich schriftlicher Quellen, sodass sich ein schlüssiges Gesamtbild ergeben kann.<ref> vgl. "Methodisch – didaktische Hinweise zur Oral History" unter http://www.hdbg.de/boehmen/downloads/oralhistory-lehrer.pdf, S.4 f. </ref>


==Beispiel einer Zeitzeugenbefragung==
==Beispiel einer Zeitzeugenbefragung==
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'''Karlsbad, 27.06.2012 (Maria Haas)'''
'''Karlsbad, 27.06.2012 (Maria Haas)'''


Ich heiße Maria Haas und wurde 1936 in Karlsruhe geboren. Ich wohnte mit meiner Familie in Langensteinbach. Das ist ein Dorf 20 Kilometer vor Karlsruhe. Langensteinbach hatte zur damaligen Zeit ca. 3500 Einwohner. Mittlerweile leben hier ca. 7000 Menschen. Die Familie bestand aus meinen Großeltern, meinen Eltern, meinem Bruder, meiner Schwester und mir. Wir hatten einen großen Hof mit fünf Hektar Feldern und Vieh. Außerdem gehörte uns ein Kohlehandel. Ich wurde 1941 eingeschult.  
Ich heiße Maria Haas und wurde 1936 in Karlsruhe geboren. Ich wohnte mit meiner Familie in Langensteinbach. Das ist ein Dorf 20 Kilometer vor Karlsruhe. Langensteinbach hatte zur damaligen Zeit ca. 3500 Einwohner. Mittlerweile leben hier ca. 7000 Menschen. Die Familie bestand aus meinen Großeltern, meinen Eltern, meinem Bruder, meiner Schwester und mir. Wir hatten einen großen Hof mit fünf Hektar Feldern und Vieh. Außerdem gehörte uns ein Kohlehandel. Ich wurde 1941 eingeschult. Das erste was wir lernten war der deutsche Gruß. Alle kampffähigen Männer wurden zum Militär eingezogen. Auch unsere jungen Lehrer mussten dem Befehl folgen. Als Ersatz wurden uns Lehrerinnen und Lehrer aus dem Elsass zugeteilt, die uns sehr gut unterrichteten. Während des Krieges verloren viele meiner Mitschüler ihren Vater, Bruder oder Onkel. Dazu kam die Nahrungsnot. Alles was möglich war wurde an die Front transportiert. Lebensmittelkarten wurden ausgestellt. Für Kleider und Schuhe gab es Bezugsscheine. Jedes zweite Jahr ein paar Schuhe. Mit der voranlaufenden Zeit des Krieges häuften sich die Fliegerangriffe. Ich erlebte mit wie die schwerbeladenen Kampfflugzeuge tief über unser Dorf in Richtung Pforzheim flogen. Mein älterer Bruder nahm mich auf eine nahe Bergkuppe mit. Von da sahen wir, wie über der Stadt Pforzheim leuchtende Christbäume standen. Es waren Leuchtkörper, die den Flugzeugen Orientierung geben sollten. Der Himmel war rot von dem unheimlichen Feuer. Die Angriffe auf Karlsruhe konnte ich teils mit verfolgen und hören. Die Sirenen heulten und die Abwehrgeschütze donnerten bei Tag und bei Nacht. Bei schweren Angriffen waren Bombenexplosionen zu hören. Viele Menschen starben oder wurden obdachlos. In meiner Familie waren über sechs Wochen vier Personen untergebracht. Im letzen Jahr des Krieges wurden wir oft von Tieffliegern überrascht. Auf dem Schulweg musste ich mit meinen Mitschülern an den Häusermauern entlang laufen. Während des Unterrichts meldeten die Sirenen oft Fliegeralarm. Dann mussten sich alle Klassen in den Keller drängen. Die Angst war immer sehr groß. Dann ging der Unterricht weiter. Gegen Ende des Krieges waren viele deutsche Soldaten auf dem Rückzug. Da unser Wohnhaus an der Durchfahrtsstraße von Karlsruhe und Pforzheim lag habe ich vieles mitbekommen. Am 8. April 1945, an einem Sonntag, hörte man schon früh morgens das dauernde Rattern von Maschinengewehren und das dröhnende Donnern der Geschütze. Die deutschen Soldaten die noch da waren bekamen den Befehl Langensteinbach zu verteidigen. Sie taten es mit letzter Kraft und dem Rest ihrer Munition. 27 deutsche Soldaten fielen in und um Langensteinbach. Die Hälfte von ihnen war unter 20. Jahren. Von der Straße hörte ich Stimmen: „Die Franzosen marschieren ein“. Im nu hatten sich die Leute in ihre Keller begeben. Schon ging die Haustür auf und ein französischer Offizier stand mit vorgehaltenem Maschinengewehr vor uns. „ Sind hier deutsche Soldaten?“ „Nein.“ Meine Mutter begrüßte ihn mit „Bonjour Monsieur“. Ich stand neben ihr. Wir hatten sehr große Angst. Er zeigte ihr sein Handgelenk in dem ein Splitter steckte. Sie verband es ihm mit einem Schnapsumschlag. Die Soldaten durchsuchten das ganze Haus nach deutschen Soldaten und Gegenständen wie Hakenkreuzfahnen. Sie fanden aber nichts. Der Offizier konnte gut deutsch und sagte: „ Sie und Ihre Kinder schlafen im Keller. 30 Mann schlafen oben. Sie kochen für 30 Mann“. Kartoffeln waren im Haus und die Soldaten gingen in die Nachbarschaft und holten sieben Hühner, schlachteten sie und brachten sie in die Küche. „ Sie brauchen keine Angst haben, draußen steht Wache“ Der Offizier schrieb mit Kreide einige Worte an die Haustür. Wenn später französische Soldaten kamen und das Haus durchsuchen wollten, was auch Monate nach dem Krieg noch der Fall war, verwiesen wir sie darauf und sie kehrten jedes mal um. Die Soldaten holten aus der Nachbarschaft auch viel Bettzeug. Zwei Nächte verbrachten sie hier bevor sie weiterfuhren. Die Soldaten waren recht freundlich, besonders zu uns Kindern. Sie schenkten uns Kaugummi, was ich vorher nicht kannte und kleine Wurstdosen. Das war etwas Besonderes.
 
Das erste was wir lernten war der deutsche Gruß. Alle kampffähigen Männer wurden zum Militär eingezogen. Auch unsere jungen Lehrer mussten dem Befehl folgen. Als Ersatz wurden uns Lehrerinnen und Lehrer aus dem Elsass zugeteilt, die uns sehr gut unterrichteten. Während des Krieges verloren viele meiner Mitschüler ihren Vater, Bruder oder Onkel. Dazu kam die Nahrungsnot. Alles was möglich war wurde an die Front transportiert. Lebensmittelkarten wurden ausgestellt. Für Kleider und Schuhe gab es Bezugsscheine. Jedes zweite Jahr ein paar Schuhe. Mit der voranlaufenden Zeit des Krieges häuften sich die Fliegerangriffe. Ich erlebte mit wie die schwerbeladenen Kampfflugzeuge tief über unser Dorf in Richtung Pforzheim flogen. Mein älterer Bruder nahm mich auf eine nahe Bergkuppe mit. Von da sahen wir, wie über der Stadt Pforzheim leuchtende Christbäume standen. Es waren Leuchtkörper, die den Flugzeugen Orientierung geben sollten. Der Himmel war rot von dem unheimlichen Feuer. Die Angriffe auf Karlsruhe konnte ich teils mit verfolgen und hören. Die Sirenen heulten und die Abwehrgeschütze donnerten bei Tag und bei Nacht. Bei schweren Angriffen waren Bombenexplosionen zu hören. Viele Menschen starben oder wurden obdachlos. In meiner Familie waren über sechs Wochen vier Personen untergebracht. Im letzen Jahr des Krieges wurden wir oft von Tieffliegern überrascht.  
 
Auf dem Schulweg musste ich mit meinen Mitschülern an den Häusermauern entlang laufen. Während des Unterrichts meldeten die Sirenen oft Fliegeralarm. Dann mussten sich alle Klassen in den Keller drängen. Die Angst war immer sehr groß. Dann ging der Unterricht weiter. Gegen Ende des Krieges waren viele deutsche Soldaten auf dem Rückzug. Da unser Wohnhaus an der Durchfahrtsstraße von Karlsruhe und Pforzheim lag habe ich vieles mitbekommen. Am 8. April 1945, an einem Sonntag, hörte man schon früh morgens das dauernde Rattern von Maschinengewehren und das dröhnende Donnern der Geschütze. Die deutschen Soldaten die noch da waren bekamen den Befehl Langensteinbach zu verteidigen. Sie taten es mit letzter Kraft und dem Rest ihrer Munition. 27 deutsche Soldaten fielen in und um Langensteinbach. Die Hälfte von ihnen war unter 20. Jahren. Von der Straße hörte ich Stimmen: „Die Franzosen marschieren ein“. Im nu hatten sich die Leute in ihre Keller begeben. Schon ging die Haustür auf und ein französischer Offizier stand mit vorgehaltenem Maschinengewehr vor uns. „ Sind hier deutsche Soldaten?“ „Nein.“ Meine Mutter begrüßte ihn mit „Bonjour Monsieur“. Ich stand neben ihr. Wir hatten sehr große Angst. Er zeigte ihr sein Handgelenk in dem ein Splitter steckte. Sie verband es ihm mit einem Schnapsumschlag. Die Soldaten durchsuchten das ganze Haus nach deutschen Soldaten und Gegenständen wie Hakenkreuzfahnen. Sie fanden aber nichts. Der Offizier konnte gut deutsch und sagte: „ Sie und Ihre Kinder schlafen im Keller. 30 Mann schlafen oben. Sie kochen für 30 Mann“. Kartoffeln waren im Haus und die Soldaten gingen in die Nachbarschaft und holten sieben Hühner, schlachteten sie und brachten sie in die Küche. „ Sie brauchen keine Angst haben, draußen steht Wache“ Der Offizier schrieb mit Kreide einige Worte an die Haustür.  
 
Wenn später französische Soldaten kamen und das Haus durchsuchen wollten, was auch Monate nach dem Krieg noch der Fall war, verwiesen wir sie darauf und sie kehrten jedes mal um. Die Soldaten holten aus der Nachbarschaft auch viel Bettzeug. Zwei Nächte verbrachten sie hier bevor sie weiterfuhren. Die Soldaten waren recht freundlich, besonders zu uns Kindern. Sie schenkten uns Kaugummi, was ich vorher nicht kannte und kleine Wurstdosen. Das war etwas Besonderes.


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